Segenshochzeiten: Heiraten einfach anders!

Einsichten und Fragehorizonte aus der Auswertung des Pop-Up-Hochzeitsfestvials des Segensbüros Berlin für die Kasualpraxis und die Zukunft der Kirche

Die Ev. Arbeitsstelle midi, Kirche im Dialog der Nordkirche und das Segensbüro Berlin-Neukölln haben am 4. Oktober 2022 zu einem digitalen Werkstattgespräch zum Thema Segenshochzeiten eingeladen. Hintergrund war das Pop-Up-Hochzeitsfestival des Segensbüros, das im Mai stattgefunden hat und von midi ausgewertet wurde.

Das Pop-Up-Hochzeitsfestival des Berliner Segensbüro im Mai 2022 war ein voller Erfolg: 72 Hochzeitspaare haben das Angebot der Kasualagentur in Anspruch genommen. Ein für alle offenes, persönliches und spontanes Segensritual inmitten eines Festivals – diese Idee hat offenbar den Geschmack der Liebespaare getroffen. Zugleich fordern Segenshochzeiten die Kirchenpraxis heraus. Die Trauung als bisher ‚schwächste kirchliche Amtshandlung‘ bedarf angesichts der zutage getretenen Bedürfnisse der Menschen nach Segenshochzeiten dringend einer theologischen und amtspraktischen Aufforstung.

Anlass genug, den Einsichten und Fragehorizonten aus der Auswertung des Pop-Up-Hochzeitsfestvials des Segensbüros für die Kasualpraxis und die Zukunft der Kirche genauer nachzuspüren und mit einem Kreis von rund 60 ExpertInnen, der sich sonst in dieser Zusammensetzung sicher nicht getroffen hätte, ausführlicher zu diskutieren.

Historische Vergewisserung: Wie lange es dauerte, bis wir die Kasualien kirchlich liebgewannen

Wenn wir heute über Taufe, Trauung und Bestattung sprechen, lohnt es, sich die historische Entwicklung der sog. Kasualien ganz knapp zu vergegenwärtigen: Mit der Einführung der Zivilstandsgesetzgebung unter Bismarck um das Jahr 1875 mussten Geburten, Trauungen und Todesfälle fortan dem bürgerlichen Standesamt gemeldet werden und waren nicht länger automatisch mit Taufen, kirchlichen Trauungen und Bestattungen zu verbinden.

Weil sie dadurch nun nicht mehr selbstverständlich waren, wanderten sie als gottesdienstliche „Amtshandlungen“ in den Zuständigkeitsbereich des Pfarrers. Vorher waren Hebammen für Taufen verantwortlich und die Hausväter ursprünglich für die Trauung – bevor sie in dieser Funktion durch die Priester abgelöst wurden. Bestattungen wurden zum großen Teil still oder durch den Freundeskreis durchgeführt.

Wie unliebsam diese Handlungen in der kirchlichen Praxis waren, zeigt noch 1960 Rudolf Bohrens berühmte Polemik „Unsere Kasualpraxis – eine missionarische Gelegenheit?“, die den Pfarrer als „Zeremonienmeister“ und „lebenden Palmkübel“ und die Amtshandlungspraxis der Volkskirche als „Baalskult“ beschimpfte. Mit der empirischen Wendung und der ersten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung aus dem Jahr 1972 änderte sich das: Sie zeigt die enorme Wertschätzung der Kasualien durch die sog. distanzierten Kirchenmitglieder, die aus der Perspektive der Beteiligungskirche allerdings immer als defizitär abgewertet worden sind. Dass wir heute von „Kasualien“ sprechen und damit primär von den AdressatInnen und ihren individuellen Fällen des Lebens ausgehen und nicht primär von der Pfarrperson, die qua Amt an den Menschen handelt, hat bereits wesentlich mit diesem Perspektivwechsel zu tun, mit dem dann auch die seelsorgerlichen Gespräche vor der Kasualie an Bedeutung gewannen.

