Auf der Suche nach Halt: Die Taufe als Antwort junger Erwachsener in Frankreich

Von Dr. Anne Lepper

Dr. Anne Lepper ist Pfarrerin und leitet die Fachstelle Ehrenamt und Kirche in neuen Formen der Evangelischen Landeskirche in Baden. Nach 15 Jahren Pfarrdienst im Elsass kennt sie die religiöse Landschaft sowie gesellschaftliche Dynamiken Frankreichs aus eigener Erfahrung. Mit ihrem Text eröffnet sie eine neue Perspektive auf die Diskussion um die wachsenden Taufzahlen in Frankreich, die zuvor von Dr. Edgar Wunder aufgegriffen wurde.

Warum lassen sich in Frankreich so viele Menschen taufen?

Ich möchte hier auf einem anderen Feld als Dr. Edgar Wunder antworten und mich nicht auf Statistiken konzentrieren – viele seiner kritischen Anmerkungen kann ich durchaus teilen. Stattdessen möchte ich vielmehr auf die möglichen Gründe eingehen, warum sich in Frankreich so viele junge Menschen von der katholischen Kirche angezogen fühlen und sich taufen lassen.
Hierbei geht es ausschließlich um katholische Taufen, da die evangelischen Kirchen in Frankreich keine Statistik zur Taufe erheben.

Ein Blick auf die Zahlen

Die Französische Bischofskonferenz zeigt seit rund zehn Jahren eine kontinuierliche Zunahme bei den jugendlichen und erwachsenen Taufen. Neu an den letzten beiden Jahren ist, dass der Anteil der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren besonders hoch ist: 2024 waren es etwa 36 %, 2025 sogar 42 %.

Eine strikt säkularisierte Gesellschaft – und ihre Folgen

Die französische Gesellschaft ist sehr stark säkularisiert. Viele der jungen Erwachsenen, die sich taufen lassen, stammen aus Familien, die seit Generationen keinerlei religiösen Kontakt mehr hatten. Zu Hause ist Religion kein Thema – nicht einmal die Großmutter geht noch zum Gottesdienst. In der Schule hören die Schülerinnen und Schüler beständig, Religion sei Privatsache und habe im öffentlichen Raum und in der Schule keinen Platz. Häufig wird Religion sogar als Gefahr für die Demokratie dargestellt.

Diese jungen Menschen haben somit weder in der Familie noch in der Schule Gesprächspartner für ihre spirituellen Empfindungen – geschweige denn für die großen Fragen des Lebens, die unweigerlich mit Religion und Glauben verknüpft sind. Sie erleben ein Vakuum – und beginnen, Sinn und Orientierung zu suchen in einer Gesellschaft, in der scheinbar „alles möglich“ ist.

Bemerkenswert ist zudem: Viele erzählen, dass ihre Familien nichts von ihrem Weg zur Taufe wussten. Dies ist keine familiär weitergegebene Tradition – es ist eine bewusste, persönliche Entscheidung. Sie suchen in der Kirche, was sie zu Hause nicht vorgefunden haben.

Der Einfluss des gelebten Islam als religiöses Vorbild

Eine Gruppe in Frankreich leistet Widerstad gegen die Verweltlichung: Muslimische Schülerinnen und Schüler leben ihren Glauben sichtbar – die Mädchen versuchen, mit Kopftuch in die Schule zu gehen, und Jungen wie Mädchen halten den Ramadan konsequent ein.

Die Jugendlichen, deren Familien vor fünfzig Jahren noch katholisch waren, erleben tagtäglich ihre muslimischen Mitschülerinnen und Mitschüler: Sie beobachten deren religiöse Praxis, deren klare Regeln, deren sichtbare Identität – und wie sie diese Überzeugung selbstverständlich in den Schulalltag hineintragen.

So stellen sich viele die Frage: Und was gibt es bei uns?
Sie beginnen, sich der Kirche zuzuwenden, um zu entdecken, was der christliche Glaube ihnen zu sagen hat.

Der Weg zur Kirche führt über Social Media

Interessant ist, dass diese jungen Menschen sich nicht zuerst an eine Pfarrei wenden – sondern sich, altersgemäß, zunächst auf Social Media orientieren. Auf TikTok gibt es zahlreiche katholische Influencerinnen und Influencer, die Ratschläge geben, wie ein christliches Leben praktisch aussehen kann und welchen Halt es bietet. Viele davon vertreten eine eher traditionelle Glaubenspraxis und werben für eine strenge Einhaltung kirchlicher Regeln.

Als 2025 der Ramadan nahezu parallel zur Fastenzeit stattfand, fragten viele junge Erwachsene die Priester ganz gezielt: „Was darf ich essen? Was darf ich nicht essen?“ Sie wollten klare Anweisungen – auch im Christentum.

Psychische Verletzlichkeit und Sehnsucht nach Halt

Die psychische und emotionale Fragilität vieler junger Menschen erklärt ebenfalls das erneute Interesse an Religion. Viele von ihnen haben schwere Krisen erlebt und suchen Gemeinschaft, Sinn und Antworten.

Chancen und Risiken für die Kirche

Die katholische Kirche freut sich über diese Entwicklungen – aber sie stellen sie gleichzeitig vor Herausforderungen.
Die jungen Erwachsenen streben nach klaren Regeln und Radikalität und lassen sich von Influencern in diese Richtung bestärken. Die Kirche steht vor der Aufgabe, diese Inbrunst zu begleiten, ohne sie in fundamentalistische Ausprägungen entgleiten zu lassen.

Was dieses Interesse uns zeigt

Was wir als evangelische Kirche in Deutschland daraus lernen können

Auch die jungen Erwachsenen in Deutschland suchen Sinn und Orientierung, und auch sie wurden durch die Coronakrise psychisch belastet. Der erste Ort ihrer Suche sind die sozialen Medien. Deshalb sollten die Kirchen ihre Präsenz dort verstärken – damit junge Menschen Antworten auf ihre Fragen finden und nicht nur durch radikale Influencer geprägt werden. Die Kirche soll dorthin gehen, wo die jungen Menschen sind.

Das ehrenamtliche Engagement wird immer weniger familiär weitergegeben, sondern individuell gewählt. So ist auch der Weg zum Glauben und zur Taufe heute eine persönliche Entscheidung – nicht mehr automatisch an die Herkunftsfamilie gekoppelt.

Bislang haben wir uns auf die familiäre Weitergabe verlassen – darauf, dass Kinder christlich erzogen werden. Diese Erziehung verliert jedoch an Bedeutung. Die jungen Erwachsenen entscheiden selbständig, ob sie zur Kirche gehören wollen – unabhängig davon, ob die Familie austritt oder in der Kirche bleibt.

Da der Religionsunterricht in vielen Schulen nur eine Nebenrolle spielt oder ganz verschwindet, können wir uns auch nicht mehr darauf verlassen, dass Kinder dort religiöse Bildung erhalten. Wir sind als Kirche gerufen, neue Wege zu finden, um Menschen zu erreichen. Social Media ist ein Weg – aber bei weitem nicht der einzige. Neue Orte und Formen müssen entwickelt werden.

Junge Erwachsene suchen nach Identität, die mit Bewusstsein gelebt wird. Sie suchen nach Modellen und Gemeinschaft, die ihnen Halt und Sinn geben. Das bietet eine Chance für uns als Kirche: wenn wir unseren Glaube selbstbewusst und bekennend leben, können sie in der Kirche und bei Christus einen Ort finden, die ihnen Halt, Sinn und Gemeinschaft gibt.