Taufe – in der Reihe Agile Kirche und Diakonie

Am 23. Mai trafen sich Menschen aus verschiedenen Landeskirchen, Dekanaten, Kirchengemeinden, Einrichtungen der Diakonie, der Caritas, Bistümer, Diözesen, midi, KAMP und EKD: Theologinnen und Statistikerinnen, Professoren, Pfarrer, Öffentlichkeitsarbeiterinnen.

Das Thema war die Taufe heute – Taufe im säkularen Kontext unserer gegenwärtigen Zeit.

Dabei geht es nicht allein um theologische Aspekte zum Sakrament der Taufe. Blickt man auf die Taufe aus der Sicht der Nutzerinnen, kommen viele Fragen in den Blick. Auf jeden Fall hat sie Plausibilitätsprobleme. Geht es um Schutz, um eine Gemeinschafsverheißung, einen Neuanfang, ein Willkommen. wie war das mit der Sünde? Und was macht man überhaupt bei der Taufe?

Pastorin Dr. Emilia Handke, Leiterin des Werks der Nordkirche Kirche im Dialog gab einen instruktiven Impuls und legte den Finger in die offene Wunde in manche kirchlicher Umgangsweise mit der Taufe und denen, die an Taufe interessiert sind.

 

1. Von Ritualagenturen und kreativen Gemeinden – Sind wir in der Lage, den Wunsch nach Taufe wachzuküssen?

Individualisierung als Herausforderung

Laden wir als Kirche offensiv zur Taufe ein? Haben wir ausreichend viele Taufgelegenheiten jenseits des Sonntagsgottesdienstes? Haben wir Kontakt mit Jungen Erwachsenen? Sind wir in der Lage, den Wunsch nach Taufe wachzuküssen? Haben wir gut informierende Internetpräsenzen? Helfen wir bei ganz praktischen Fragen zum Feiern und zu den Finanzierungen einer Feier? Legen wir Wert auf eine ansprechende Atmosphäre und Einzelwünsche?

Klar ist, die Individualisierung erfordert individuelle Zugänglichkeiten. Darin liegen Herausforderungen für Gemeinden und Kirchenkreise, Pfarrpersonen und Kirchenmusiker*innen. Kirchrecht, Dignität der Taufe und individuelle Ansprüche- wie kommen die freundlich zusammen?

Für den Ritus kann man sagen: weniger Rede – mehr Sinnlichkeit.

Bei der Taufe kommen viele Fragen zusammen, die Kirchen insgesamt betreffen: für wen sind wir Kirche? Für die Hochverbunden? Wer gibt den Ton an und bestimmt, was zulässig ist und was nicht?

Menschen wollen in ihren Vorlieben und Geschmäckern nicht bewertet werden. Das betrifft Stilfragen ebenso die Fragen der Musik und der „Kultur“ der Feier. Kirche wird häufig als Geschmackspolizei wahrgenommen.

Beim Thema Taufe geht es auch um die Frage nach Patenamt – welche Rolle spielen Pat*innen überhaupt? Wofür braucht es sie? Die Diskussion um Taufzeugen ist längst im Gange.

 

Wie übersetzen wir „Taufe“ in den säkularen Kontext? Welche Geschichten erzählen wir?

„Allen alles werden“ – gut paulinisch – das gilt auch für die Taufe und den Umgang mit ihr. Es geht darum, verschiedene Zugänge und Möglichkeiten und Gelegenheiten zur Taufe zu geben. Und die Taufe bedeutsam für das Leben zu machen – z. B. in der Gelegenheit zur Tauferinnerung.

Tauffeste in Regionen und an besonderen Orten werden erprobt. Kann man ein Tauffest weniger vom Gottesdienst herdenken, sondern vielmehr von einem Festival? Damit verändert sich die Kommunikation darüber. Große Gefühle und Beteiligungsmöglichkeiten gehören selbstverständlich dazu.

 

Von den Menschen herdenken und nicht von kirchlicher Verwaltung

Dass nicht eine Gemeinde alles allein leisten kann, liegt auf der Hand. Kooperation hilft. Ritual- bzw. Kasualagenturen sind in verschiedenen Landeskirchen entstanden.

Taufe an den Orten, wo die Menschen sind: es geht um Authentizität, Besonderheit, aber auch Angst vor Beschämung und Unsicherheit im Umgang mit kirchlichen Gepflogenheiten.

Vielleicht werden Taufende weniger zu Agendenprofis als viel mehr zu Coaches und Kuratorinnen im Umgang mit der Taufe.

 

Weitere Fragen:

Taufe und Mitgliedschaft? Geht Taufe ohne Mitgliedschaft und Kirchsteuer? Kann es Kirchenmitgliedschaft ohne Taufe geben?

Taufe sollte das Ergebnis eines Glaubensprozesses sein. Muss vor diesem Hintergrund Taufe wirklich so „preiswert“ sein, wie es die Trends nach Individualisierung und Eventisierung nahelegen?

