Wieder attraktiv – Teil 2: Rückkehr der Katholiken

Von Anne Soupa

Hinweis: Die folgende Auseinandersetzung der französischen Theologin Anne Soupa ist eine Antwort auf einen Beitrag des Politikwissenschaftlers Yann Raison du Cleuziou. Um Soupas Analyse besser einordnen zu können empfehlen wir deshalb, zunächst den Text von du Cleuziou zu lesen. Im Zentrum beider Texte steht die Frage, wie sich religiöse Minderheiten formieren: Werden sie durch eine starke innere Logik und klare Identität anziehend – oder sind sie eher Teil einer neuen gesellschaftlichen Avantgarde? Die Beiträge von Yann Raison du Cleuziou und Anne Soupa haben wir ins Deutsche übertragen.


Anne Soupa: Rückkehr der Katholiken

Die Medien sprechen in letzter Zeit viel von der „Rückkehr der Katholiken“, meist in traditioneller Form: Messen auf Latein, Pfingstwallfahrt nach Chartres, steigende Taufzahlen, eine Wiederbelebung der Fastenzeit, Marienfrömmigkeit und Heiligenverehrung.

Wie sollen wir damit umgehen und wie darauf reagieren?

Dass der Katholizismus sich wieder öffentlich zeigt, ist ... eher eine gute Sache. Dass er in den sozialen Netzwerken sichtbar wird, verlangt allerdings von uns allen, dass auch wir uns auf dieses Umfeld einstellen.

Entscheidend ist, ob sich dieser Katholizismus auf Christus bezieht. Ohne jedem Einzelfall vorgreifen zu wollen, beobachte ich, dass die zunehmende Zahl an Frömmigkeitsformen – sei es zu Ehren der Heiligen oder Mariens – die Stellung Christi relativiert. Christus gilt vielen offenbar als zu radikal und weniger „anschlussfähig“. Mein Eindruck ist, dass das primäre Ziel solcher Praktiken mehr der Schutz der Kirche ist (vor allem in ihrer tridentinischen Prägung), als die Verkündigung Christi.

Analytiker deuten diese Rückkehr als Bedürfnis nach Orientierung, zeitlicher Struktur und Ritualen, die eine brüchig gewordene Identität stabilisieren sollen. Alle großen Religionen erleben etwas Vergleichbares: Es ist eine Reaktion auf den Rückzug familiärer und institutioneller Bindungen sowie auf eine neue, verunsichernde kulturelle Durchmischung. Das alles erzeugt ein diffuses Gefühl des Verlassen-Seins – und die Sehnsucht nach dem „guten alten Glauben“.

Der Soziologe Yann Raison du Cleuziou geht in einem Interview mit La Vie noch weiter. Er versteht diese Renaissance der Traditionen als Ausdruck dafür, dass die katholische Kirche zur Minderheit geworden ist. Die jungen Katholik:innen sind sich ihrer Minderheitenposition bewusst und suchen nach einer Ausdrucksform dafür.

Mit Blick auf die vergangenen sechzig Jahre stellt er fest, dass die Kirche von einer „inneren Säkularisierung“ geprägt war: In der pastoralen Praxis wurden säkulare Werte wie Emanzipation, Autonomie, gesellschaftliches Engagement und Freiheit aufgegriffen und Laien stärker einbezogen. Diese pastoralen Ansätze aber – so seine These – konnten den Rückgang der kirchlichen Praxis nicht aufhalten.

Alles sei eingebrochen: Gottesdienstbesuch, Sakramentenpraxis, institutionelle Sichtbarkeit… Die jüngeren Generationen, oft aus Familien mit traditioneller sakramentaler Praxis, hätten daher eine Art Widerstandshaltung entwickelt.

Raison du Cleuziou erinnert: Eine Minderheit, die sich nicht organisiert, um sich selbst zu erhalten, ist zum Verschwinden verurteilt. Daher müsse sie sich abgrenzen, gegen gesellschaftliche Entwicklungen kämpfen, den Kult in den Mittelpunkt stellen und die Welt durch volkstümliche Frömmigkeit „verzaubern“.

Daraus ergeben sich für mich vier Anmerkungen:

Kann man wirklich sagen, dass eine Kirche, die den sensus fidei (den Glaubenssinn des Volkes) ignoriert, die Laien und Frauen nicht kirchenrechtlich einbindet, die der Empfängnisverhütung ablehnend gegenübersteht, innerlich „säkularisiert“ sei? Sind pastorale Ansätze gescheitert, weil sie zu weit gingen – oder im Gegenteil nicht weit genug? Und ist der Rückgang kirchlicher Praxis nun ein Ergebnis übermäßiger oder zu geringer Säkularisierung?

Um dies zu beantworten, müssen wir, so scheint mir, ständig zur Quelle des Evangeliums zurückkehren. Natürlich hat das heutige Christentum wenig mit der Zeit Jesu zu tun – ohne Priester, Bischöfe, Papst, Institution und Kirchengebäude. Es ist ja legitim, dass sich das Christentum kontextabhängig weiterentwickelt – aber warum behauptet dann die Institution, die katholische Kirche habe ihre Positionen nie verändert und verkörpere 1:1 Jesu Lehren und Wirken?

Viele Studien belegen heute das Gegenteil. Der Umgang mit Frauen – denen Jesus niemals geschlechtsspezifische Grenzen setzte – ist ein besonders deutliches Beispiel.

So drängt sich eine entscheidende Frage auf: Müssen wir nicht vor allem zur Haltung Jesu zurückkehren und sie in Taten übersetzen, um heute wirklich Neues zu gestalten – etwa die Gleichheit von Männern und Frauen, oder die innere Einheit des Gottesvolkes, indem man die unbiblische Trennung zwischen Klerus und Laien aufhebt?

Ich meine: Die klugen Analysen von Yann Raison du Cleuziou verdienen es, ergänzt zu werden. Der Rückgang der katholischen Kirche hat viele Gründe – und es gibt andere Antworten als die traditionale, die schnell zu einem Abziehbild der Vergangenheit mutiert.

Statt zu wiederholen „was früher funktioniert hat“, sollten wir vielleicht auf den Christus schauen, der „alles neu macht“ – und der in den Evangelien alles gesagt hat, was wir brauchen. Vorausgesetzt, wir vergessen sein Wort nicht.

Vielleicht genügt es, mit François Cassingena-Trévedy zu hören: „Das Herz des Christentums beginnt erst zu schlagen“ – und davon mit aller Kraft und allem Mut Zeugnis zu geben!