Zocken für Jesus – Ein Pfarrer auf Twitch

15. Juli 2020 | Niklas Schier | Kirchengemeinde Uellendahl-Ostersbaum

„Hey, ich habe mit der Kirche eigentlich nichts am Hut. Und DU bist ECHT Pfarrer? Hätte ich nicht gedacht, dass jemand von der Kirche überhaupt zockt. Cool.“

Das ist sinngemäß die Standardreaktion auf das, was ich gerade so tue. Ich streame nämlich seit etwas mehr als einem halben Jahr Videospiele auf der Plattform Twitch und habe inzwischen eine Followerzahl von knapp 250 erreicht. Die Menschen, die ich damit erreiche, sind fast immer kirchenfern bis kirchenfeindlich; der Rest, den ich großzügig auf 5 % schätze, der grundsätzlich etwas mit Kirche anfangen kann, ist mir zum Großteil persönlich bekannt.

Und so gibt es auch innerkirchlich auf meine Erklärungen dieses nahezu allgegenwärtige standardisierte Stirnrunzeln, mit dem man mir dann erklärt: „Ich kann mit dieser ganzen Videospielwelt nichts anfangen“.

Pfarrer, Zocker, Nerd

Was ich tue, ist eigentlich recht einfach: Ich streame Videospiele auf der Videoplattform Twitch. Man kann mir beim Zocken zusehen, mit mir oder gegen mich spielen. Zum Teil habe ich auch schon aufgrund von Raids (der Möglichkeit auf Twitch, seine Zuschauer auf andere Kanäle zu schicken) vor über 400 Menschen gleichzeitig gespielt.

Die Gespräche beim Zocken haben eine theologische Tiefe, wie ich sie in meinem ganzen Vikariat kaum erlebt habe.

Und dadurch ergeben sich interessante Gespräche, teilweise von solch theologischer Tiefe, wie ich sie in meinem ganzen Vikariat niemals erlebt habe. Natürlich gibt es auch immer wieder solche, bei denen ich mich für Hexenverbrennungen und Kreuzzüge rechtfertigen muss, aber auch solche, die dezidiert nach meiner theologischen Einschätzung zum Thema Erbsünde oder Organspendepflicht fragen oder auch Seelsorge über Discord in Anspruch nehmen. So baut sich nach und nach eine Community auf.

Wie passen Gaming und Gottesdienst zusammen? Niklas Schier erklärt es auf seinem YouTube-Kanal.

Kirchlicher Digitalisierungsschub während Corona?

Das alles tue ich nicht nur, weil ich eine Leidenschaft für Videospiele habe. Sondern vor allem, weil ich die sogenannten „Digitalisierungsschübe“ in Zeiten von und vor Corona mit großem Befremden zur Kenntnis genommen habe. Dazu kann ich wirklich viel und lange schreiben und viele Finger in noch mehr offene Wunden legen; grundsätzlich fehlt mir aber eine produktive Auseinandersetzung mit der Internetkultur.

Mir fehlt in Kirche eine produktive Auseinandersetzung mit der Internetkultur.

Von der Gaming-Szene kann Kirche lernen, wie Gemeinschaft im digitalen Raum funktioniert

Und da ist der große Themenbereich Gaming, der seitens der Kirche höchstens aus religionspädagogischer Perspektive angegangen wird, aber in der digitalen Kultur ein ziemlicher Elefant im Raum ist. Dabei prägen Videospiele Gegenwartskultur, bedienen sich theologisch und kirchlich mehr als interessanter Themen und vor allem hat die Gaming-Szene auch vor Corona gezeigt, wie Gemeinschaft im digitalen Raum aussehen und funktionieren kann.

Ich finde es schade, dass Kirche hierzu nahezu völlig schweigt. Dabei ist das, was ich tue, wirklich kein Hexenwerk und bietet ein wirklich niedrigschwelliges Angebot für Kirchenferne, mit mir zu interagieren, die ich sonst auf klassischen Kanälen niemals erreichen würde und die mich sogar so angenehm oder unterhaltsam finden, dass sie wiederkommen.

