Glauben teilen, Leben teilen: Was wir von der Proefplekken-Bewegung lernen können

Dr. Thomas Schlegel

Interview mit Erik Verwoerd

Erprobungsräume (Proefplekken) gehören zu den einflussreichsten Initiativen für Pionierarbeit und neue Formen von Kirche in den Niederlanden. Unter diesem Begriff kommen ganz unterschiedliche Projekte zusammen – von Pioniersplekken und Messy Churches über diakonische Gemeinschaften bis hin zu monastischen Initiativen. Was sie verbindet, ist das Ziel, neue, inklusive Gemeinschaften entstehen zu lassen, die vom christlichen Glauben geprägt sind. Seit 2008 gestaltet Erik Verwoerd diese Bewegung mit – zunächst als Pionier vor Ort, später auf nationaler Ebene. Im Gespräch mit Thomas Schlegel erzählt er, was die Erprobungsräume in den vergangenen Jahren gelernt haben, warum es bei Pionierarbeit letztlich mehr um Menschen als um Programme geht und weshalb authentische Mission mit dem Zuhören beginnt – und dabei nicht nur die Menschen verändert, denen wir begegnen, sondern auch uns selbst.

Hallo Erik! Die Proefplekken-Bewegung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Eine sichtbare Veränderung ist, dass die früheren Pioniersplekken heute Proefplekken heißen. Wo steht die Bewegung heute – und was drückt diese Namensänderung aus?

2023 haben wir den Namen von Pioniersplekken in Proefplekken, also „Erprobungsräume“, geändert. Dahinter steht ein breiteres Verständnis davon, worum es bei diesen Initiativen geht. Wenn wir den missionarischen Weg betrachten, sind Proefplekken Initiativen, die bewusst neue Gemeinschaften aufbauen. Pioniersplekken gehen noch einen Schritt weiter: Sie verfolgen ausdrücklich das Ziel, neue Formen von Kirche zu werden, indem sie Wege der Nachfolge erkunden und Kirche auf neue Weise Gestalt gewinnen lassen.

Wir haben erkannt, dass wir nicht im Voraus entscheiden sollten, wie weit eine Initiative gehen muss. Unsere Aufgabe ist es, lokale Gemeinschaften zu unterstützen – nicht, ihnen ihre Zukunft vorzugeben. Wenn eine Initiative auf diesem missionarischen Weg weitergehen möchte, können wir sie bei den nächsten Schritten begleiten. Aber die Verantwortung und Gestaltungshoheit bleiben vollständig bei den Menschen vor Ort. Dadurch ist das Programm sowohl breiter als auch wirksamer geworden. Statt ausschließlich in Pioniersplekken zu investieren, unterstützen wir heute alle Initiativen, die bewusst Gemeinschaft aufbauen.

Damit öffnet sich die Bewegung auch für viele Gemeinden, die sich zuvor nicht angesprochen fühlten. Früher hieß es oft: „Wir sind kein Pioniersplek, also ist dieses Programm nichts für uns.“ Heute gehören diese Gemeinden ganz selbstverständlich dazu – wir müssen ihnen nur noch vermitteln, dass das so ist.

Ihr unterscheidet also zwischen Initiativen, die bewusst zu neuen Formen von Kirche werden wollen, und solchen, bei denen zunächst der Aufbau von Gemeinschaft im Mittelpunkt steht. Bedeutet das, dass manche Projekte vor allem sozial ausgerichtet bleiben? Oder gehört das Evangelium immer zu diesem Weg dazu?

Das hängt davon ab, was wir unter dem Weitergeben des Evangeliums verstehen. Wir sprechen meist von drei Dimensionen: Glaube kann durch Taten, durch Worte und durch geteiltes Leben weitergegeben werden. In jeder Initiative kommen diese drei Elemente zusammen, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Manche Gemeinschaften bringen das Evangelium vor allem durch konkretes Handeln zum Ausdruck. Andere sprechen in Lehre und Gesprächen expliziter über den Glauben. Wieder andere legen den Schwerpunkt darauf, den Alltag mit Menschen zu teilen. Im Idealfall gehört all das zusammen. Aber jede Initiative muss für sich entscheiden, wie diese Aspekte gewichtet werden – abhängig vom jeweiligen Kontext, von den Menschen, die sie erreichen möchte, und von ihrer theologischen Tradition.

