Dialogformate mit Rechtsaußen? – Zwischen Entlarvung und Diskursverschiebung
Ist öffentlicher Dialog mit allen möglich und sinnvoll – auch mit Vertreter*innen rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien? Eine digitale Veranstaltung am 3. Juni hat Antworten aus unterschiedlichen Perspektiven gesucht.
Die evangelische Kirche und die Diakonie haben sich wiederholt klar positioniert: Sie bieten rechtsextremen und rechtspopulistischen Positionen keine Bühne. Zugleich möchten Kirche und Diakonie mit der Initiative #VerständigungsOrte Raum für Dialog auch zwischen gesellschaftlich weit auseinanderliegenden Polen schaffen. Die Hoffnung, damit die Menschen, die sich in wachsenden Zahlen aus der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft in Richtung Rechtsaußen verabschieden, für den demokratischen Diskurs zurückzugewinnen, schwingt mit.
Was heißt das in der Praxis, in den Gemeinden und Einrichtungen vor Ort? Gilt es, die Türen offen zu halten für die, die sich aufgrund ihrer Positionierungen und ihres Wahlverhaltens außerhalb des demokratischen Grundkonsenses stellen? Oder muss der Schwerpunkt darauf liegen, die Menschenwürde derer zu schützen und zu verteidigen, die sich durch eben diese Menschen und Entwicklungen bedroht fühlen – und es auch oft sind? Können Kirche und Diakonie gar beides bieten: Schutzraum und Verständigungsorte?
Dass damit auch geistliche Fragen nach Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde, Nächsten- und Feindesliebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit berührt sind, macht diese Problematik für kirchliche und diakonische Akteur*innen noch einmal komplexer und drängender.
Entsprechend groß war die Resonanz auf die Einladung zu einer digitalen Veranstaltung, die Antworten auf diese Fragen versuchte. Über hundert Menschen von allen kirchlichen und diakonischen Ebenen versammelten sich am 3. Juni zu einem digitalen Austausch mit Sarah Vecera (Referentin bei der Vereinten Evangelischen Mission mit dem Themenschwerpunkt „Rassismus und Kirche“ und Mitglied im evangelischen Content-Netzwerk yeet mit ihrem Podcast „Stachel und Herz“), Dr. Frank Hiddemann (Leiter der Ökumenischen Akademie Ostthüringen und verantwortlich für das Format „Prekäre Dialoge“) und Dr. Harald Lamprecht (Weltanschauungs- und Sektenbeauftragter der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens, Geschäftsführer des Evangelischen Bundes Sachsen und Mitentwickler der Methodik in der #VerständigungsOrte-Startbox). Moderiert wurde der Abend von Dr. Annika Schreiter (Generalsekretärin der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland).
Ziel der Veranstaltung war es, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen sichtbar zu machen und den Engagierten vor Ort Orientierung zu ermöglichen, welche Wege für deren konkrete Situationen realistisch gangbar und handhabbar sein könnten. Entsprechend stand nicht der Streit um die bessere oder „einzig richtige“ Position im Zentrum – sondern das Aufeinander-Hören und Verstehen.
Zum Einstieg erzählte Moderatorin Annika Schreiter von einem Wahlpodium in ihrer thüringischen Heimatstadt, welches – auch noch an einem 8. Mai – in einem Haus des Kirchenkreises stattfand und aufgrund der Beteiligung des AfD-Kandidaten zu heftigen innerkirchlichen Auseinandersetzungen führte. Diese gingen so weit, dass sich beispielsweise ein Pfarrehepaar an dem Abend auf entgegengesetzten Fronten wiederfand: die eine Person auf der Veranstaltung – und die andere draußen beim Protest mit Evangelischer Jugend, Omas gegen Rechts und Antifa, die die eintretenden Besuchenden durch ausgelegte Ausdrucke der Menschenrechtserklärung dazu zwang, die Menschenrechte buchstäblich mit Füßen zu treten. Dieses Beispiel, so Schreiter, mache deutlich, wie stark die Frage nach dem richtigen Umgang mit Rechtsaußen inzwischen mitten im kirchlichen Leben angekommen ist.
Sarah Vecera stellte die Strategie der evangelischen Kirche in Frage, auf rechte Wahlerfolge mit der Botschaft zu reagieren, diese Menschen zurückgewinnen zu wollen. Dadurch gerieten die vielen Menschen aus dem Blick, die von Rassismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus und ähnlichem betroffen sind und angesichts dieser Entwicklungen zu Recht Angst hätten. Sie könnten sich in der Kirche nicht sicher fühlen, wenn diese die Tür für Menschen öffnet, die klar und wissentlich gegen ihre Menschenwürde verstoßen.
