Hybride Seelsorge

8. Dezember 2020 | Dr. Tobias Kirchhof | midi

Durch Corona haben die psychischen Angsterkrankungen und Depressionen um ein Vielfaches zugenommen, wie inzwischen auch statistisch bewiesen ist. Ebenso haben sich die Gefühle der Einsamkeit verstärkt und die psychische Belastung der Gesamtgesellschaft hat deutlich durch die Pandemie zugenommen. Dem entgegen zu wirken wird durch das Distanzierungsgebot erschwert und fördert gleichzeitig neue Kreativität.

Telefonseelsorge und Chatseelsorge

Der absolute Vorreiter bei der seelsorglichen Begleitung in der Pandemie war die Telefonseelsorge bzw. ihr erweitertes und seit Jahren geübtes Angebot einer Chatseelsorge. Diese schon immer auf Distanz angelegten Formate der Seelsorge waren schon lange vor der Pandemie entwickelt und konnten dann ausgeweitet werden. Viele andere Seelsorgebereiche mussten und wollten hier nachziehen.

Allerdings stellte sich als ein Problem der digitalen Seelsorge heraus, dass sie – selbst wenn entwickelt – nicht unbedingt gefunden wird.

Wer sucht schon im Krankenhaus nach der angebotenen Seelsorge-App oder gar in der Pflegewohneinrichtung. Angebot und Suchende müssen hier noch besser zueinander gebracht werden, bspw. durch entsprechende QR-Codes und eine ausgeweitete Öffentlichkeitsarbeit.

Digitale Seelsorgeeinheiten in sozialen Netzwerken

Aber neben der aufgesuchten Seelsorge im digitalen Raum stellt sich die Frage nach der aufsuchenden Seelsorge.

Seelische Nöte kommunizieren sich in den sozialen Netzwerken. Bspw. beobachtet die Notfallseelsorge, dass sich nach traumatischen Großereignissen (Terroranschläge, Unglücke usw.) die Betroffenen und ihre Angehörigen bei Facebook u.a. vernetzen und dort ins Gespräch kommen wollen.

Hier braucht es digitale Seelsorgeeinheiten, die für die Menschen da sind und die absolut ortsunabhängig sein können. Das gilt auch über solche Ereignisse hinaus und ist Seelsorge im offenen ungeschützten digitalen Raum.

Umgekehrt wird daran gearbeitet, auch in der Digitalität sichere Räume zu schaffen, in denen sich Menschen öffnen. Das Versprechen, dass das Seelsorgegeheimnis gewahrt wird und auch technisch gewahrt werden kann, ist auch hier zu geben und zu sichern. Erste Projekte dazu gibt es seitens der EKD.

Die Chancen der digitalen Seelsorge liegen auf der Hand

– auch unabhängig der Pandemie. Dort, wo im ländlichen Raum immer weniger kirchliche Präsenz möglich sein wird, können diese Lücken durch digitale Formate ausgeglichen werden – oder sie werden ganz wegfallen. Die Frage, wie überregional oder doch regional auch eine digitale Seelsorge sein muss, wird strittig diskutiert.

Digitale Seelsorge und hybride Formen werden zukünftig eine feste Größe in der Seelsorgearbeit der Kirchen sein.

Sie dürfen aber nicht die bisherigen Seelsorgeformate ersetzen oder gar als deren günstigere Alternative betrachtet werden, sondern sie treten ergänzend zu ihnen hinzu und entfalten ihre Wirkung nur unter bestimmten Bedingungen.

Die Nähe der Seelsorge zu den Menschen kann digital sein –, der überwiegende Teil wird und muss aber die leibliche Begegnung bleiben. Dies ist gerade im Angesicht kommender Einsparungen unhintergehbar.

Schließlich – digitale Seelsorge ist spezielle Seelsorge

Das heißt, es muss für sie konkret und professionell ausgebildet werden. Erste Impulse dazu sind gesetzt, diese müssen aber weiter ausgebaut und durch begleitende Fortbildungen unterstützt werden. Die bestehenden Ausbildungsformen sind um das Moment der digitalen Seelsorge zu erweitern.

Zum Schluss: Der digitale Seelsorge-Bot ist zwar eine schwierige Vorstellung – aber sie ist nicht mehr gänzlich abwegig. Kirche wird dazu eine Haltung entwickeln müssen – und ggf. selbst zur Entwicklerin werden.