Das Binäre und das Ambivalente

3. März 2020 | Dr. Johann Hinrich Claussen | Kulturbeauftragter im Kulturbüro des Rates der EKD

Eine interessante Tagung in den wunderbaren neuen Räumen der Evangelischen Akademie Frankfurt führte am 2. März Christentum und Digitales zusammen. Es war einer von vielen Versuchen, die landauf, landab von Kirchenvertretern und Theologen unternommen werden, um die digitale Welt zu verstehen und sich zu ihr zu verhalten, in ihr zu bewegen. Solche Tagungen braucht es noch viel mehr, deshalb dürfen sie gern auch scheitern. Hauptsache, es wird gewagt.

Die meisten Theologen haben noch einen weiten Weg vor sich.

Aber schon der besonders sperrige Titel „Das Binäre und das Ambivalente. Theologie und Digitalisierungsdiskurs“ zeigte, dass die meisten Theologen noch einen weiten Weg vor sich haben.

Zu sehr neigen sie immer noch dazu, ihre eigenen Sprachspiele zu spielen, ihre Lieblingstheorien vorzuturnen, ihre Schlachten von damals wiederaufzuführen. Es fällt vielen immer noch sehr schwer, sich neugierig umzutun, von Fachleuten informieren zu lassen und auf eine verständliche Weise ihren Beitrag zu einer Kultur des Digitalen zu leisten. Deshalb war es so gut, dass zwei Fachleute für Klarheit und Orientierung sorgten.

Joachim Hertzberg vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Oldenburg machte deutlich, welche beiden Fragen er mit Theologen diskutieren würde: Wie ist eine humane Kommunikation im Netz möglich? Kann es ein religiöses Leben im Netz geben?

Vortrag von Prof. Dr. Joachim Hertzberg ab Minute 52.

Dem folgte Jürgen Rink, Chefredakteuer des Computermagazins c’t, mit den nötigen, zum Teil allerdings ziemlich dystopischen Sachinformationen.

Dr. Jürgen Rink: Digitalisierung verändert Kommunikationskultur – Welche Zukunft wollen wir?

Beide aber formulierten auch eine positive, freiheitliche und deshalb protestantismusnahe Botschaft:

Im Netz ist nichts in Stein gemeißelt, Veränderung ist möglich. Dafür aber braucht es digitale Bildung und digitales Engagement.

#anstanddigital

Das hat mich in meinen eigenen kleinen Versuchen bestärkt. Gemeinsam mit der Katholischen Akademie in Berlin und gefördert vom Haus der Kulturstaatsministerin haben wir vom Kulturbüro der EKD eine Aktion gestartet, die wir halbironisch „anstanddigital“ genannt haben.

Es ist der Versuch, eine Haltung zu entwickeln, aus der heraus eine bessere Kommunikation im Netz möglich ist. Wer uns dabei helfen möchte, ist herzlich eingeladen, seine Vorschläge auf unserer Website zu hinterlassen: anstanddigital.de.

Dr. Johann Hinrich Claussen über das Projekt #anstanddigital

Wir sollten uns nicht zu sehr von den digitalen Entgleisungen verschrecken lassen, sondern selbst Verantwortung übernehmen: auf eine kluge, angemessene und langfristige Weise im Netz aktiv sein, uns für andere interessieren, eine eigene Position vertreten, aber auch mit der Möglichkeit rechnen, Unrecht zu haben. Dann können wir Theologen einen Beitrag zu einer Ethik des Digitalen leisten.

Ob aber religiöses Leben selbst in einem anspruchsvollen Sinn im Netz möglich ist, da habe ich meine Zweifel. Religion ist mehr als Kommunikation. Sie geschieht in Begegnungen von Angesicht zu Angesicht, in vertrauensvollen Beziehungen, in einer realen Gegenwärtigkeit.

Blog Kulturbeutel

Auch das Überflüssige ist lebens­notwendig: Der Autor und Theologe Johann Hinrich Claussen reist durch die Weiten von Kunst und Kultur. Davon schreibt er im Blog Kulturbeutel.