Seelsorge in der Klimakrise

Wie seelsorgerliches Handeln in der Klimakrise vor Ort zum Resilienz- und Hoffnungsfaktor werden kann

Climate Anxiety und die politisch-gesellschaftliche Dimension von Seelsorge

Der sich verschärfende Klimawandel verändert schon heute in zunehmendem Maß das Alltagsleben von Menschen. Das gilt nicht nur für von klimabedingten Naturkatastrophen wie Fluten, Dürren, Stürmen und Hitzewellen besonders heimgesuchte Landstriche – und auch nicht allein für die physische, sondern immer stärker auch für die psychische Dimension des Menschseins.[1]

Ein aktueller Beitrag im Deutschen Ärzteblatt identifiziert die Folgen des Klimawandels als psychische Belastungsfaktoren und rechnet mit fortschreitender Erderwärmung mit steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen in der Fläche.[2] Begriffe wie Eco Anxiety, Climate Anxiety und Eco Grief sind in der psychologischen Forschung mittlerweile etabliert.[3] Eine globale Umfrage in zehn Ländern brachte u. a. folgende Ergebnisse: Angesichts des Klimawandels nahmen 75 % der befragten Kinder und Jugendlichen die Zukunft als furchteinflößend wahr, waren 56 % der Meinung, dass die Menschheit dem Untergang geweiht sei, und zweifelten 42 %, ob sie überhaupt einmal Kinder bekommen sollten.[4]

Die hinter diesem Befund stehende Realität wirkt sich schon heute auf die seelsorgerlichen Bedarfe in den kirchlichen und diakonischen Zuständigkeitsbereichen aus und wird es aller Voraussicht nach umso stärker tun, je drängender die Folgen der Klimakatastrophe medial und unmittelbar im Sozialraum erfahrbar werden.

Einige Schlaglichter gegenwärtiger und möglicher zukünftiger Herausforderungen für Kirche und Diakonie:

  • Kirchengemeinden sind – aufgrund von Mitgliedschaft, Gastfreundschaft oder gemeinsamem Engagement – mit in der Klimabewegung engagierten Menschen in Verbindung, die aufgrund von Vergeblichkeitserfahrungen und Anfeindungen auszubrennen drohen.
  • In der christlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kommen bei den Teilnehmenden während der thematischen Arbeit, beim Gebet oder im persönlichen Gespräch Sorgen und Ängste angesichts der Klimakatastrophe hoch.
  • In Kirchengemeinden gehen in der Klimadebatte rund um Letzte Generation und Heizungsgesetz die Wogen hoch und führen auf verschiedenen Seiten zu Belastungen und Verletzungen.
  • Von Sommer zu Sommer steigen die Zahlen der Menschen, die – auch in diakonischen Pflegeheimen und Krankenhäusern – aufgrund von extremer Hitze sterben und oft auch kirchlich beerdigt werden.
  • In den Zuständigkeitsbereichen von Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen ereignen sich in immer höherer Taktfrequenz akute klimawandelbedingte Naturkatastrophen mit Toten, Verletzten, Schäden an Wohnraum und Infrastruktur und damit einhergehenden Stresserfahrungen, Traumatisierungen usw.
  • In diakonischen Schuldnerberatungsstellen sind die Mitarbeitenden aufgrund klimawandelbedingter sozialer Verwerfungen mit einem erhöhten Beratungsbedarf und damit auch mit den entsprechenden seelischen Nöten von Menschen konfrontiert.
  • Beim Taufgespräch sitzt zukünftig im Durchschnitt mindestens ein Elternteil am Tisch, der vor der Geburt des Täuflings zumindest gezögert hat, ob es angesichts der Klimakrise überhaupt verantwortbar ist, ein Kind in die Welt zu setzen.[5]

Was diese Herausforderungen an die Seelsorge neben ihrer Dringlichkeit und existentiellen Natur so besonders macht, ist ihre soziale, globale und intergenerationelle –und damit systemische – Dimension. Sie treffen nun im deutschsprachigen Raum auf ein Seelsorgeverständnis, das – jedenfalls in der landläufigen Lehre und Praxis – seelsorgerliches Handeln zumeist individualisiert und als Bearbeitung persönlicher Probleme der einzelnen Person begreift und nur selten als in gesamtgesellschaftliche, politische und globale Zusammenhänge eingebunden reflektiert.

Seelsorge in der Klimakrise als Teil kirchlicher und diakonischer Innovationskultur

Haupt- und ehrenamtliche Seelsorger:innen werden künftig also immer stärker mit klimawandelbedingten seelischen Nöten konfrontiert sein: Ängsten (um die Zukunft des Planeten, um die eigene Zukunft bzw. die der nächsten Generationen), Trauer (um Klimatote, um aussterbende Tier- und Pflanzenarten, aber auch um Träume und Gewohnheiten), existentiellen Sinnfragen (im Zusammenhang von Verantwortung, Tod und Endlichkeit), Schuld- und Schamgefühlen (Frage des Umgangs mit dem eigenen Beitrag zur Klimaerwärmung sowie der global privilegierten Situation), Wut (angesichts von Verleugnung, Ignoranz und unzureichenden Veränderungen im Umfeld), Vergeblichkeitserfahrungen und Verzweiflung (angesichts der Grenzen der Möglichkeiten des Individuums in der globalen Katastrophe) u. a.