Stattdessen müsse sich Kirche klar an der Seite dieser Menschen positionieren und Schutzraum für sie sein. Angesichts des wachsenden Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland (aktuell 30 % aller Erwachsenen und über 40 % aller Kinder) plädierte Vecera auch für eine deutlichere Repräsentation dieser Menschen in kirchlichen Entscheidungspositionen.
Im privaten Bereich halte sie es für wichtig, den Kontakt zu Menschen, die die AfD wählen, nicht abreißen zu lassen; denn oft seien Menschen mit rechter Gesinnung nur noch auf der Beziehungsebene erreichbar. Rechten Akteuren jedoch eine öffentliche Bühne zu bieten, trage zu deren Legitimation und Stärkung bei.
Eine Kirche im Rückbau sollte überlegen, wem sie ihre knappe Aufmerksamkeit schenkt, und sich dabei am Verhalten von Jesus gegenüber ausgegrenzten und benachteiligten Menschen orientieren. Kirchen müssten sich statt mit Rechten mit der Mehrheit beschäftigen, die nicht rechts ist, und die unterstützen, die Demokratie bilden wollen.
Für den privaten Bereich plädierte Frank Hiddemann für die Strategie „Markieren – Gespräch abbrechen – und trotzdem in Kontakt bleiben“, um dem Missverständnis zu wehren, dass das Gegenüber einen in eine „Misstrauensgemeinschaft“ (der Begriff stammt von Aladin El-Mafaalani) hineinziehen könne.
In der Öffentlichkeit jedoch wolle Hiddemann aus politisch-strategischen Gründen mit Rechten streiten. Die Rechten hätten in den letzten Jahrzehnten von linken Theoretikern gelernt und Schritt für Schritt auf eine kulturelle Hegemonie hingearbeitet – mit dem Ergebnis, dass die Revolte heute in aller Regel rechts statt links sei und Empörungen auf das rechte Dispositiv einzahlten.
Die AfD werde nicht von selbst wieder kleiner; deshalb müsse man in den demokratischen Streit mit ihr gehen. Hiddemann erzählte, wie er das bei den „Prekären Dialogen“ selbst praktiziert. Diese seien „prekär“, weil sie nicht zur Annäherung führen, sondern demokratischen Diskurs inszenieren. Durch kluge Mittel könnten die Rechten gezwungen werden, argumentativ zu arbeiten. Da sämtliche Themen der AfD aporetisch, also nicht politisch lösbar seien, würde so offenbar, dass ihre Phrasen und Parolen nicht funktionieren. Durch öffentliches Zusammenbringen verschiedener Blasen und Milieus sowie gezielte Interventionen könnten der typische rechte Erregungsmodus unterbrochen und die Wortführer mit ihren vermeintlichen Eindeutigkeiten entzaubert werden. So könne die kulturelle Hegemonie zurückgewonnen werden.
Harald Lamprecht, der dankenswerterweise sehr kurzfristig für den leider verhinderten Diakoniepräsidenten Rüdiger Schuch als dritter Impulsgebender eingesprungen war, nahm drei grundlegende Unterscheidungen vor.
So verträten Demokrat*innen und rechte Akteur*innen inkompatible Zielrichtungen: Während die einen Verständigung und gesellschaftlichen Zusammenhalt durch fairen Austausch über Sachfragen und die gemeinsame Suche nach bestmöglichen Kompromissen für das Gemeinwohl erzielen wollten, hätten die anderen kein Interesse daran, sondern an Lagerbildung und Polarisierung. Dabei arbeiteten Populist*innen mit Unterstellungen, Emotionen, Lügen und Feindbildern, um ein Wir-gegen-die-Gefühl zu stärken. Es gehöre zu den rechten Debattenstrategien, Regeln zu ignorieren und den Raum mit Müll zu fluten, um den Diskurs zu sprengen. Rechtsextreme gehörten deshalb in aller Regel auf kein demokratisches Podium.
Als zweites unterschied Lamprecht zwischen Funktionären und Mitläufern. Menschen, die rechtsextrem wählen, hätten anders als prominente Vertreter*innen rechtsextremer Parteien zum Teil durchaus ein echtes Interesse am Gemeinwohl und legitime Ziele und seien nur unsicher, wo die wahren Probleme liegen und wie diese zu lösen sind, welche Nachrichtenkanäle verlässlich sind und welchen Wert Menschenrechte haben. Das seien Anknüpfungspunkte für Gespräche. Damit diese in einer aufmerksamen und Rückfragen und Zuhören ermöglichenden Atmosphäre stattfinden, seien jedoch Podien in der Regel nicht geeignet.
Die dritte Unterscheidung nahm Lamprecht zwischen Position und Umgang vor. Die Kirche sollte in ihrem Einstehen für unteilbare Menschenwürde und universale Menschenrechte maximal klar sein – und gleichzeitig die konkreten Menschen sehen, sich für deren Fragen und Probleme interessieren und so etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes ausstrahlen. Im Christentum sei diese Unterscheidung von Sünder und Sünde von Anfang an angelegt. Und nichts sei so stark gegen Feindbilder wie die Begegnung mit dem eigentlichen Feind.