Zocken für Jesus

Ich finde die Erlebnisse, die ich mache, wenn ich exponiert als Pfarrer in der Nerdkultur unterwegs bin, wirklich bemerkenswert: Allein dadurch, dass ich sehr offensiv als Pfarrer auftrete und dieses gesamte Projekt „Zocken für Jesus“ nenne, triggert bereits das viele mögliche Gespräche – und die Menschen sind durchaus erfreut darüber, dass ich als Vertreter der Kirche mit ihnen interagiere und das vor allem als Gamer tue. Dabei erhalte ich immer wieder die Rückmeldung, dass sie sonst keine positiven Berührungspunkte mit Kirche sähen.

Auch das Gemeindeleben auf Twitch braucht Zeit

Dieses Projekt konnte ich nun vier Monate in Vollzeit verfolgen, seitdem ich aber nun mit einer halben Stelle im regulären Pfarrdienst bin und „nebenher“ promoviere, merke ich, wie schwer sich das verträgt. Wenn ich nach einem anstrengenden Tag keine Energie mehr für einen Livestream habe, bleibt wenig Zeit für diese Art von Gemeindeleben: Mit ein paar Stündchen, die ich hier und da investiere, ist es lange nicht getan. Darin unterscheidet sie sich nicht von einer Ortsgemeinde.

Ich glaube, dass die Orientierung an bereits bestehenden digitalen Communities ein Schlüssel zur Digitalisierung ist.

Der große Bereich Gaming – den ich als Einzelperson auch nur unzureichend abdecken kann – ist dabei jedoch nur einer von vielen. Deswegen kann ich alle, die diesen Text nun lesen – ganz egal, ob Pfarrer*in oder nicht – ermutigen, auf die eigenen digitalen Vernetzungen zu schauen.

Wie kann ich als Christ*in für meine Community da sein?

Vielleicht bist du selbst in Foren, Social Media-Gruppen oder auf anderen Kanälen digital vernetzt – mit anderen Fans von Serien, Handballvereinen, veganen Rezepten, Heavy Metal oder oder oder... Und stelle dir vor: Diese Leute sind meine Gemeinde.

Welche Form kirchlichen Handelns ist hier angemessen?

  • Vielleicht ist es die Seelsorge und du kannst mit einer privaten Nachricht nochmal nachhören, wenn du den Eindruck hast, dass jemand aus deiner Gruppe einen Gesprächsbedarf hat. Und es wird der Person durchaus leicht fallen, sich jemandem zu öffnen, der bereits auf der gleichen Wellenlänge ist.
  • Vielleicht sind es gemeinsame Aktivitäten, die man im digitalen Raum zusammen unternehmen kann.
  • Vielleicht sind es ganz andere Dinge, die dir nun gerade vorschweben und die ich nicht auf dem Schirm haben kann, weil ich in deiner Community nicht vernetzt bin.
  • Und vielleicht sind es die Gottesdienste. Eine Form der Verkündigung, die deine konkrete Community ernst nimmt und auf einem entsprechenden Kanal läuft, mit dem diese Community gute Erfahrungen gemacht hat (ob YouTube oder Zoom da immer die richtige Wahl ist oder ob das über einen anderen Kanal laufen kann, weißt du in diesem Falle am besten).

Aber bis dahin wird es dauern. Es wird dir eine hohe Scheitertoleranz abverlangen. Und du wirst dich wieder und wieder für Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und Tebartz van Elst rechtfertigen müssen.

Du wirst lange für ein gutes Konzept brauchen (und ich möchte dich wirklich ermutigen, dir diese Zeit zu nehmen!). Aber du wirst einen digitalen Gottesdienst für eine digitale Gemeinde feiern.

Und das sind vielversprechendere Aussichten als der diakonische Kassettendienst mit verändertem Trägermedium.

Titelbild: Emmanuel auf Unsplash