 

2. Taufe anders

Aus der Perspektive der Krankenhausseelsorge lassen sich unterschiedliche Erfahrungen berichten: Das Thema Taufe begegnet besonders in der Kinderintensivstation - im Zusammenhang mit perinatalen Todesfällen, wenn Kinder vor, unter oder bald nach der Geburt sterben; bei Erwachsenen im Krankenhaus spielt das Thema Taufe kaum eine Rolle. Bei Kindern, die zu sterben drohen, macht die Taufe einen Unterschied: Oft haben die Mütter bzw. Eltern den Wunsch nach der Taufe, weil sie Angst um das Leben ihres Kindes haben und es unter die besondere Schutzmacht Gottes stellen wollen. Ein Segensritual reicht dafür nicht aus, das Kind soll in besonderer Weise an Gott übergeben werden; die Taufe stellt eine Besiegelung dieses Schutzes dar. Es gibt aber auch die entgegengesetzte Erfahrung: Eltern geben Gott die Schuld am Tod ihres Kindes und wollen es ihm auf keinen Fall anvertrauen. Auch bei Todgeburten, die nicht getauft werden können, wird durch ein Ritual in der mit einer Fototapete besonders gestalteten Kapelle deutlich gemacht, dass die Kinder in der Weite des Himmels geborgen sind. Sie waren nicht nichts.

Im Bistum Essen gibt es Erfahrungen mit innovativen Formen der Taufe. In einer Gemeinde in Bochum wird eine Kirche als Taufkirche genutzt, in der es eine Taufstelle nach frühchristlichem Vorbild gibt. Kinder wie Erwachsene können ganz in das Wasser eingetaucht werden und somit buchstäblich ganz eintauchen in das österliche Geheimnis von Tod und Auferstehung. Während es anfangs Skepsis gegenüber der Taufstelle gab, wird sie mittlerweile gut angenommen. Der Zusammenhang von Tod und Taufe wird auch dadurch unterstrichen, dass bei Trauerfeiern der Sarg oder die Urne auf die Taufstelle gestellt werden kann. Das ganze Jahr über werden Erinnerungssteine für alle Getauften und Beerdigten in einem Rahmen gesammelt, so dass ihrer gemeinsam gedacht werden kann.

Im Mittelpunkt steht jeweils, dass die Taufe das Einssein mit Christus anzeigt. Die Taufe wird Menschen angeboten, um ihnen im Leben zu helfen, nicht um sie für kirchliche Zwecke gewinnen zu wollen.

 

3. Taufe in der Diakonie

Jesus statt Taufe

Eine Diakonie ohne Nichtchrist*innen ist heute nicht möglich. Daraus kann sich die Frage stellen: „Wie erzählt man in der Diakonie von Jesus?“ (Sie muss sich aber nicht stellen.) Die Frage nach der Taufe, wird im diakonischen Kontext deutlich seltener gestellt, da sie als zu übergriffig empfunden wird. Die Taufabsicht kann sogar als trennendes Moment in der Mitarbeitendenschaft wahrgenommen werden, da sie ggf. Karrieremöglichkeiten eröffnet. Andachten werden von allen Mitarbeitenden gut angenommen, die Taufe wird mit großer Zurückhaltung betrachtet.

Eher wird überlegt, ob es nicht eine eigene Form der Mitgliedschaft in der Diakonie, statt oder neben der Mitgliedschaft in der Kirche angeboten wird, um einem sozialen bzw. sozialreligiösen Bedürfnis zu entsprechen.

 

Diakonat statt Taufe

Einige Diakonische Gemeinschaften und Träger bieten auch die Aufnahme in diakonische Gemeinschaften als „Taufäquivalent“ an. Dies richtet sich vor allem an Hochidentifizierte. So kann man in das „Diakonat“ eintreten, ohne selbst Kirchenmitglied zu sein. Die Gemeinschaft im Diakonat ist wie eine Kirchengemeinde ohne Kirche, eine Form von Gemeinschaft und Dienstgemeinschaft. Aus diesem Sozialform heraus kann bei Einzelnen durchaus der Wunsch nach der Taufe entstehen. Sie bleibt aber fakultativ und die Gemeinschaft wächst auch ohne sie, durch aktive Mitgliedschaft. Ggf. ist sogar nachzudenken, ob nicht auch Angehörige anderer Religionen Mitglied im Diakonat werden können.

 

Taufen in der Diakonie

Die Herausforderung bleibt, ob, und wenn ja wie, man die Taufe stärker in die Diakonie integrieren könnte. Hier bestünde durchaus Bedarf an Konzepten und Erfahrungsaustausch. So wäre zu überlegen, ob in den Kontexten guter diakonischer Kasualerfahrungen (Trauungen, Beerdigungen bzw. Trauerprozesse) auch die Taufe zu entwickeln wäre. Einige Einrichtungen organisieren zusammen mit den Kirchengemeinden oder Kirchenkreisen „Glaubenskurse“, die zur Taufe führen könnten.

Generell gilt aber für die Diakonie: Sie steht für ein einladendes und beheimatendes Evangelischsein auch für Mitglieder anderer Konfessionen und Religionen.