Die Theophilus Akten – Neues aus der Welt der frühen Christen

Interview von Hannah Stobbe

Interview

Was wäre, wenn die persönlichen Aufzeichnungen des Theophilus zur Apostelgeschichte erhalten geblieben wären? Mit den „Theophilus-Akten“ öffnet Klaus Douglass, früherer Direktor von midi, Monat für Monat eine neue fiktive Akte – und verbindet Geschichten und Hintergründe aus der Welt der frühen Christen mit Fragen an Glauben, Leben und Kirche heute. Im Interview erzählt er, wie die Idee entstand und was hinter dem Projekt steckt.

Hallo Klaus! Was ist die Idee hinter den „Theophilus-Akten”?

Die Idee ist eigentlich ein kleines Gedankenspiel. Lukas widmet sein Evangelium und die Apostelgeschichte einem Mann namens Theóphilus. Wir wissen nicht, wer er war. Aber wir wissen: Lukas wollte ihn mit seiner Geschichte erreichen. Und da habe ich mich gefragt: Was ging diesem Mann eigentlich durch den Kopf, als er die Apostelgeschichte zum ersten Mal las?

Also tun wir so, als wären seine persönlichen Aufzeichnungen erhalten geblieben. Mein Theophilus ist ein hochrangiger, gebildeter Römer, den der Glaube an den Gott Israels fasziniert, der aber selbst kein Jude werden will. Vor allem die Beschneidung und die jüdischen Speise- und Ritualvorschriften schrecken ihn ab. Dann begegnet ihm diese neue Jesusbewegung – und die ungeheuerliche Behauptung, ein gekreuzigter Jude sei von den Toten auferstanden. Theophilus ist skeptisch, aber neugierig. Er kann staunen, sich ärgern, Lukas widersprechen – und irgendwann merken, dass diese Geschichte ihm näherkommt, als ihm lieb ist.

Die Idee entstand bei meiner Arbeit an einem größeren Buch über die Apostelgeschichte. Die „Theophilus-Akten“ sind so etwas wie eine literarische Vorabserie dazu: Monat für Monat eine kleine Akte – und am Ende immer die Frage, was diese alte Geschichte mit unserem Glauben, unserem Leben und unserer Kirche heute zu tun hat.

Worauf dürfen sich die Leser:innen freuen?

Zunächst einmal auf eine ziemlich spannende Geschichte. Denn die Apostelgeschichte ist viel wilder, als ihr Ruf vermuten lässt. Da gibt es Aufbrüche und Abstürze, Wunder und handfeste Konflikte, Bekehrungen, Gefängnisausbrüche, Schiffbruch, Streit um Geld und Macht – und eine junge Bewegung, die ständig vor Fragen steht, auf die sie noch keine fertigen Antworten hat.

Theophilus begleitet das Monat für Monat – und verändert sich dabei selbst. Anfangs fragt er: „Was glauben diese Leute eigentlich?“ Aber nach und nach wird daraus die immer persönlicher werdende Frage: „Und was glaube ich?“

Und ich möchte immer wieder Dinge zeigen, die man beim schnellen Lesen leicht übersieht: historische Hintergründe, kleine Details, überraschende Zusammenhänge. Nicht als Bibelkunde zum Angeben, sondern weil ein alter Text plötzlich erstaunlich lebendig werden kann, wenn man entdeckt, was tatsächlich in ihm steckt.

Warum lohnt es sich heute, neu auf die Apostelgeschichte zu schauen?

Mich fasziniert an der Apostelgeschichte, dass dort noch fast nichts fertig ist. Diese junge Jesusbewegung weiß noch nicht einmal, wie sie sich selbst nennen soll, geschweige denn, wie Kirche eigentlich geht. Sie muss lernen, Grenzen zu überschreiten, Konflikte auszutragen, lieb gewordene Überzeugungen zu korrigieren und immer wieder neu zu fragen: Wohin führt uns Gottes Geist?

Das kommt mir erstaunlich aktuell vor. Auch wir stehen heute vor Fragen, auf die unsere bisherigen Antworten nicht mehr ohne Weiteres passen. Wie erreicht der Glaube Menschen, die mit unseren religiösen Traditionen nichts anfangen können? Was müssen wir bewahren, was verändern? Und wie entdecken wir, wohin Gott uns heute führen will?

Manchmal schauen wir etwas sehnsüchtig auf die erste Gemeinde und denken: Damals war Kirche noch einfach. War sie nicht. Aber sie war ungeheuer beweglich. Und davon können wir eine Menge lernen.

Wie ist es dir im Ruhestand ergangen?

Mir geht es ausgesprochen gut mit dem Ruhestand – wobei das Wort manchmal etwas irreführend ist. Ruhiger ist mein Leben geworden, stillgelegt bin ich noch nicht. Ich werde erstaunlich häufig zu Vorträgen und Seminaren eingeladen, predige weiterhin gern und engagiere mich in der Gemeinde meiner Frau.

Daneben genieße ich es sehr, mehr Zeit zum Schreiben zu haben – unter anderem eben an meinem Buch über die Apostelgeschichte. Und ich kann mich weiter mit den Fragen beschäftigen, die mich seit Jahrzehnten umtreiben: Wie können wir so von Gott reden, dass Menschen verstehen, was das mit ihrem Leben zu tun hat? Wie erreichen wir Menschen, die mit Kirche wenig anfangen können?

Der große Unterschied ist: Ich muss keine Institution mehr leiten und kann sehr viel freier entscheiden, wofür ich meine Zeit und Kraft einsetze. Das empfinde ich als großes Privileg.