Akte 01 – Codename Theophilus

Kolumne von Klaus Douglass

Theophilus – ihm widmet Lukas gleich zwei biblische Bücher: sein Evangelium und die Apostelgeschichte. Wer dieser Mann war, darüber wird bis heute gerätselt. Aber was, wenn wir wüssten, was ihm beim Lesen durch den Kopf ging? Was ihn faszinierte, irritierte oder vielleicht sogar abschreckte? In den Theophilus-Akten greift Klaus Douglass diese Vorstellung auf. Monat für Monat öffnet er eine neue Akte und mit ihr einen neuen Blick auf Menschen, Ereignisse und Konflikte der Apostelgeschichte – und auf manches Detail, das sich erst auf den zweiten Blick zeigt.

Quelle: Apostelgeschichte 1,1

„Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus, von all dem, was Jesus von Anfang an tat und lehrte...“

Aus den Akten des Theophilus

Sie nennen mich Theóphilus – die Betonung liegt dabei auf dem „O“. Wie ich wirklich heiße, tut nichts zur Sache.

Auf diesen Namen haben Lukas und ich uns vor Jahren geeinigt. Er bedeutet „Gottesfreund“. Lukas fand das passend – ich fand es diskret. Wer in Rom in gewissen Kreisen verkehrt, sollte sich gut überlegen, mit welchen Leuten sein Name öffentlich verbunden wird. Meinen wirklichen Namen wollte ich jedenfalls nicht auf einer Schrift lesen, in der es um einen gekreuzigten Juden geht, dessen Anhänger behaupten, er sei von den Toten auferstanden.

Ganz falsch ist der Name allerdings nicht. Der Gott der Juden beschäftigt mich schon lange. Ein einziger Gott statt dieses unübersichtlichen Göttergewimmels, mit dem wir Römer Himmel und Erde bevölkern – der Gedanke hat etwas. Auch die Art, wie die Juden ihren Glauben mit ihrem Leben verbinden, beeindruckt mich. Dass ich deshalb gleich einer von ihnen werden möchte, wäre allerdings stark übertrieben.

Lukas weiß das alles. Wir kennen uns seit Jahren und haben oft darüber gesprochen: über den Gott Israels, über Jesus von Nazareth und über die Behauptung, an der für mich alles hängt: dass dieser Jesus nach seiner Kreuzigung von den Toten auferstand.

Lukas weiß auch, dass ich ihm das nicht einfach glaube.

Deshalb hat er mir sein erstes Buch geschrieben. Ein „Evangelium“, wie diese Leute sagen. Eine eigenartige Mischung aus biografischem Bericht und Glaubenszeugnis. Spannend zu lesen. Für jemanden wie mich aber auch ziemlich gewöhnungsbedürftig. Lukas hat Berichte gesammelt, Menschen befragt und die Geschichte von Jesus so sorgfältig wie möglich rekonstruiert. Ich habe sie gelesen. Mehr als einmal.

Nun liegt sein zweites Buch vor mir.

„Den ersten Bericht habe ich gegeben, lieber Theophilus …“

Ja, Lukas. Den hast du.

Diesmal willst du mir erzählen, wie es weiterging. Warum eure kleine Gruppe nach der Hinrichtung eures Anführers nicht in sich zusammenfiel. Wie aus ein paar Dutzend Menschen eine Bewegung wurde, die bis ins Zentrum des Römischen Reiches vorgedrungen ist. Und warum auch Menschen, die Jesus niemals persönlich gesehen haben, bereit sind, ihr Leben nach ihm auszurichten.

Ehrlich gesagt: Falls Jesus tatsächlich auferstanden ist, wäre das schon schwer genug zu verdauen. Aber wenn das, was mit ihm begonnen hat, inzwischen sogar Nichtjuden erfasst – Leute wie mich –, müsste ich womöglich meine Rolle als skeptischer Beobachter verlassen.

Also gut, Lukas. Du hast mich.

Ich lese weiter.

Anmerkung des Herausgebers

Menschen wie Theophilus gibt es bis heute: gebildet, kritisch, durchaus offen für religiöse Fragen – und weit davon entfernt, alles zu glauben, was Christ:innen ihnen erzählen. Was müsste passieren, damit ein solcher Mensch heute nach einer Predigt, einem Gottesdienst oder einem Gespräch sagt: „Du hast mich. Ich will mehr davon wissen“? – Das lässt sich bei Lukas lernen.

Erstens: Lukas erzählt seine Geschichte so, dass die Neugier des Theophilus geweckt wird. In der Apostelgeschichte pulsiert das pralle Leben: Feuerflammen fallen vom Himmel, Kranke werden geheilt, Menschen bekehren sich. Lukas erzählt von Gebetserhörungen und Streitereien, von Reisen, Gefängnissen, Steinigungen und Schiffbruch. Und mittendrin: ein Gott, der Menschen führt, überrascht, herausfordert und bevollmächtigt. Diese Lebendigkeit ist mehr als eine Frage des guten Erzählens. Sie eine theologische Notwendigkeit. Denn der Gott der Bibel ist lebendig – und schafft Leben. Wer langweilig von Gott redet, verkündet implizit einen langweiligen Gott. Von Lukas können wir lernen: Es reicht nicht, theologisch richtig von Gott zu reden. Wir sollten so von ihm reden, dass Menschen neugierig werden.

Zweitens: Lukas setzt sich intensiv mit seinem Adressaten und dessen Lebenswelt auseinander. Theophilus ist ihm so viel wert, dass er ein ganzes Buch für ihn schreibt. Genau gesagt: zwei. Er kennt ihn, seine Welt und seine Fragen. Immer wieder lässt er römische VIPs auftreten, erzählt vom Verhältnis zwischen Römern und Christen, zwischen Juden und Nichtjuden, greift mit Beschneidung und Speisegeboten zielsicher die Punkte auf, an denen Theophilus’ Sympathie für das Judentum an ihre Grenzen stößt. Lukas verkündet seine Botschaft nicht in einen luftleeren Raum hinein. Er macht sich die Mühe, sie so weiterzugeben, dass sie Theophilus und seine Lebenswelt erreicht. Diese Mühe ist kein kommunikativer Trick. Sie ist ein Ausdruck von Liebe.

Drittens: Lukas macht den Glauben verständlich, ohne ihn zurechtzubiegen. Er beantwortet viele Fragen, die Theophilus mitbringt. Aber Gott hat auch Fragen an den Menschen – Fragen, auf die Theophilus selbst gar nicht gekommen wäre: Wem vertraust du im Leben und im Sterben? Bist du bereit, dich von Gott herausfordern zu lassen? Was muss sich dafür in deinem Leben ändern? – Lukas räumt seinem Leser vieles aus dem Weg: Verstehens­hindernisse, religiöse Hürden und kulturelle Barrieren, die Menschen den Zugang zu Christus unnötig erschweren. Aber nicht, damit am Ende ein möglichst gefälliges Evangelium übrig bleibt. Sondern damit Theophilus sich der eigentlichen Herausforderung stellen kann: einem gekreuzigten Messias, der Auferstehung von den Toten, dem Ruf zur Umkehr und der Verheißung eines neuen Lebens aus der Kraft des Heiligen Geistes.

Aktennotiz:

Wer von dem lebendigen Gott redet, darf die Menschen weder langweilen noch das Evangelium entschärfen.