Kirche was nun? Strategien im Umgang mit dem kirchlichen Aderlass

  1. Prolog: Ist die Kirche aus der Welt ausgetreten?
  2. Lassen wir uns als Kirche infrage stellen?
  3. Was denn noch? Systemische Überforderungen vs. kerngemeindliche Sehnsüchte
  4. Megatrend Gemeindeschwester oder „Vor-Ort-für-Dich-Kraft“
  5. Epilog
Ist die Kirche aus der Welt ausgetreten?

1. Prolog: Ist die Kirche aus der Welt ausgetreten?

Die EKD, die Ev. Arbeitsstelle midi und die Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP) beleuchten seit 2020 das Thema „Agile Kirche und Diakonie (AKuD)“ aus unterschiedlichen Perspektiven.

Die evangelische und katholische Kirche verlieren nach wie vor enorm viele Mitglieder. Das jüngst veröffentlichte Missbrauchsgutachten der Erzdiözese München-Freising wirkte diesbezüglich wie ein ‚Austritts-Katalysator‘. Austrittsstudien belegen, dass es vor allem die Unzufriedenheit mit der Institution Kirche ist, die Menschen dazu veranlassen, der Kirche den Rücken zu kehren. Die Erosion religiös-kirchlicher Plausibilitätsstrukturen in weiten der Gesellschaft verfestigt sich offenbar. In den binnenkirchlichen und medialen Diskursen zum Thema Kirchenaustritt werden allerdings die verbliebenen Mitglieder und deren emotionale Betroffenheit nicht selten ausgeblendet.

Was machen die vielen Austritte mit den Menschen, die der Kirche (noch) verbunden sind und sich in ihr engagieren? Welche Strategien gibt es im Umgang mit dem kirchlichen Aderlass. Diese Fragen standen im Fokus einer Veranstaltung in der Reihe „Agile Kirche und Diakonie“ am 29. März 2022.

Daniel Hörsch, sozialwissenschaftlicher Referent bei midi, führte anhand aktueller Trends in das Thema des Abends ein.

a. Die Welt ist in Bewegung geraten

 Die Covid-19-Pandemie hat die Verletzlichkeit des Einzelnen und der Gesellschaft deutlich gemacht. Der Krieg in Europa macht die Verletzlichkeit der ‚freien Welt‘ und ihrer Werteordnung offensichtlich. Nicht von der Hand zu weisen ist, das daran anschließend bzw. gleichzeitig die Verletzlichkeit der ‚Einen Welt‘ auf der globalen Agenda stehen wird bzw. steht. Megatrends, wie sie beispielsweise das Zukunftsinstitut entworfen haben und die in den zurückliegenden Jahrzehnten die Fortschrittsgläubigkeit befeuert haben, scheinen angesichts der Krisenmomente brüchig geworden. Dahinter sichtbar werden anthropologische Grundkonstanten menschlichen Zusammenlebens, die es stets neu auszubalancieren gilt, erst recht in einer Ära der Dauerkrise: Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

b. Pluralität der Lebensentwürfe

Viel ist von Diversität in der Gesellschaft die Rede. Auch in der Kirche. Mit Blick auf die Lebensformen ist feststellbar, dass lediglich 23% der Lebensformen sich Lebensformen mit Kindern zuordnen lassen. 20% machen die Alleinstehenden aus, 24% EhepartnerInnen ohne Kinder. Es stellt sich deshalb die Frage, inwieweit sich die Pluralität der Lebensformen in der kirchlichen Praxis tatsächlich abbildet, oder wie sehr die Bilder von Lebensentwürfen in Kirche noch früheren Idealbildern anhängen. Darüber hinaus ist seit Jahrzehnten beobachtbar, dass nicht nur die Taufquote rückläufig ist, sondern auch die Trauquote. Wurden 1953 noch 80% aller standesamtlich geschlossenen Ehen auch konfessionell getraut, sind es gegenwärtig noch knapp 20%. Hier zeigen sich evidente Abbrüche. Ebenso ist damit zu rechnen, dass die christlichen Kirchen spätestens ab 2023 in der gesellschaftlichen Minderheit sein werden, also nicht mehr die Mehrheitsgesellschaft abbilden. Dies wird das Bild auf die christlichen Kirchen verändern, inklusive staatskirchenvertraglicher Auswirkungen. Dieser Trend wird sicher auch das Selbstwertgefühl der Kirchen originär berühren.

