Wieder attraktiv – Teil 1: Katholizismus als Minderheit
Auch aus Frankreich erreichen uns Berichte über die religiösen Suchbewegungen der Gen Z. Über steigende Taufzahlen haben wir bereits im Oktober berichtet. Jenseits der Statistik interessiert uns jedoch, wie diese Entwicklungen vor Ort gedeutet werden. Denn anders als in Großbritannien oder den Niederlanden erscheint die christliche Welt Frankreichs hierzulande oft fern – nicht zuletzt wegen sprachlicher und konfessioneller Barrieren.
Im Folgenden geben wir Einblick in eine aktuelle französische Debatte: Der Soziologe Yann Raison du Cleuziou, Professor für Politikwissenschaft in Bordeaux und ausgewiesener Experte für den Katholizismus, sprach in La Vie davon, dass der Katholizismus gerade als Minderheit wieder an Attraktivität gewinnt. Darauf reagierte die Theologin Anne Soupa in ihrem Blog Le retour des cathos („Die Rückkehr der Katholiken“) mit einer ergänzenden Perspektive, in der sie zentrale Thesen aufgreift und kritisch befragt.
Im Zentrum steht die Frage, wie sich religiöse Minderheiten formieren: Werden sie durch eine starke innere Logik und klare Identität anziehend – oder sind sie eher Teil einer neuen gesellschaftlichen Avantgarde? „Eine Minderheit, die sich nicht organisiert, um sich selbst zu erhalten, ist zum Verschwinden verurteilt.“ Doch was heißt das konkret? Braucht es für die Ausbildung einer starken christlichen Identität Abgrenzung oder Anpassung an den Mainstream?
Eine Debatte, die auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung gewinnt. Die Beiträge von Yann Raison du Cleuziou und Anne Soupa haben wir ins Deutsche übertragen.
Yann Raison du Cleuziou: Der Katholizismus wird als Minderheit wieder attraktiv
Ist der Katholizismus zu einer religiösen Minderheit geworden – wie andere auch?
Der Katholizismus verschwand immer mehr aus der französischen Gesellschaft, bildete aber dennoch statistisch eine Mehrheit. Heute führt der Niedergang dazu, dass er zu einer Minderheit wird, allerdings nur in bestimmten Teilen der Gesellschaft. Vergleicht man die Generationen, zeigt sich ein deutliches Bild: Bei den über 60-Jährigen bezeichnen sich 45 % als katholisch, 30 % als konfessionslos und 17 % als Atheisten (EVS-Umfrage 2018). Bei den 18 bis 29-Jährigen sieht die religiöse Landschaft ganz anders aus: Nur 15 % sind Katholiken. Die dominierende Gruppe sind die „Konfessionslosen” mit 39 % der Bevölkerung, gefolgt von 28 % Atheisten.
Die Katholiken liegen lediglich auf dem dritten Platz, dicht gefolgt von den Muslimen mit 13 %. Während der Katholizismus bei den Älteren also dominiert, ist er bei den Jüngeren eine Minderheit – unter dem Eindruck der dominierenden Säkularität und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Islam. Der Katholizismus ist daher gleichzeitig eine Minderheit und eine Mehrheit – je nachdem, wo man hinschaut. Deshalb bevorzuge ich den Begriff der Minderheitentransition.
Das bedeutet, dass sich die Herausforderungen von einer Generation zur nächsten völlig verändern?
Die Säkularisierung trennt die Generationen und führt dazu, dass sie ihren Glauben unterschiedlich leben. Für die älteren Katholiken muss die kirchliche Praxis dazu beitragen, das soziale Gewicht des dominierenden Katholizismus zu relativieren, um zu einem bewussten und freiwilligen Glauben einzuladen.
Für die jüngeren Katholiken hat die Pastoral ein ganz anderes Ziel: Sie muss dem Verschwinden des Katholizismus entgegenwirken. Dies bedeutet, dass sie die Einzigartigkeit des Katholizismus gegenüber der säkularen Dominanz betonen muss – z.B. durch konfessionelle und „mysteriöse“ Aspekte, wie etwa im Film Sacré Cœur.
Wie prägt die Säkularisierung eine Kirche der Zukunft?
In den 1970er Jahren beobachtete der Soziologe François-André Isambert am Katholizismus, dass Säkularisierung nicht nur von außen Veränderungen forciert. Nein, sie entfaltet auch eine Dynamik innerhalb der Kirche. Um „modern“ zu bleiben, passte man den Stil an die säkularen Gewohnheiten an. Dies äußerte sich darin, dass der Klerus weniger normierte und eher als Begleiter auftrat; zudem wurde die Liturgie weniger hierarchisch gefeiert. Die Predigten betonten die Autonomie des Gewissens und förderten soziales Engagement.
Diese „interne Säkularisierung“ sollte den Katholizismus wieder relevant machen, erwies sich rückblickend jedoch als Übergang zur Säkularisierung. Fünfzig Jahre später befindet sich die Kirche in einer Gegenbewegung, der „internen Desäkularisierung“.
Warum dieser Umschwung?
Dies liegt an einem Selektionseffekt: Nicht alle Katholiken sind gleich widerstandsfähig gegenüber der säkularen Umgebungskultur. Während viele sich von der Kirche lösen, formiert sie sich um diejenigen neu, die bleiben. Diese haben tendenziell ein konservativeres Verhältnis zur Religion. Ich ziehe jedoch den Begriff „Observanten“ – der keine politische Konnotation hat – dem Begriff „Konservative“ vor. Ihr Glaubenssystem, das auf Pflichtbewusstsein, Askese und Hierarchie beruht, beinhaltet die Treue zur Messe und fördert eine Weitergabe des Glaubens.