Vor diesem Hintergrund erzählte Lamprecht von seinen Erfahrungen mit Verständigungsorten, die er mitorganisiert hatte. Bei diesen Formaten hätten rechte Akteur*innen keine Bühne bekommen, auch habe es kein offenes Saalmikrofon gegeben, über das Parolen in den Raum geworfen werden können. Dafür seien die Teilnehmenden, darunter potenziell auch Menschen mit rechten Positionen, in kleinen Tischgruppen ins Gespräch gekommen. Aufgrund der klaren Methodik seien alle mit ihren Erzählungen ohne Unterbrechungen zu Wort gekommen und hätten gleichzeitig alle aufmerksam zuhören müssen.
Im Gespräch der Impulsgebenden sowie in der auf eine kurze Kleingruppenphase folgenden Fragerunde kamen verschiedene Aspekte zur Sprache. So wurde ausführlich die Rolle von Social Media diskutiert. Selbst wenn es nämlich gelingt, in Präsenz die Schwächen rechter Akteur*innen und Positionen offenzulegen, entsteht für die digitale Öffentlichkeit oft ein ganz anderer, kaum kontrollierbarer Eindruck. Kleine Schnipsel und Halbsätze werden bewusst für die rechten Fanbases zusammengeschnitten und teils in komplett anderem Kontext auf Social Media vermarktet. Es brauche, so Lamprecht, daher eine Regulierung dieser permanenten digitalen Desinformation und der demokratiezersetzenden Algorithmen der kommerziellen Social-Media-Plattformen. Gleichzeitig – und trotz einer möglichen Renaissance der analogen leiblichen Begegnung als letztem täuschungsfreiem Raum – wurde die Notwendigkeit betont, sich als Kirche auch im digitalen Raum zu engagieren und die dafür nötigen Ressourcen einzuplanen.
Thema war auch die nicht zu unterschätzende Beobachtung, dass die Bewegung nach rechts aktuell ein globales gesellschaftliches Phänomen sei. Hier brauche es ein realistisches Erwartungsmanagement, um Vergeblichkeitsgefühlen vorzubeugen.
Weiter kam das Risiko, das mit Dialog- und Verständigungsprozessen, egal ob öffentlich oder privat, verbunden ist, zur Sprache. Selbst bei guter Vorbereitung und methodischer Anleitung könne etwas schief gehen. Dieses Risiko einzugehen, so der allgemeine Tenor, sei jedoch wichtig. Denn wenn das Risiko ausgeschlossen werden soll, gebe es schlicht keinen Dialog. Dass dieses Risiko angesichts von Bedrohungen und Angriffen auf People of Colour und andere von Diskriminierung bedrohte Gruppen ungleich verteilt ist, es aber gleichzeitig eigentlich nötig ist, die Perspektive dieser Menschen in Dialogformaten abzubilden, wurde als Dilemma identifiziert.
Trotz des drängenden und emotionalisierenden Themas und der teilweise gegensätzlichen Ansichten war der Abend von einer Atmosphäre des Respekts, des gemeinsamen Fragens und des gegenseitigen Zuhörens geprägt. Fast alle Teilnehmenden blieben bis zum Schluss, woran schon ersichtlich wurde, wie sehr das Thema bewegt – und wie groß zugleich das Engagement ist, Orientierung zu finden und um tragfähige Antworten zu ringen.
Bei ihren Abschlussstatements zeigten sich die Impulsgebenden jedenfalls nachdenklich und dankbar für den Austausch der teils sehr unterschiedlichen Perspektiven. Dass es nicht die eine alle Probleme lösende Strategie gibt, wurde ebenso betont wie die Notwendigkeit, verschiedenes auszuprobieren und darüber im Gespräch zu bleiben. Der Abend jedenfalls, so waren sich die Mitwirkenden einig, hatte deutlich gemacht: Verständigung auch zwischen weit auseinanderliegenden Positionen ist nötig und möglich – und Kirche kann dabei eine wichtige Rolle spielen.
Die Initiative #VerständigungsOrte unterstützt Gemeinden, Einrichtungen und Engagierte, die Orte und Formate für gesellschaftlichen Dialog schaffen möchten.
Die neue #VerständigungsOrte-Startbox bietet dafür eine Schritt-für-Schritt-Anleitung inklusive erprobter Methodik, fertigem Ablauf und Materialien zum Bestellen und Download.
Im kurzen Erklärvideo wird gezeigt, wie es geht.
Veranstaltungen und Projekte für gesellschaftlichen Dialog werden auf der interaktiven Karte deutschlandweit sichtbar.