c. Kirche im Spannungsfeld von Believing, Behaving und Belonging

Kirche in säkularen Kontexten legt seit Jahrzehnten sehr viel Wert auf die Dimensionen des Belonging und Behaving. Überlegungen zur Rekonfiguration der Kirchenmitgliedschaft oder Ideen zu niederschwelligeren Zugangsmöglichkeiten zur Kirche dokumentierten dies eindrücklich. Ebenso ist vor allem in der Pandemie offensichtlich geworden, dass die gottesdienstliche Landschaft vielfältiger Natur ist. Auch hat das diakonisch-caritative und das kreative Unterwegs-Sein im Sozialraum nachweislich den Menschen bei der Alltagsbewältigung geholfen. Nahezu ein blinder Fleck scheint allerdings die Dimension des Believing zu sein, vor allem auch vor dem Hintergrund aktueller Studien, dass Menschen mit Gott oder etwas Höherem vor allem Kraft, Liebe und Geborgenheit verbinden. Es lohnt sich, diesen emotionalen Tiefenstrukturen des Glaubens mehr Aufmerksamkeit und Raum in der Kirche zu schenken, allzumal die Menschen dies genau von Kirche erwarten. Fragt man Menschen in der Kirche, die im Haupt- oder Ehrenamt tätig sind, nach ihrer Gemütslage nach der Pandemie, so sind es vier Gemütszustände, die sich ausmachen lassen: erschöpft, ernüchtert, experimentierfreudig und ermutigt. Erfahrungen zeigen, dass es vor allem der Austausch und das Teilen über den eigenen Glauben, Gottesbilder aber auch über das Zweifeln sind, was auf Menschen eine Anziehungskraft ausübt. Vielleicht braucht es eine Reanimation dieses Austausches und eine Hinwendung zu den lebensweltlichen Realitäten der Menschen, um als Kirche wieder in die Welt einzutreten und dadurch für Menschen mehr an Relevanz zu gewinnen.   

2. Lassen wir uns infrage stellen?

In der ersten Austauschgruppe bot die Religionswissenschaftlerin Regina Laudage-Kleeberg einen Input zum Thema „Lassen wir uns als Kirche infrage stellen!?“. Die Referentin für Organisationsentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat Essen berichtete als Mitherausgeberin von einer Studie mit dem Titel „Kirchenaustritt – oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss“.

Doch neben systemischen, organisationslogischen und strukturellen Beobachtungen begleiteten Laudage-Kleeberg besonders die einzelnen zugrundeliegenden Geschichten der jährlich tausenden von Austretenden. Sie startete die privat initiierte Website Kirchenkrise.de

In der Austauschgruppe zog Laudage-Kleeberg aus ihren Erfahrungen mit der Studie sowie der Website Kirchenkrise.de eine inspirierende Verbindung als Grundlage für eine gemeinsame Diskussion. Abschließend fasste sie anhand von zwei Punkten die Gesprächsgänge zusammen:

Erstens

in Form eines deutlichen Zuspruchs: Nichts spräche gegen eine ehrliche Kommunikation von Glaubensthemen oder auch Krisen und Zweifel. Laudage-Kleeberg machte Mut, sich hier offener und authentischer zu zeigen, und wünscht sich, dass Theologie und strategische Prozesse noch stärker ineinander gehen.

Zweitens

in Form von Hinweisen zu Umsetzung und Rollen für Wandel: Laudage-Kleeberg forderte, die notwendigen Prozesse auf die Straße zu bringen: „Wir können selbst lernen und entscheiden, was wir von strategischen Prozessen wollen, und auch, was wir von ihnen nicht wollen. Das müssen wir uns nicht von externen Stellen vorgeben lassen.“

„Wir können selbst lernen und entscheiden, was wir von strategischen Prozessen wollen, und auch, was wir von ihnen nicht wollen. Das müssen wir uns nicht von externen Stellen vorgeben lassen.“


3. Was denn noch? Systemische Überforderungen vs. kerngemeindliche Sehnsüchte

Häufig begegnet einem in binnenkirchlichen Diskursen die Ambivalenz von einerseits systemischen Überforderungen, die meist durch Strukturveränderungsprozesse oder andere kirchenleitende Vorgaben der landeskirchlichen Ebene zugeschrieben werden, und Sehnsüchten der Menschen vor Ort andererseits. Zweifelsohne spielt diese Ambivalenz im kirchlichen Alltag eine Rolle. Dennoch bestehen darüber hinaus noch eine ganze Reihe von Ambivalenzen, denen sich kirchliche Akteure verstärkt bewusstwerden dürfen.