Wer hingegen individuelle Autonomie schätzt und kirchliche Normen relativiert, neigt eher dazu, die Institution zu verlassen, da die Antworten der Kleriker nicht ihre spirituellen Bedürfnisse stillen. Infolgedessen wird der Katholizismus heute von Gläubigen strukturiert, die eine sakralere Atmosphäre, eine hierarchische Liturgie und eucharistische Anbetung bevorzugen.
Daher verändert sich der Katholizismus, je mehr er in der Gesellschaft abnimmt, auch von innen heraus. Die Atmosphäre der Kirchen heute ist sakraler und weniger säkularisiert als vor 50 Jahren.
Bedeutet das, dass der konservative Pol besser an eine Minderheiten-Welt angepasst ist?
Die Kirche ist im Übergang; während die Konzepte der 1960er und 70er Jahre für Ältere noch passen mögen, gibt es bei jüngeren Generationen und neuen Katechumenen eine steigende Nachfrage nach einem observanten Katholizismus. Diese Jugendlichen fragen nach klaren Regeln und der richtigen Praxis (Orthopraxie). Dies ist auch auf den Einfluss des Islam zurückzuführen, der für junge Menschen ohne religiöse Kultur oft zur Referenzreligion wird, wie eine Religion auszusehen hat. Diese Nachfrage findet beim jungen Klerus, der meist selbst aus observanten Familien stammt, Anklang.
Diese Neukonvertiten strömen seit zwei Jahren in die Kirchen. Ist das ein Zeichen für eine Rückkehr des Katholizismus?
Es ist noch zu früh für eine endgültige Interpretation, und statistisch gesehen kann diese Welle den Rückgang der Kindstaufen nicht ausgleichen; die Konversionen bleiben angesichts des allgemeinen zahlenmäßigen Rückgangs fast unsichtbar. Meine Hypothese ist jedoch, dass der Katholizismus als Minderheit wieder attraktiv wird, da seine konterkulturellen Dimensionen anziehend wirken. In den 1970ern war die Abkehr von der Kirche ein Weg der Emanzipation; heute, wo die Säkularität dominiert, wird die Konversion zu einem Weg der Selbstbehauptung.
Haben die linken katholischen Aktivisten der 1970er Jahre die Kirche aus Enttäuschung verlassen?
Statistisch gesehen ist dieser Flügel nicht verschwunden und wird von etwa 25 % der regelmäßigen Kirchgänger repräsentiert. In den 1970ern hatten sie als reformorientierte Minderheit großen Einfluss. Obwohl sie zahlenmäßig in der Minderheit waren, konnten sie den gesamten Katholizismus beeinflussen. Heute sind sie als Aktivisten weitgehend verstummt und Bewegungen wie die Action catholique wiegen kaum noch. Umgekehrt sind die observanten Katholiken zwar ebenfalls in der Minderheit, besitzen jedoch ein beachtliches Maß an kulturellen und medialen Ressourcen und sind sehr aktiv. Zudem stellen sie einen Großteil des aktuellen Klerus, was ihnen eine größere Relevanz verleiht, als es ihre tatsächlichen Zahlen vielleicht vermuten lassen.
Gibt es einen neuen Traditionalismus-Trend in Frankreich?
Ich halte es eher für eine „traditionalistische Illusion“. Der harte Kern der Traditionalisten bleibt stabil bei etwa 8 bis 10 %. Die Neuheit ist, dass die lateinische Messe von jungen Leuten nicht mehr als spaltend wahrgenommen wird, sondern als eine spirituelle Ressource. Sie nehmen gerne daran teil, um besondere spirituelle Momente zu erleben, ohne selbst Traditionalisten zu sein. Es ist ein ähnliches Phänomen wie ein Rückzug in ein Kloster mit den Tagzeitengebeten. Für viele sind diese Praktiken ein Übergangsstadium, um ein Bedürfnis nach der Messe zu verankern, das sie später in gewöhnlichen Pfarreien leben. Bistümer sollten diese liturgische Praxis nicht marginalisieren, um junge Menschen nicht dauerhaft an die Ränder zu drängen.
Entsteht heute eine neue Generation linker Katholiken, die sich unter dem Einfluss von Papst Franziskus für Ökologie und soziale Gerechtigkeit engagiert?
Frühere Ansätze wie die Zeitschrift Limite scheiterten teilweise an der Polarisierung zwischen rechts und links. Heute strukturiert sich jedoch etwas Neues um Orte wie das Dorothy in Paris, die Zeitung Le Cri oder das Kollektiv Lutte et Contemplation. Diese Gruppen haben eine starke spirituelle Dimension und zeigen so, dass sie Teil der Desäkularisierung sind. Es ist möglich, dass sich hier ein neuer katholischer Weg von links öffnet, um der allgemeinen Rechtsdrift entgegenzuwirken.
Sie betonen auch das wachsende Gewicht von Katholiken mit Migrationshintergrund.
Ihr Gewicht ist entscheidend. Die interne Desäkularisierung wird nicht nur von den Observanten, sondern auch von Katholiken aus der Migration getragen, die aus weniger säkularisierten Gesellschaften kommen. Bei ihnen ist das Übernatürliche im Alltag unmittelbar präsent. Sie schaffen einen neuen „populären Pol“ und wirken so der Gentrifizierung (der Überrepräsentation des Bürgertums) in der Kirche entgegen. Ihr Erstarken ist keine Rückkehr zum „alten Frankreich“, sondern ein Ausdruck der Globalisierung.
Eine Reaktion der französischen Theologin Anne Soupa auf diesen Beitrag lesen Sie hier.