Diese neue Hochschätzung der Kasualien ist also kirchengeschichtlich ein eher ein junger Befund und verbindet sich mit einer positiven Konnotation der Volkskirche als einer Angebotskirche, welche religiöse Dienstleistungen für Menschen bereithält, die sie ihrerseits durch ihre Mitgliedschaft stabilisieren. In Zeiten, in denen in bestimmten Regionen Deutschlands jedoch nur noch knapp die Hälfte der Kirchenmitglieder die Kasualien überhaupt in Anspruch nimmt, werden auch diese kirchentheoretischen Selbstverständlichkeiten der 70iger Jahre empfindlich befragt.

Kasualien als Brennglas für kirchentheoretische Herausforderungen heute

Die Diskussion von Prof. Dr. Christian Albrecht (LMU München), Dr. Christian Nottmeier (Ev. Kirchenkreis Neukölln) und Dr. Emilia Handke (Kirche im Dialog der Nordkirche) mit den Teilnehmenden des Fachgesprächs machte deutlich, dass alle kirchentheoretischen Herausforderungen, vor denen wir in Deutschland stehen, sich beim Pop-Up-Hochzeitsfestival wie in einem Brennglas verdichten: Kasualien wie die Trauung sind längst von einer Selbstverständlichkeit zur Option geworden. 1953 wurden 80 Prozent aller standesamtlich geschlossenen Ehen auch konfessionell getraut, gegenwärtig sind es noch knapp 20 Prozent. Kasualien gehen u.a. durch Agenturen wie das Berliner Segensbüro über die Parochie und ihre Kirchräume hinaus, überschreiten aus seelsorgerlichen Gründen seit vielen Jahren die Grenzen der Kirchenmitgliedschaft – zunächst bei der Bestattung, inzwischen aber auch bei Trauung und Taufe – rücken gegenüber der Logik des Allgemeinen die Logik des Besonderen in den Vordergrund, haben sich längst von einer Amtshandlung hin zu einer Dienstleistung mit den ihr innewohnenden Gesetzen entwickelt.

Diese „Entgrenzung der Kasualpraxis“ (Emilia Handke) provoziert innerkirchlich. Kann nämlich das mit dem Pop-Up-Hochzeitsfestival verbundene Versprechen einer „Art religiösem oder spirituellem Service Public“ (Christian Albrecht) sowie einer kreativen geistlichen Antwort auf die sich immer weiter ausdifferenzierenden individuellen Bedürfnisse überhaupt auf Dauer und in der Breite eingehalten werden? An dieser Frage entzündeten sich unterschiedliche Debattenstränge: Von der Frage, welche Kompetenzen das Personal der Kirche der Zukunft eigentlich wirklich braucht, über die Feststellung der nach wie vor starken Wirkung parochialer und kontinuierlicher Konzepte von Kirche; von der Wahrnehmung einer unhinterfragten Forderung nach Evaluation neuer Ideen bei gleichzeitigem Vernachlässigen dieser Anforderungen bei klassischen und parochialen Formen.

Von der Frage, warum wir nicht endlich akzeptieren, dass wir empirisch längst keine „Gemeindekirche“ oder „Sonntagskirche“, sondern eben eine „Kasualkirche“ geworden sind, bis zur Beobachtung, dass wir flächendeckend einerseits immer von einer „Kirche für alle“ oder „für andere“ sprechen, aber ausgerechnet die Kasualien im Gegensatz zu anderen Gottesdienstformen, Seelsorge oder kirchlicher Bildungsarbeit davon ausnehmen. In mancherlei Hinsicht wurden alte Fragen aus der Geschichte wieder laut: Ob die Feier eines heiligen Moments eigentlich ausreichend sei für das, was wir als Kirche den Menschen auf dem Lebensweg mitgeben wollten? Am Ende entscheiden diese Menschen das allerdings selbst – die kirchliche Innensicht ist dabei letztlich sekundär.

Das Pop-Up-Hochzeitsfestival zeigt, dass die kirchlichen Angebote als unmittelbar hilfreich und passend erlebt werden müssen für die eigene Lebenssituation – große deutende Reden und eine lange gemeindliche Begleitung waren jedenfalls nicht, was hier nachgefragt worden ist. Letztlich wird deutlich, dass es „das“ kirchliche Handeln vielerorts schon nicht mehr gibt. An dessen Stelle rückt exemplarisches kirchliches Tun – in Gemeinden und an anderen kirchlichen Orten. Wie wir dieses Handeln in Zukunft finanzieren wollen, ist eine Frage, die wir endlich sehr ehrlich stellen müssen. Und dabei ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir unser gesamtes kirchliches Handeln auf dessen tatsächliche Nachfrage und Nutzung hin überprüfen müssen. Die Leitfrage dabei sollte aber – das machte Prof. Dr. Uta Pohl-Patalong (Christian-Albrechts-Universität Kiel) deutlich – immer sein: Wie wird die Chance groß, dass die Kirche möglichst viel von den positiven Erwartungen an sie einlöst?