Es gibt Ambivalenzen, die eine Pfarrperson mit und für sich auszumachen hat. etwa organisational mehr und mehr gefordert zu sein und sich dadurch Stück für Stück von Sehnsüchten, die sich ursprünglich mit dem Berufsbild des/der PfarrerIn verbunden haben, weg zu bewegen. Es gibt ferner das Spannungsfeld von Sehnsüchten der Kirchengemeinde und Erwartungen von zivilgesellschaftlichen Akteuren und Institutionen an die Kirche vor Ort. Ebenso gilt es Ambivalenzen von engagierten Mitgliedern und der Kirche fernstehenden Menschen Rechnung zu tragen in der kirchlichen Praxis vor Ort. Eine Vielfalt an Ambivalenzen, denen es gerecht zu werden gilt.

Kirche macht Spaß

Eine Rückmeldung aus dem Projekt „Erprobungsräume“ der Ev. Landeskirche in Mitteldeutschland ist, dass Menschen, die dort in Erprobungsräumen aktiv sind, Spaß an der Kirche haben und dies auch so äußern. Anders hingegen vielfach das Bild in empirischen Studien oder Umfragen, die ein Bild von einer öden oder langweiligen Kirche zeichnen, vor allem mit Blick auf Jugendliche und junge Erwachsene sowie verstärkt auch bei Haupt- und Ehrenamtlichen.

Den Blick stets auf die feststellbaren und seit Jahrzehnten zu beobachtenden Abbrüche zu richten und das Bemühen, das ‚Abbruch-Unternehmen‘ Kirche durch den Erhalt der gegenwärtigen Sozialgestalt in größeren, meist regionalen Kontexten retten zu wollen, führt offenbar bei vielen Akteuren des kirchlichen Lebens nicht nur zu Ermüdungs- und Ernüchterungserscheinungen. Vermutlich würden Therapeuten diesbezüglich von einem systemischen Burn-Out sprechen. Vielfach geht damit eine Traurigkeit über das Ende der bisher gekannten volkskirchlichen Blütezeit einher, die sich wie Mehltau auf die Gemütslage der Menschen vor Ort legt. Dadurch droht allerdings ein selbstbewusster und zuversichtlicher Umgang mit den Veränderungen zu ersticken, der unerlässlich ist für die Anziehungskraft einer Kirche im Wandel. Überdies könnte es helfen, selbstbewusst aus dem christlichen Glauben heraus zu sagen, wer Kirche ist – und nicht darauf zu warten, dass die Selbstpositionierung von außen kommen könnte.

Konzentration aufs Kerngeschäft

Nach wie vor sind viele Gemeinden bemüht, das volkskirchlich gewohnte Vollprogramm aufrechtzuerhalten, wohlwissend, dass beispielsweise religiöse Sozialisation bereits über Generationen erodiert ist. In Grundschulen begegnen Pfarrpersonen im Religionsunterricht mehrheitlich Kindern, denen der Kindergottesdienst ebenso fremd ist wie biblische Geschichten. Oft ist der Religionsunterricht in der Grundschule für die Kinder der Erstkontakt mit religiösen Inhalten.

Was Menschen von der Kirche mehrheitlich erwarten sind soziale Hilfe und der Verkündigungsdienst/die Seelsorge. Im Alltag von Pfarrpersonen zeigt sich deutlich, dass es die Kasualien sind, bei denen Kontaktflächen zu Menschen geschaffen werden, die sonst dem Kerngemeindlichen fernstehen. Kasualien sind für den Umgang mit fernstehenden Kirchenmitgliedern ein zentraler Ankerpunkt. Hier gilt es vor allem die Erwartungen der Fernstehenden an die jeweiligen Kasualien gerecht zu werden, also einer Bedürfnisorientierung Raum zu schenken.