Evangelikal geprägte Gemeinschaften betonen häufig stärker das Wort, liberaler geprägte Gemeinschaften eher das Handeln. Ich glaube, beide können voneinander lernen. Schließlich können Menschen Christus nicht kennenlernen, wenn sie nie von ihm hören. Gleichzeitig verlieren unsere Worte an Glaubwürdigkeit, wenn sie sich nicht in unserem Leben widerspiegeln.

Die Herausforderung besteht also nicht darin, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, sondern beides zusammenzuhalten. Für manche diakonischen Initiativen könnte der nächste Schritt darin bestehen, offener über den Glauben zu sprechen. Andere müssten vielleicht weniger Zeit damit verbringen, das Christentum zu erklären, und stattdessen mehr zuhören, dienen und einfach bei den Menschen sein.

Warum ist dieser Aspekt des „geteilten Lebens“ so wichtig?

Weil ich genau das in fast jeder Initiative beobachte, die wirklich Früchte trägt. Man veranstaltet nicht einfach einen Alpha-Kurs, geht danach nach Hause und hält das eigene „wirkliche“ Leben davon getrennt. Man lädt Menschen zu sich nach Hause ein. Man feiert gemeinsam Geburtstage. Man bleibt auch unter der Woche miteinander in Kontakt. Und wenn Menschen schwierige Zeiten erleben, ist man für sie da. Das verändert alles.

Wie erlebst du das Verhältnis zwischen eurer Bewegung und der institutionellen Kirche?

Ich beschreibe dieses Verhältnis oft mit dem Bild von Eltern und ihrem Kind. Als die Bewegung begann, waren wir wie ein kleines Kind. Wir waren vollständig von der institutionellen Kirche abhängig, machten Fehler und brauchten viel Unterstützung. Dann kamen gewissermaßen unsere Teenagerjahre. Wir wollten Zeit mit Gleichgesinnten verbringen, unsere eigene Identität entdecken und etwas Abstand zu unseren Eltern gewinnen. Das war eine notwendige Entwicklungsphase. Heute würde ich sagen, dass die Bewegung erwachsen geworden ist. Wir haben eigene Erfahrungen gesammelt, unsere eigene Geschichte und etwas Wertvolles beizutragen. Dadurch können wir heute ein viel reiferes Gespräch mit der institutionellen Kirche führen. Die Herausforderung besteht darin, dass gleichzeitig viele unserer „Eltern“ älter werden. Ein großer Teil der kirchlichen Energie fließt verständlicherweise in den Umgang mit sinkenden Mitgliederzahlen, finanziellen Herausforderungen und der Sicherung institutioneller Strukturen. Das führt aber auch dazu, dass eine der größten Ressourcen der Kirche manchmal übersehen wird. Die Pionierbewegung kann nicht alle Probleme lösen, vor denen die Kirche steht. Aber wir haben viel darüber gelernt, wie Gemeinschaften entstehen, wie wir mit Menschen außerhalb der Kirche in Beziehung treten und wie sich neue Formen kirchlicher Praxis erproben lassen. Diese Erfahrungen sind nicht nur für Pionierinitiativen relevant – sie könnten auch für die Zukunft der Kirche insgesamt von entscheidender Bedeutung sein.

Als wir uns in Utrecht getroffen haben, machte ein Teilnehmer während der Tagung eine interessante Beobachtung: Er meinte, Fresh Expressions hätten in mancher Hinsicht wieder stärker eine „christentümliche“ Arbeitsweise angenommen, also eine, die aus Zeiten stammt, als die Gesellschaft durchweg christlich war. Würdest du dem zustimmen? Beobachtest du etwas Ähnliches auch in den Niederlanden?

