Alles neu machen?!

Von Dr. Thomas Schlegel

Gar nicht neu; eher schon abgegriffen fühlt es sich an: Eine Betrachtung zur Jahreslosung 2026. Wie viele Andachten haben Sie dazu schon gehört - wie viele Besinnungen gelesen und Spruchkarten gesehen? Dass Jede:r in der christlichen Welt sich dazu äußert, ist inzwischen Tradition. Jedes Jahr das gleiche Spiel. 2027 wird es nicht anders sein.  

Gegen das immer Wiederkehrende erhebt die Jahreslosung Einspruch. ALLES soll neu werden. Nicht nur ein bisschen Variation, sondern ALLES!

Das löst bei mir durchaus ambivalente Gefühle aus. Denn Manches soll bitte bleiben! Ich möchte keine neue Ehe; meine Kinder mag ich auch, wie sie sind. Und gesellschaftlich habe ich sogar Angst, wenn ALLES anders würde. Bitte nicht! Meine Seele braucht Kontinuität und Verlässlichkeit. Jedenfalls auch; oder gerade dann, wenn sich so viel ändert.

Aber der Vers löst auch positive Gefühle aus: Endlich wirkliche Erneuerung – wo wir es nicht hinbekommen! Wo wir in alten Mustern stecken bleiben. Trotz dem inflationären Gerede von Innovation bleibt doch Vieles beim Alten – auch in der Kirche: zu Vieles fühlt sich schal an. Abgestanden. Immer der gleiche Trott. Nur Varianten des ewig Gleichen.

Da ist das radikale ALLES eine echte Verheißung – weil Gott wirklich erneuern kann: Wie damals zu Ostern oder mit jedem Menschen, der umkehrt oder mit jeder Kerze, die sich gegen die Faust durchsetzt. 

Wir brauchen Gottes Innovation. Dringend. Denn wirkliche Erneuerung kommt von ihm! Dass er Subjekt der Jahreslosung ist, ist mir das Wichtigste an diesem Vers. Bei Gott ist Innovation gut aufgehoben. Denn er weiß auch, wann es Kontinuität braucht. Er gibt den Takt vor und bewahrt das Gute vor dem Zugriff destruktiver Neuerungen. Die Balance zwischen Tradition und Innovation – es ist Gottes Sache.

Wie groß die Sehnsucht nach Erneuerung ist, merken wir an der Resonanz auf unseren November-Newsletter. Da ging es um „Geistliche Aufbrüche in der Gen Z“. Nachbarkirchen in Europa berichten davon. Die soziologische Einordnung von Edgar Wunder hat manche Erwartungen unserer Leser enttäuscht; andere begrüßten seine sachliche Nüchternheit.

Die Bandbreite der medialen Rezeption ist ähnlich groß: Die einen verunglimpfen die jugendlichen Suchbewegungen als reaktionären Reflex einer konservativen (männlichen) Generation, für die anderen stellt es die ersehnte Trendwende dar.

Wir haben das zum Anlass genommen, dieses Mal nach Frankreich zu reisen. Von dort erreichten uns Meldungen steigender Taufzahlen. Was ist da dran? Wie stellt sich die Lage im Nachbarland dar?  

Geprägt von 15 Jahren Pfarrdienst im Elsass skizziert Pfarrerin Dr. Anne Lepper, weshalb junge Menschen in Frankreich gerade jetzt die Taufe für sich entdecken. Außerdem geben wir Einblick in die Gedanken des Politikwissenschaftlers Yann Raison du Cleuziou und der Theologin Anne Soupa, die darauf reagiert. Dabei geht es um die Entwicklungen des Katholizismus seit 50 Jahren und warum die katholische Minderheit nun wieder attraktiv ist. Manches erinnert mich sehr an unsere deutsche Situation. Es stellt die Evangelische Kirche vor die Frage, wie sie die Minderheitensituation gestalten will – und wirft noch einmal ein interessantes Licht auf die KMU-Ergebnisse zum Ost-West-Split.