Communities als kirchliche Sozialform der Zukunft

Gruppen und Kreise stehen nicht erst seit der Pandemie und damit einhergehenden Teilnahme-Abbrüchen im Fokus des innerkirchlichen Interesses. Dass eine Partizipation am kirchlichen Leben über Gruppen und Kreise, wie es in der volkskirchlichen Blütezeit selbstverständlich war, kaum Zukunft hat, liegt schon seit Jahren auf der Hand. Das Leben der Menschen spielt sich in vielfältigen lebensweltlichen Communities statt, die einen netzwerkähnlichen Charakter haben, fluide und flexibel gestaltet sind, auf Freiwilligkeit und Selbstbestimmung beruhen. Ein stärkerer gemeinwesensorientierter Bezug der Community-Praxis im kirchlichen Leben ist sicher ein zukunftweisender Weg, um Menschen eine Partizipation plausibel zu machen. Ferner auch ein Anerkennen, dass ein lebenslanges Vergemeinschaften in Gruppen und Kreisen, etwa dem Kirchenchor, nur noch für eine Minderheit infrage kommt. Wir werden es künftig verstärkter mit ständigen Ab- und Zugängen in der Community-Praxis zu tun haben, der in der Haltung des herzlichen Willkommen-Heißen und frohgemuten Abschied-Nehmen gestaltet werden darf. Damit einher geht auch, dass ein Loslassen eingeübt werden muss von Gruppen und Kreisen, die sich rein demographisch bedingt überlebt haben, in der Gewissheit, dass dort, wo Loslassen stattfindet, Raum und Ressourcen frei werden, für Anderes.

Erproben als Möglichkeit, in Bewegung zu bleiben

Beinahe könnte man den Eindruck gewinnen, dass die „Erprobungsräume“, die in der Ev. Kirche in Mitteldeutschland seit 2014 als ein Prozess zur Förderung anderer Gemeindeformen gefördert werden, in vielen Landeskirchen als eine Art ‚Verheißungsformel‘ zur Bewältigung der anstehenden kirchlichen Herausforderungen angesehen werden. Zahlreiche Landeskirchen haben zwischenzeitlich das Konzept der Erprobungsräume adaptiert. Die Akteure der Ev. Kirche in Mitteldeutschland betonen dabei allerdings, dass „Erprobungsräume“ als Weg zu verstehen sind, in Bewegung zu bleiben, und institutionelles Bemühen um Verzweckung enge Grenzen gesetzt sind bzw. fehlschlagen.

Kulturelle Unterschiede ernstnehmen

Die kirchliche Wirklichkeit in ländlichen Räumen unterscheidet sich von der in suburbanen oder städtischen Kontexten. Hat in ländlichen Räumen, zumindest in volkskirchlich noch gesättigten Verhältnissen des Südens und Westens die Kirchengemeinde noch einen selbstverständlichen Stellenwert, so ist die Kirche in ländlichen Räumen im Norden und Osten bemüht, ein Minimum an kirchlichem Leben unter Diaspora-Bedingungen aufrechtzuerhalten. Es wird darauf ankommen, vielfältige Zugänge zum christlichen Glauben zu ermöglichen und damit auch vielfältige Formen von Zugehörigkeiten zu erproben. Deshalb gilt es bei den Chiffren von einer „Kirche im ländlichen Raum“ oder „Kirche in säkularen Kontexten“ darauf zu achten, welche Kontexte jeweils gemeint sind, um nicht verkürzt zu verallgemeinern, sondern vielmehr der kulturellen Unterschiedlichkeit innerhalb der EKD gerecht zu werden.

Von Charme eines Sabbaticals: Wenn mal nichts ist…

Bei allem aktionistischen Reflex, der häufig in der kirchlichen Praxis wahrnehmbar ist, empfinden es viele Gemeinden als bereichernd und wohltuend, wenn einmal nichts ist und man die Erlaubnis hat, zur Ruhe zu kommen. Aus diesen Erfahrungen im Beratungsalltag von Gemeinden entstand die Idee, Gemeinden aktiv dazu zu ermuntern, für einen gewissen Zeitraum, beispielsweise 40 Tage, das gewohnte kirchliche Leben ruhen zu lassen. Gottesdienste und Kasualien werden vertreten, Gruppen und Kreise nehmen sich Zeit, um zu reflektieren, was, wie derzeit in ihrer Arbeit ist und was, wie anders werden kann und darf. Ferner wird dem gemeinsamen Teilen von Glaubenserfahrungen- und zweifeln Raum gegeben, um so im Hören zu einem gemeinsamen Bild zu gelangen, was trägt, was bleiben darf und was auch losgelassen werden darf. Ein Sabbatical als gemeindliche Rehabilitation im Glauben.

beispielsweise 40 Tage, das gewohnte kirchliche Leben ruhen zu lassen

4. Megatrend Gemeindeschwester oder „Vor-Ort-für-Dich-Kraft“

Sie ist die Frau, mit Haube oder ohne, die sich selbstlos und aufopfernd 24/7 in der Nachbarschaft um kranke, pflegebedürftige Menschen kümmert, Alleinerziehende unterstützt, Kinder erzieht, Hilfe organisiert und Seelsorgerin ist, gütig und (protestantisch) streng zugleich. So haben vielleicht noch viele das Bild einer Gemeindeschwester in ihrem Kopf, stammend aus den 60er oder 70er Jahren.

