Neue Verständigungsorte-Studie: Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt.

Interview von Beatrix Pahl

Interview

Wie gespalten ist unsere Gesellschaft wirklich – und was braucht es, damit Menschen trotz unterschiedlicher Sichtweisen miteinander ins Gespräch kommen? Die neue #VerständigungsOrte-Studie „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt” von midi zeichnet ein differenziertes Bild: Sie unterscheidet vier gesellschaftliche Grundhaltungen und zeigt, welche Themen trennen, welche Sorgen verbinden und unter welchen Bedingungen Verständigung gelingen kann. Im Interview spricht Daniel Hörsch, Sozialwissenschaftlicher Referent bei midi und Autor der Studie, über überraschende Befunde, die Grenzen vermeintlich klarer gesellschaftlicher Lager und die Frage, was Kirche und Diakonie konkret für gelingende Verständigung tun können.

Hallo Daniel! Was zeigte die erste Verständigungsorte-Studie im vergangenen Jahr – und was blieb damals noch verborgen? Was hast du durch die neue Auswertung entdeckt?

Die erste Studie aus dem Februar 2025 hat vor allem eine Stimmung sichtbar gemacht. 82 Prozent der Befragten hielten die Gesellschaft für gespalten, 70 Prozent fanden die öffentliche Debatte weniger sachlich als früher und 59 Prozent mieden bestimmte Themen im eigenen Umfeld, um Streit zu vermeiden. Diese Zahlen beschrieben ein Gefühl, sie sagten aber nicht, worin die Spaltung eigentlich besteht und wo sie verläuft. Genau das blieb verborgen, nämlich die innere Ordnung hinter den Einzelbefunden. Für die neue Auswertung hat midi tiefer nach dieser Struktur gefragt. Sichtbar wurden vier annähernd gleich große Grundhaltungen. Hinzu kommt der Befund, dass Sorgen selbst weltanschaulich geprägt sind, dass sich hinter der Demokratieunzufriedenheit zwei sehr verschiedene Gruppen verbergen und dass Religiosität die politische Konfliktlinie nicht ordnet.

Du unterscheidest vier Grundhaltungen: die Vertrauensvoll Wachsamen, die Progressiven Gerechtigkeitskritiker, die enttäuschten Ungehörten und die rundum Verunsicherten. Was unterscheidet diese vier Gruppen – und was haben sie gemeinsam?

Die vier Grundhaltungen ordnen sich entlang von drei Achsen, nämlich dem Demokratievertrauen samt kultureller Bedrohungswahrnehmung, der Gerechtigkeitswahrnehmung und der Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Vertrauensvoll Wachsamen mit 27,9 Prozent sind demokratiezufrieden, sehen soziale Unterschiede eher als gerecht und haben die höchste Lebenszufriedenheit. Die Progressiven Gerechtigkeitskritiker mit 24,2 Prozent sind ebenfalls demokratiezufrieden, zugleich aber am schärfsten gerechtigkeitskritisch, jung und säkular. Die Enttäuschten Ungehörten mit 24,1 Prozent sind demokratieunzufrieden, thematisch auf Migration fokussiert, eher männlich geprägt und im Osten überrepräsentiert. Die Rundum Verunsicherten mit 23,9 Prozent sind ebenfalls demokratieunzufrieden, aber diffus um alles besorgt, eher weiblich geprägt und parteipolitisch heimatlos. Gemeinsam ist den vier Gruppen ein Klima der Vorsicht. Das bewusste Meiden von Themen liegt bei allen zwischen 55,2 und 61,7 Prozent, und die Einschätzung, die Debatte sei weniger sachlich geworden, zwischen 71,9 und 76,1 Prozent. Geteilt wird zudem die Erfahrung, dass es dem eigenen Leben meist gut geht, während der Blick auf das Land düster ausfällt.

Was verraten diese vier Grundhaltungen über die Stimmung in unserer Gesellschaft? Sind wir tatsächlich so gespalten, wie die öffentliche Debatte oft suggeriert – oder ist das Bild komplizierter?

Das Bild ist deutlich komplizierter, als es die Rede von zwei Lagern nahelegt. Die Gesellschaft zerfällt gerade nicht in zwei Blöcke, sondern in vier annähernd gleich große Grundhaltungen. Hinzu kommt, dass die Spaltung stark eine Frage der subjektiven Wahrnehmung ist. 82 Prozent halten die Gesellschaft für gespalten, im eigenen Umfeld erleben das aber nur wenige, denn lediglich rund 14 Prozent berichten von wenig Übereinstimmung mit den Menschen um sich herum. Die Spaltung wird also eher der Gesamtgesellschaft zugeschrieben als im Nahbereich erlebt. Echte Konfliktlinien gibt es dennoch, vor allem bei Migration und beim Rechtsruck. Man kann also sagen, dass die Erregung über bestimmte Themen real ist, das Bild der zerrissenen Gesellschaft aber überzeichnet.

