Handlungsfähig, seelsorglich, vernetzt – Kirche und Diakonie als Resilienzfaktoren im Klimakollaps
Fast ein Jahr ist das erste Kollapscamp in Nordbrandenburg her. Gabriela Hund (Gemeindepädagogin und Seelsorgerin aus Darmstadt, engagiert im Netzwerk Tiefe Anpassung) und Walter Lechner (Referent für Sozialraumorientierung bei midi) waren dabei und haben in zwei Artikeln formuliert, welche Aufgaben sie für Kirche und Diakonie angesichts des Klimakollapses sehen. Sie sind Teil der Arbeitsgruppe Kirche und Theologie im Klimakollaps, die im letzten Jahr diskutiert, publiziert und Veranstaltungen organisiert hat. Wenige Monate vor dem Barcamp zu Kirche und Diakonie im Klimakollaps sprechen Gabriela Hund und Walter Lechner mit anderen Mitgliedern der Arbeitsgruppe über ihre Erfahrungen im letzten Jahr und Perspektiven für die Zukunft.
Walter Lechner: Martin, du bist Studienleiter an der Melanchthon-Akademie Köln. Im Februar 2026 hast du zusammen mit midi und der Akademie des VRK den Fachtag „Über Leben in Kollapsen - Kirche und Diakonie als zivilgesellschaftliche Akteurinnen angesichts von Krieg, Faschismus und Klima-Endgame“ organisiert. Was waren für dich die wichtigsten Erkenntnisse dieses Fachtages?
Martin Horstmann: Dass das ganze Thema viel konstruktiver ist, als man auf den ersten Blick denken könnte. Es geht ja gerade ums Gestalten: Wie können wir uns in einer Kollaps-Lage gegenseitig unterstützen? Wie können wir trotz Kollaps ein möglichst gutes Leben miteinander leben? Und unser Tagungstitel hat ja auch genau damit gespielt: Er hieß nicht „Überleben in Kollapsen“ sondern „Über (das) Leben in Kollapsen“.
Gabriela Hund: Matilda, du warst Gast bei unserem Fachtag. Es war deine erste intensive Begegnung mit dem Thema Klimakollaps, und du hast dich nach dem Tag entschieden, in unserer Arbeitsgruppe mitzuarbeiten. Was hast du von diesem Fachtag mitgenommen, und was treibt dich am meisten zum Thema Klimakollaps um?
Matilda Franz: Ich war beeindruckt von der Ehrlichkeit und dem Mut der Teilnehmenden. Wir alle kennen die Prognosen und die Worst-Case-Szenarien, sprechen über Vermeidung und Anpassung. Aber die Frage zu stellen, wie wir uns auf den Notfall vorbereiten, trauen sich immer noch nur wenige. Dabei erleben wir schon jetzt Situationen, in denen unsere Systeme dem Klimawandel nicht gewachsen sind – im globalen Süden, aber zuletzt auch hier in Deutschland während der Hitzewelle Ende Juni, bei der Rettungsdienste überlastet waren und Autobahnen aufplatzten. Die ungleiche Betroffenheit, dass einige immer noch denken, sie könnten sich von den Konsequenzen des Klimawandels freikaufen, empfinde ich als tiefe Ungerechtigkeit.
Gabriela Hund: Nun hast du dich ja nicht nur als Privatperson entschieden, in unserer Arbeitsgruppe dabei zu sein, sondern beruflich als Referentin im ökumenischen Netzwerk Eine Erde, einer Verbindung von 130 kirchlichen Organisationen. Was ist aus deiner Sicht die Relevanz des Themas Klimakollaps für das Netzwerk Eine Erde und die darin vertretenen Organisationen?
Matilda Franz: Den Menschen in klimabedingten Notfällen beizustehen, das ist gelebte Solidarität und Nächstenliebe – und damit Kernaufgabe der Kirchen. In der Breite unseres Netzwerks kommt einiges an Infrastruktur und seelsorgerlicher Kompetenz zusammen. Wenn auch nur ein Bruchteil dessen dafür genutzt werden kann, um unsere kollektive Krisenresilienz zu stärken, haben wir schon viel gewonnen. Gleichzeitig können die Kirchen dabei helfen, das Thema Klimakollaps zu „unbubblen“, wie Matthias Stracke-Bartholmai in seinem Artikel „Climate Endgame“ schreibt. Letztendlich geht es uns ja nicht darum, dass eine kleine Minderheit sehr gut auf einen möglichen Kollaps vorbereitet ist, sondern eine möglichst breite Mehrheit insgesamt an Resilienz gewinnt.
Walter Lechner: Martin, du hast dir im letzten Jahr intensiv Gedanken gemacht, wie Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen zu Orten der Krisenresilienz werden können, mitten im drohenden Klimakollaps. Kannst du dazu etwas mehr erzählen?