Heute haben sie keine Haube, sind gut ausgebildet, spezialisiert und haben mit den alten Klischees wenig gemein. Aber sie sind wieder die Kümmerinnen im Sozialraum.

Kirche, Diakonie und Kommunen sowie Länder zusammen

Die Renaissance der Gemeindeschwester scheint sich seit einigen Jahren nicht nur in Kirche und Diakonie zu vollziehen, sondern auch Kommunen und Länder entdecken dieses Konzept zur Unterstützung und Gestaltung des Sozialraums. Dabei verwenden sie teilweise den etablierten Begriff, wie in dem Projekt „Gemeindeschwester plus“ in Rheinland-Pfalz, oder nennen diese Menschen „Vor-Ort-für-Dich-Kraft“ wie die Sozialdemokratie in Schleswig-Holstein.

Renaissance der Gemeindeschwester als Vor-Ort-für-Dich-Kraft

Die säkularen Konzepte verzichten zwar auf eine spirituelle Prägung, wie sie beispielsweise die Gemeindeschwesterausbildung des Diakoniewerk Ruhr-Witten beinhaltet dafür überschneiden sie sich aber in zwei wesentlichen Punkten:

  • der niedrigschwelligen Hilfe vor Ort bzw. im Sozialraum und
  • einer Gemeinschaft von Helfenden, die sich gegenseitig stützen.

Deshalb ist es sinnvoll, dass Kirche, Caritas, Diakonie und Kommunen hier zusammenarbeiten und ihre Ressourcen miteinander teilen: sei es in der Aus- und Fortbildung von Gemeindeschwestern, sei es in der Unterstützung und Begleitung ihrer Arbeit vor Ort.

Durch die immer noch gute Infrastruktur von Kirche vor Ort, ist sie ein guter Partner für kommunale Gemeindeschwestern. Sie kann ihre Infrastruktur (Gebäude, Netzwerke, Fahrzeuge usw.) zur Verfügung stellen. Auch die angebotene Einbindung in (Arbeits-)Gemeinschaften ist wertvoll und wird teilweise dankend angenommen. Ebenso gibt es geistlich motivierte und ausgebildete Gemeindeschwestern, die für Kommunen arbeiten und von diesen bezahlt werden. Die Beispiele guter Zusammenarbeit über die Institutionengrenzen hinweg sind schon heute vielfältig und ermutigend.

Sozialraumorientierung als gemeinsame Aufgabe

Die Gemeindeschwester ist ein Puzzlestück in der Sozialraumentwicklung. Sozialpolitische und caritative bzw. diakonische Perspektiven passen unter dem Begriff der Sozialraumorientierung wunderbar zusammen und treffen sich quasi exemplarisch in der Funktion der Gemeindeschwester. Denn Mitmacherinnen gibt es sowohl aus christlicher und kirchlicher wie auch aus solidarischer und humanistischer Motivation.

Das Ziel aber, die Unterstützung der Menschen vor Ort, ist identisch und die Strukturen lassen sich diesem Ziel entsprechend miteinander kombinieren oder kooperativ verbinden.

Gemeindeschwester statt Gemeindehaus – eine Person fürs Gemeinwesen

Das Modell Gemeindeschwester setzt auf der Beziehungsebene an. Hatte man bislang vor allem Orte und Räume im Blick, die den sozialen Zusammenhalt einer Nachbarschaft unterstützen: Jugendclubs, BürgerInnen- und Gemeindehäuser usw. so werden sie mit den Gemeindeschwestern um Personen ergänzt – um Menschen, die in Beziehung gehen.

Strukturreformen als Chance

Durch das Zusammenlegen von Gemeinden und Schaffen größerer Verwaltungseinheiten entstehen paradoxer Weise teilweise Möglichkeiten zu Finanzierung von neuen Berufsfeldern – wie etwa einer Gemeindeschwester (vor Ort). Sie können die pastorale durch ihre soziale Arbeit ergänzen und Repräsentanz von Kirche ermöglichen, wo es sonstige kirchliche MitarbeiterInnen nicht (mehr) gibt.