Ich verstehe, was er meint. Wann immer Christinnen und Christen etwas Neues beginnen, bringen sie zwangsläufig ihre eigene Kultur, ihre Sprache und ihre Vorstellungen mit. Aber je mehr Menschen von außerhalb der Kirche Teil einer Gemeinschaft werden, desto stärker beginnt sich auch diese Kultur zu verändern. Das bedeutet nicht, dass wir den Kern des christlichen Glaubens aufgeben. Es gibt Dinge, die nicht zur Disposition stehen. Jesus bleibt im Zentrum. Aber ich glaube, dass wir noch viel besser darin werden könnten, das Evangelium zu kontextualisieren – nicht nur in der Art, wie wir Kirche organisieren, sondern auch darin, wie wir über den Glauben sprechen. Zu oft beginnen wir mit Antworten auf Fragen, die die Menschen gar nicht stellen. Vielleicht beginnen wir mit Sünde, Erlösung oder dem Kreuz, während viele Menschen heute ganz andere Fragen beschäftigen: Wie kann ich Hoffnung finden? Wie gehe ich mit meiner Angst vor der Zukunft um? Wie kann ich in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft leben? Was bedeutet es, Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen?

An diesen Punkten beginnen heute viele Gespräche. Vielleicht lautet die entscheidende Frage also nicht, ob das Evangelium etwas dazu zu sagen hat, sondern wo wir anfangen, seine Geschichte zu erzählen. Wenn wir bei den Fragen beginnen, die Menschen tatsächlich beschäftigen, können wir gemeinsam entdecken, was das Evangelium in diesem jeweiligen Kontext bedeutet. Kreuz und Auferstehung bleiben zentral. Aber sie müssen nicht immer der erste Satz eines Gesprächs sein.

Das erinnert mich an Gespräche mit Margarita Reinders (Anm. d. Red.: Margarita Reinders ist Pfarrerin in Amsterdam und Gründerin eines Proefplek, eines „Erprobungsraums“). Statt Menschen aus einer Position der Gewissheit heraus zu begegnen und zu sagen: „Du brauchst Jesus!“, hat sie sich selbst verletzlich gezeigt und andere eingeladen, gemeinsam mit ihr eine neue Gemeinschaft aufzubauen und sich für Gerechtigkeit im Stadtteil einzusetzen. Ist das die Art von Ansatz, die du meinst?

Genau. Was mich an Margarita fasziniert, ist, dass die Pionierarbeit nicht nur die Menschen verändert hat, denen sie begegnet ist – sie hat auch sie selbst verändert. Sie begann ihren Dienst mit einer bestimmten theologischen Perspektive. Doch durch das gemeinsame Leben und Arbeiten mit Menschen außerhalb der Kirche entwickelten sich auch ihre eigenen Überzeugungen weiter. Ich halte das für eine wichtige Erkenntnis.

Wenn wir Menschen mit anderen Erfahrungen und anderen Überzeugungen wirklich in unser Leben einladen, sind nicht nur sie diejenigen, die sich verändern. Auch wir werden verändert. Und merkwürdigerweise schwächt das unsere eigene Identität nicht. Oft stärkt es sie sogar. Denn es zwingt uns dazu, eine grundlegende Frage zu stellen: Was ist wirklich wesentlich – und was gehört lediglich zu meiner eigenen Tradition?

Diese Frage muss jede Christin und jeder Christ für sich beantworten. Für mich besteht das Zentrum nicht in erster Linie aus einer Reihe von Lehrsätzen. Das Zentrum ist eine Person. Jesus nachzufolgen bedeutet nicht, eine Sammlung von Ideen zu verteidigen. Es bedeutet, Christus nachzufolgen.

Was mir bei Margarita ebenfalls aufgefallen ist, war ihre Haltung. Sie begegnete Menschen eher aus einer Haltung der Verletzlichkeit als aus einer Position der Gewissheit. Sie versuchte nicht, den gesamten Raum einzunehmen, sondern schuf Raum dafür, dass andere sich am Gespräch beteiligen konnten. Für mich ist das eine überzeugende Art, heute das Evangelium zu kommunizieren – nicht aus einer Position der Stärke heraus, sondern in Demut.