Martin Horstmann: Ich bin fest davon überzeugt, dass Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen eine ganz besondere Rolle in Krisenzeiten einnehmen können. Sie können zu einem „Resilienz-Anker“ im Sozialraum werden. Und genau dazu entwickle ich an der Melanchthon-Akademie in Köln zunächst einen Workshop für Kirchengemeinden und im zweiten Schritt eine umfangreichere Fortbildung für Kirchengemeinden. Genauso wie es einen Umweltbeauftragten in einer Kirchengemeinde gibt, könnte es auch eine Krisenresilienz-Beauftragte geben. Das Ganze werden wir als Bildungsurlaub anbieten und wir streben eine Zertifizierung durch die Landeskirche an.
Walter Lechner: Gabriela, du bist schon länger zum Thema Klimakollaps mit Menschen im Gespräch. Was hat sich aus deiner Sicht im letzten Jahr verändert?
Gabriela Hund: Ich muss weniger erklären. Die meisten Menschen nehmen inzwischen negative Klimaveränderungen wahr und leiden darunter. Viele reagieren sogar erleichtert, wenn ich einen möglichen Klimakollaps oder Kipppunkte anspreche, weil ihr mulmiges Gefühl damit eine Sprache findet. Gleichzeitig bringen sie aber auch ihre Hilflosigkeit zum Ausdruck und ziehen sich rasch wieder ins Private zurück. Ich würde ihnen gerne handfeste Projekte der Klimaanpassung und der gemeinsamen Katastrophenvorbereitung vorstellen können, damit sie aus der Hilflosigkeit rauskommen. Und ich hoffe, dass wir solche handfesten Projekte bei unserem Barcamp im November mit vielen Teilnehmenden aus Kirche und Diakonie entwickeln können.
Gabriela Hund: Tobias, du kommst aus einer Kirchengemeinde, die sich bereits auf den Weg gemacht hat, krisenresilient zu werden, aus der Refo Moabit. Kannst du uns mehr dazu erzählen, wie ihr Krisenresilienz bereits umsetzt?
Tobias Horrer: Die Refo ist keine normale Kirchengemeinde. Der Gebäudekomplex der Reformationskirche in Berlin Moabit stand nach einer Gemeindefusion leer. Als christliche Lebensgemeinschaft leben wir mit circa 50 Personen auf und um den Refo-Campus und gestalten spirituelle, künstlerische und politische Projekte. Community-Building ist für uns der Kern von Krisenresilienz. Es ist nicht leicht, die Ohnmacht zu überwinden, die uns angesichts der allgegenwärtigen Zerstörung überfällt. In der Community vor Ort können wir Dinge anpacken und verändern und uns so gemeinsam wieder handlungsfähig erleben. Wir tun das zum einen in Projekten zu resilienter Demokratie und zum anderen, indem wir unsere Gebäude in Bezug auf Wärme, Strom und Wasser Stück für Stück resilienter und nachhaltiger machen. So wird das Barcamp in einer Kirche stattfinden, die durch eine Wärmepumpe beheizt wird.
Walter Lechner: Du sagst es schon: Die Refo Moabit ist Austragungsort für unser Barcamp im November zum Thema „Zwischen Klimaanpassung und Klimakollaps – Christliche Beiträge zu kollektiver Krisenresilienz“. Worauf freust du dich im Blick auf das Barcamp besonders?
Tobias Horrer: Ich freue mich darauf, viele Menschen kennen zu lernen, die Gottes gute Schöpfung nicht der Zerstörung preisgeben wollen. Als Refo freuen wir uns, Raum für ermutigende Begegnungen zu geben.
Gabriela Hund: Walter, midi ist Mitveranstalter des Barcamps. Was wünschst du dir am meisten für diese zwei Tage?
Walter Lechner: Ich hoffe auf ein breites und kreatives gemeinsames Lernen zwischen Verantwortungsträger*innen aus Kirche und Diakonie, aktivistisch Engagierten und Praxisprofis etwa von der Diakonie Katastrophenhilfe. Neben den infrastrukturellen, diakonischen und seelsorglichen bin ich auch auf die theologischen Fragen gespannt: Handelt Gott im Kollaps – und, wenn ja, wie? Wie können wir angesichts des Kollapses von Hoffnung sprechen, ohne beschwichtigendes „Hopium“ zu verabreichen? Inwiefern können möglicherweise gerade die apokalyptischen Vorstellungen der Bibel ermächtigen und ermutigen? All das und mehr an einem innovativen Resilienzort wie der Refo Moabit zu diskutieren, wird inspirierend und zukunftsweisend!
Das Barcamp „Zwischen Klimaanpassung und Klimakollaps - Christliche Beiträge zu kollektiver Krisenresilienz“ findet am 6.-7. November 2026 in der Refo Moabit Berlin statt.