Deprofessionalisierung als Chance zur Überwindung der versäulten Hilfestrukturen

Heutige Gemeindeschwestern aller Modelle werden fachlich zugerüstet und ausgebildet. Dennoch sind sie keine spezialisierten Pflegekräfte oder Sozialarbeiterinnen, sondern sind oft nebenberuflich als Gemeindeschwester tätig. Dies ist aber auch ihre große Chance. Denn so können sie sich für verschiedene Notlagen oder auch nur kleiner Probleme als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stellen. Ihre Hilfe ist niedrigschwellig erreichbar und damit für viele Menschen leichter annehmbar.

Gleichzeitig sind sie dahingehend ausgebildet, ihre eigenen Grenzen zu kennen und zu wissen, wann sie an andere, spezialisierte Kräfte abgeben müssen.

Als Vernetzerinnen im Sozialraum übernehmen sie eine Scharnierfunktion und kombinieren oft in ihrer eigenen Person einen multiprofessionellen Ansatz. Dass sie damit nicht selten Projektionsfläche überzogener Erwartungen sind, ist ein Nebeneffekt, der bearbeitet werden muss.

Die Gemeindeschwester ist keine Restaurationsmaßnahme für die Kirche

Mit den Gemeindeschwestern stärkt die Kirche ihr Engagement im Sozialraum bzw. nimmt mit ihnen ihren caritativen bzw. diakonischen und oft auch seelsorglichen Auftrag wahr. Kirchengemeinden berufen Gemeindeschwestern zu ihrem Dienst oder kooperieren – wie oben beschrieben – mit kommunalen Gemeinschwestern und unterstützen so die Arbeit ihrer Kommune. Das ist viel – mehr aber auch nicht.

Die junge Gemeindeschwesterbewegung wird nicht den Rückgang der Kirchenmitgliedszahlen für die Kirche lösen.

Die junge Gemeindeschwesterbewegung wird nicht den Rückgang der Kirchenmitgliedszahlen für die Kirche lösen. Wer das zum Ziel macht, liegt falsch. Mit den Gemeindeschwestern geht es nicht darum der Kirche zu helfen, sondern Kirche hilft ihren Gemeindeschwestern denen, die Hilfe brauchen.

 Problem: Rollenbild Gemeindeschwester

Neben den vielen ermutigenden Entwicklungen der jungen Gemeindeschwesterbewegung bleibt die Gefahr, dass damit ein Frauenbild transportiert wird, das weder dem der Gesellschaft noch der christlichen Theologie entspricht: Soziale Hilfeberufe und Tätigkeiten sind nicht per se weiblich, nicht nebenberuflich oder gar ehrenamtlich.

Die Geschlechter-Homogenität verbindet kommunale wie auch geistliche Gemeindeschwester-Gemeinschaften. So hat sich bspw. bei dem Projekt „Gemeindeschwester plus“ des Landes Rheinland-Pfalz bis heute kein einziger Mann beworben.

bis heute kein einziger Mann

Vielleicht aber ist es auch weniger eine Frage an die Gemeindeschwesterbewegung als vielmehr an die kirchlichen Männerwerke und Diakonen-Gemeinschaften, bzw. an die Kommunen und Länder selbst, wie sie der sozialräumlichen Verantwortung mit – im wahrsten Sinne des Wortes – „Men-Power“ nachkommen wollen. Der „Gemeindebruder“ wartet leider noch auf seine Geburt.

5. Epilog

Ist die Kirche ausgewandert aus der Welt? – so eine provokative Zuspitzung eines Teilnehmenden zu Beginn der Veranstaltung. Es hat den Anschein, dass dem in mancherlei Hinsicht so ist, allzumal im Modus einer Dauerkrise. Und dennoch lohnt es sich, zuversichtlich zu bleiben und das immer wieder neu Infragestellen als produktive Chance zu nutzen, damit Kirche in Bewegung bleibt. Dazu gehört etwa, den binären Code von „Drinnen“ und „Draußen“ kritisch zu hinterfragen, die Öffnung des Sozialraums verstärkt in den Blick zu nehmen, dem Believing mehr Raum zu schenken und die Sehnsucht zu wecken, dass Kirche auch „fetzen“ kann.