Die Notwendigkeit neuer Kasualformate und die Lust am Experimentieren sind vielerorts spürbar

Im Austausch über die Praxis des Pop-Up-Hochzeitsfestivals wurde deutlich, dass sowohl ein großes Interesse an der professionellen Projektplanung und -durchführung eines solchen Festivals besteht, als auch bereits vielerorts Spontantrauungen und Hochzeitsfestivals in Vorbereitung sind. Auch die Perspektive auf kirchliche Angebote als service- und bedürfnisorientierte Dienstleistungen schien in der Gruppe Konsens zu sein. Es wurden der Wunsch und die Dringlichkeit deutlich, dass kirchliche Agenden durch neue Kasualformate und -formen erweitert werden sollten zur Unterstützung der pfarramtlichen Praxis. Mit großer Energie und Experimentierfreude haben die Teilnehmenden diskutiert und sich für neue Formen der Trau-Kasualie engagiert gezeigt.

Prof. Dr. Kristian Fechtner (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) brachte die Frage nach den Segnenden auf: Waren ausschließlich ordinierte KollegInnen in die Feier der Segenszeremonien eingebunden? Damit werden wichtige Aspekte des Ordiniertendienstes adressiert: Bei sinkenden Ordiniertenzahlen stellt sich für die Zukunft der Kirche die Frage nach der Einbindung von Laien und nichtordinierten Personen in den pastoralen Dienst. Eine Frage der Teilnehmenden des Werkstattgesprächs: „Gab es auch möglicherweise das Verständnis, dass Pfarrpersonen in irgendeiner mystischen Weise Mittler in einen "heiligen Raum" sind?“ Bei der Auswertung des Pop-Up-Hochzeitsfestivals wurde interessanterweise deutlich, dass gerade säkulare Menschen in Berlin-Neukölln den traditionellen Talar mit Stola bevorzugten.

In finanzieller Hinsicht steht die Kirche der Zukunft vor Herausforderungen und es stellt sich die Frage, wieviel die Kirchenleitungen, Gemeinden und traditionellen GeldgeberInnen gewillt sind für experimentelles Kirchesein zu investieren. Und müssten nicht die bisher bestehenden strukturellen Finanzierungsströme der Evangelischen Kirche überarbeitet werden: Sind es die Mitgliederzahlen in Gemeinden, die entscheiden sollen über Geldzuweisungen? Oder wären nicht alternative, dauerhaft strukturell verankerte Finanzierungsmöglichkeiten zur Förderung des kirchlichen Wandels sinnvoll und notwendig? Und ganz grundsätzlich stellt sich die Frage: Braucht es durch Kirchenmitgliedschaft finanzierte Angebote als Solidargeschenk für Nichtmitglieder oder sollen letztere Dienstleistungsgebühren zahlen? Durch Kasualagenturen zeigt sich besonders deutlich, dass das Finanzierungssystem auf dem Prüfstand steht.

Das Konzept von Kooperationen mit verschiedenen beruflichen AkteurInnen überzeugt darin, dass sich Kirche für ein ästhetisch, organisatorisch und spirituell gelingendes Event als Kooperationspartnerin verstehen muss. Damit zeigt sie sich in ihrer Haltung gleichwürdig und auf Augenhöhe und hält zugleich Gelder zur Realisierung von z.B. Design bereit. Insgesamt hat sich gezeigt, dass Projekt- und Eventarbeit für kirchliche AkteurInnen meist schon per se zukunftsweisend ist. Alle damit einhergehenden Zuspitzungen nach Teilhabe, Ästhetik, Finanzierung, Kooperationen, Zeitmanagement, Auftrag der Kirche etc. fordern systematisch- und praktisch-theologisch pointierte Debatten über die zukünftige Kirche heraus.