Wobei helfen uns solche Typologien – und wo besteht die Gefahr, dass sie selbst wieder zu Schubladen werden?

Typologien helfen, aus einer diffusen Wahrnehmung von Spaltung eine differenzierte Landkarte zu machen. Sie zeigen, dass eine pauschale Botschaft für Zusammenhalt strukturell nur einen Teil der Gesellschaft erreicht und dass jede Grundhaltung einen eigenen Zugang braucht. Die Gefahr der Schublade ist dabei mitzudenken. Deshalb ist der Begriff Grundhaltung bewusst gewählt. Es geht nicht um feste Milieus, in die Menschen hineingehören, sondern um Muster im Antwortverhalten, die sich als Kontinuum verstehen lassen. Die Typen ordnen einen Raum, sie zerlegen die Gesellschaft nicht in vier Blöcke. Wichtig ist außerdem, dass ein Teil der Menschen von keiner der vier Grundhaltungen gut erfasst wird, nämlich die ambivalente Mitte. Sie verschwindet nicht, sie bleibt nur unsichtbar. Eine Typologie ist also ein Werkzeug zum Verstehen und kein Etikett für einzelne Personen.

Wenn diese vier Grundhaltungen aufeinandertreffen: Was braucht es, damit aus Konfrontation tatsächlich Verständigung werden kann? Und wie können wir unseren Horizont weiten, um andere Sichtweisen besser zu verstehen?

Entscheidend ist, dass die Form mindestens so wichtig ist wie der Inhalt. Über alle vier Grundhaltungen hinweg nennen die Befragten zuerst eine neutrale Moderation mit 77,9 Prozent und klare Kommunikationsregeln mit 72,4 Prozent, erst danach folgen Fakten und Expertenwissen mit 64,8 Prozent. Verständigung beginnt also nicht mit dem richtigen Argument, sondern mit einem glaubwürdigen Raum. Ein guter Einstieg liegt zudem weniger bei den großen Streitfragen als beim Umgang miteinander, denn die Sorge um die Verrohung wird breit geteilt und erzeugt kaum Ärger. Die Methodik der #VerständigungsOrte-Startbox  setzt hier an. Sie stellt das Erzählen persönlicher Geschichten vor das Austauschen von Meinungen und fragt „Was ist deine Geschichte?“. Wer von der eigenen Erfahrung erzählt und der Erfahrung anderer zuhört, weitet den eigenen Horizont, ohne sich sofort in Positionen zu verschanzen.

Gibt es einen Befund deiner Studie, der dich selbst überrascht oder nachdenklich gemacht hat? Wo lohnt es sich, genauer hinzuschauen?

Nachdenklich gemacht hat mich vor allem das Item zur Meinungsfreiheit. Insgesamt sagen 51,6 Prozent, man könne in Deutschland nicht mehr frei seine Meinung äußern, ohne Ärger befürchten zu müssen. Überraschend ist die enorme Spannweite zwischen den Gruppen. Bei den Enttäuschten Ungehörten stimmen 79,5 Prozent zu, bei den Progressiven Gerechtigkeitskritikern nur 15,1 Prozent. Diese 64 Prozentpunkte sind der größte Abstand der ganzen Untersuchung. Bemerkenswert ist zudem, dass dieses Gefühl kein neutrales Freiheitsempfinden ist, sondern ein Marker der eigenen politischen Verortung. Für Verständigungsorte ist das ein heikler Punkt, weil ein Gesprächsraum für viele Menschen schon dann unglaubwürdig wird, wenn sie vermuten, dort nicht frei sprechen zu können. Genau hier lohnt der genaue Blick.

Wenn du den Menschen in Kirche und Diakonie, die sich für Verständigungsorte engagieren, nur eine Erkenntnis aus der Studie mitgeben dürftest: Welche wäre es?

Wenn ich nur eine Erkenntnis mitgeben dürfte, dann diese: Nicht die richtige Botschaft entscheidet über gelingende Verständigung, sondern der verlässliche Raum. Die Studie zeigt, dass Religiosität die politische Konfliktlinie nicht ordnet und dass die eigentliche Stärke von Kirche und Diakonie in ihren Räumen, Beziehungen und Verfahren vor Ort liegt. Was Menschen trägt, ist weniger die Weltanschauung als die soziale Einbindung. Für die Praxis heißt das, Diakonie und Kirche wirken am stärksten, wenn sie als Gastgeber verlässlicher Orte auftreten und nicht als Absender einer Botschaft. Die Politischen Nachtgebete nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zahlen genau darauf ein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Foto von Daniel Hörsch

Daniel Hörsch

Sozial­wissen­schaft­licher Referent