Dem stimme ich vollkommen zu. Und ich würde noch ein weiteres Wort hinzufügen: Augenhöhe. Wenn wir Menschen mit der Überzeugung begegnen, dass wir die Wahrheit besitzen und sie nur noch weitergeben müssen, entsteht automatisch ein Gefälle. Aber so entstehen keine echten Beziehungen. Menschen müssen spüren, dass ihre eigene Geschichte zählt. Und wenn wir das wirklich glauben, müssen wir auch akzeptieren, dass ihre Geschichte wiederum uns prägen kann. Mission bedeutet niemals nur zu reden. Sie bedeutet zuzuhören. Sie bedeutet zu lernen. Und sie bedeutet, zuzulassen, dass wir selbst durch die Begegnung verändert werden.

Das klingt fast nach einem wechselseitigen Prozess der Bekehrung.

In gewisser Weise ist es das. Pionierarbeit bedeutet nicht nur, anderen dabei zu helfen, das Evangelium zu entdecken. Sie bedeutet auch, dass wir selbst das Evangelium durch die Menschen, denen wir begegnen, neu entdecken – durch ihre Fragen, ihre Erfahrungen und ihre Sicht auf die Welt. Das ist eines der größten Geschenke der Pionierarbeit. Selbst nach all den Jahren prägt sie meinen eigenen Glauben immer noch.

Eine letzte Frage: Wenn du auf einen Ort in Europa verweisen müsstest, auf den Kirchen gerade besonders schauen sollten – welcher wäre das?

Für mich ist das nach wie vor England. Dort hat ein großer Teil dieser Bewegung seinen Anfang genommen, und dort gibt es noch immer viele visionäre Menschen. Wir lernen weiterhin sehr viel von den Entwicklungen in der Church of England. Am interessantesten finde ich dabei nicht unbedingt die einzelnen Projekte, sondern die Fragen, die dort inzwischen gestellt werden. Zum Beispiel wird diskutiert, ob die Ära der Fresh Expressions möglicherweise zu Ende geht und wie das nächste Kapitel aussehen könnte. Es wird über worshipping communities, also gottesdienstlich geprägte Gemeinschaften, gesprochen. Es wird danach gefragt, wie Fresh Expressions und bestehende Gemeinden viel enger zusammenarbeiten können. Und zunehmend rückt die Erneuerung der gesamten Kirche in den Mittelpunkt, statt lediglich neben der bestehenden Kirche etwas Neues aufzubauen. Diese Diskussionen verfolgen wir mit großem Interesse. Die entscheidende Frage lautet dabei nie: „Wie können wir England kopieren?“ Die eigentliche Frage lautet: „Was können wir lernen – und wie übertragen wir diese Erkenntnisse in unseren eigenen Kontext?“ Vor dieser Herausforderung steht jede Kirche.

Wenn du auf all das zurückblickst, worüber wir heute gesprochen haben: Was gibt dir Hoffnung für die Zukunft der Kirche?

Letztlich hat meine Hoffnung nie auf Strukturen oder Programmen beruht. Sie beruht auf Menschen. Immer wieder sehe ich ganz normale Christinnen und Christen, die Räume schaffen, in denen Menschen echte Gemeinschaft erleben, Fragen zum Glauben stellen und Christus begegnen können. Das geschieht in großen Gemeinden und kleinen Gemeinden, in Wohnzimmern, an Esstischen und in Nachbarschaftsprojekten. Wo immer Menschen bereit sind, aufmerksam zuzuhören – Gott und den Menschen um sie herum –, beginnt etwas Neues zu wachsen. Das gibt mir Hoffnung.

Erik, vielen Dank, dass du deine Erfahrungen und Einsichten mit uns geteilt hast.

Danke. Es war mir eine Freude.

Zur Person: Erik Verwoerd ist Theologe und Pionier aus den Niederlanden. Seit 2008 beschäftigt er sich mit Pionierarbeit und neuen Formen von Kirche – zunächst vor Ort, später auf landesweiter Ebene. Heute ist er Projektleiter für neue Formen von Kirche und leitet die Proefplekken-Bewegung gemeinsam mit 15 Organisationen und Denominationen.