Theologie des Seg(n)ens

Das gegenwärtig hohe Bedürfnis an Segenshandlungen bzw. eines individuell zugesprochenen Segens bedarf neben einer neuen Kasualtheologie auch einer neuen Segenstheologie, bzw. deren stärkerer Vermittlung und Umsetzung. Besonders dem lauten Vorwurf, kirchliches Handeln würde sich durch eine solch offene Kasualpraxis im Segen erschöpfen und bei diesem stehenbleiben, muss theologisch widersprochen werden. Eine erweiterte Segenstheologie könnte dabei helfen, die Kasualie neu wiederzuentdecken und weitere Kasualhandlungen zu entwickeln. Die Bedürfnisorientierung der Theologie bzw. kirchlichen Praxis durch eine solche Entwicklung ist als Chance zu begreifen und nicht unter Verdacht zu stellen. Allein die Tatsache, dass viele Paare beim Pop-Up-Hochzeitsfestival schon länger verheiratet waren, sich aber dennoch (wiederholt) segnen lassen wollten, macht die Frage nach neuen Segenskasualien konkret.

Kirche macht Premium

Überrascht hat viele Teilnehmenden, wie viel Aufwand mit dem Pop-Up-Segensfestival verbunden war bzw. welche Ressourcen mobilisiert werden mussten. Andererseits scheint genau dieser Aufwand, der im Erleben der Paare zur Wahrnehmung einer hohen Qualität und Individualität ihrer Hochzeit führt, gerechtfertigt zu sein, weil er dem Wunsch der Paare entspricht. Umgekehrt führt diese Qualität auch zu einer Zufriedenheit der involvierten Hauptamtlichen. Neben dem theologischen Proprium (siehe vorhergehender Absatz) sollte individuell-rituelle und emotionale Qualität Kennzeichen einer kirchlichen Kasualpraxis sein.

Kirchenrecht folgt Theologie

Das Pop-Up-Hochzeitsfestvial hat gezeigt, wie schwer das Kirchenrecht auf die Öffnung von Kasualien reagieren kann. So durfte bspw. das Wort „Trauung“ nicht verwendet werden. In einzelnen Landeskirchen ist es sogar (rechtlich) unmöglich Trauungen oder auch Taufen außerhalb der Kirchen durchzuführen usw. Dadurch kommt es zu einer rechtlichen Begrenzung dessen, was theologisch möglich und sinnvoll sowie von den Kasualbegehrenden gewünscht ist.

Die Schwierigkeiten, die das Kirchenrecht mit der Öffnung der Kasualien hat, müssen Probleme des Kirchenrechts bleiben und sind auf dieser Ebene zu lösen. Hier muss eine neue Flexibilität erarbeitet werden. Vorgeordnet bleibt die Theologie, die inhaltlich und formale Gestalterin der Segens-Kasualien, die dann rechtlich in die kirchlichen Handlungsspielräume zu integrieren sind. Zwischen beiden Professionen muss zeitnah der Austausch gesucht werden, damit sie zusammen agieren und sich nicht gegenseitig behindern.

„Nachhaltigkeit“ als Baustelle

Das individuelle Bedürfnis nach einer situativen und ggf. spontanen Kasualie ist offensichtlich. Was ist daneben mit den kirchlichen Interessen? Wie wird der Kontakt zu den Brautpaaren gehalten und gestaltet? Wo werden die Daten gesammelt und wie sieht eine erneute Kontaktaufnahme aus? Allerdings sind diese Fragen nicht nur im Kontext des Pop-Up-Segensfestival zu klären, sondern betreffen ebenso die Trauungen, die in klassisch-parochialen Kontexten gefeiert werden.

Ausblick

Pop-Up-Hochzeiten als Anfrage an die Zukunft der Kirche bedeutet, dass Volkskirche dem Ende zugeht. Und wir uns irgendwann entscheiden müssen, wohin wir wollen. Alles werden wir auf Dauer tatsächlich nicht schaffen. Aus diesem Grund wird die Ev. Arbeitsstelle midi das Thema Kasualien und entsprechende ergänzende Formate nicht nur weiter im Blick behalten und auswerten. Vielmehr ist für das Jahr 2023 hierzu eine weitere Veranstaltung geplant, die das Thema „Kirche der Zukunft als Kasualkirche?!“ in den Mittelpunkt rückt.