Die Relevanz von Kirche und Diakonie wird in den nächsten Jahrzehnten daher wesentlich davon abhängen, ob und inwiefern Menschen Kirche und Diakonie in der Klimakrise als sprach- und handlungsfähig sowie als Orte des Aufatmens, des Verständnisses und der Hoffnung erleben und durch entsprechende glaubwürdige Begleitung die tröstenden, befreienden und ermächtigenden Dimensionen des Evangeliums von Jesus Christus entdecken und erfahren können.

Die Evangelische Arbeitsstelle midi und die Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen haben sich daher zusammen mit anderen Kooperationspartnern auf eine entsprechende Suchbewegung begeben und entwickeln unterschiedliche Veranstaltungsformate auf mehreren Ebenen:

Einleitend und mit starkem Praxisbezug beschäftigte sich am 7. September eine digitale Veranstaltung mit der „Klimakrise als Herausforderung für Seelsorge im Sozialraum“ (Bericht siehe unten). Am 7. Dezember sind Engagierte in der Klimabewegung zum Aufatmen bei einem digitalen Aktivist:innen-Café mit vielfältigen Angeboten zu Resilienz und Spiritualität eingeladen. Und am 6. und 7. Juni 2024 wird eine Fachtagung Verantwortliche für Seelsorgelehre sowie für Seelsorgeaus- und -weiterbildung versammeln, um die Diskussion über eine zukunftsfähige klimasensible Seelsorgepraxis zu intensivieren.

Klimakrise als Herausforderung für Seelsorge im Sozialraum

Am 7. September trafen sich über achtzig Teilnehmende aus Deutschland und darüber hinaus zu einer 90-minütigen digitalen Auftaktveranstaltung, um gemeinsam die „Klimakrise als Herausforderung für Seelsorge im Sozialraum“ zu reflektieren. Seelsorgepraktiker:innen und -multiplikator:innen sowie andere Interessierte dachten miteinander an, welchen Beitrag gemeindliche und diakonische Seelsorge vor Ort zur Bewältigung der Klimakrise leisten kann und wie Haupt- und Ehrenamtliche in Kirche und Diakonie eine seelsorgerliche Bearbeitung der Klimakrise ermöglichen und so Einzelpersonen wie auch die öko-soziale Transformation im Sozialraum als Ganzes unterstützen und stärken können. Als Ausgangspunkt dienten Impulse aus der lokalen Arbeit einer Kirchengemeinde, aus der Psychologists for Future-Bewegung sowie aus der Ökumene.

Die Veranstaltung war Teil der Veranstaltungsreihe „Klima – Kirche – Kiez. Klimagerechtigkeit im Sozialraum als Aufgabe von Kirche und Diakonie“ (alle Termine der Reihe unter Termine). Die Impulse der Veranstaltung sind auf dem midi-YouTube-Kanal als Videos abrufbar.

Im Folgenden werden einige zentrale Erkenntnisse der Impulse skizziert.

Kirchengemeinde als Raum für Klimaaktivist:innen

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Seelsorge mit Klimaaktivist:innen in der Kirchengemeinde vor Ort (Almut Bellmann, Aljona Hofmann)

Die Evangelische Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord in Berlin arbeitet bereits seit einiger Zeit mit Klimaengagierten zusammen und stellte in der jüngeren Vergangenheit unter anderem der Letzten Generation Gemeinderäume als Orte des Rückzugs und der Koordinierung während deren Aktionsphasen zur Verfügung. Pfarrerin Almut Bellmann und Pfarrerin Aljona Hofmann berichteten im Rahmen der Veranstaltung am 7. September von den entsprechenden Kooperationen zwischen ihrer Kirchengemeinde und den Aktivist:innen.

Dabei nahmen die beiden Bezug auf die Geschichte der Gethsemanekirche, die bereits in Zeiten der Friedlichen Revolution eine große Rolle gespielt hatte und der bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung ein hoher gesellschaftspolitischer Symbolwert zugemessen wird. Mit Bezug darauf versammelten sich in der Zeit der Pandemie Gegner:innen der Coronamaßnahmen vor der Kirche, um zu demonstrieren. Auch anlässlich des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine fanden vor der Kirche Demonstrationen von verschiedenen Seiten statt. Die Pfarrpersonen setzten es sich zum Ziel, auf das angespannte, aggressive und depressive Klima, die Angst und die Kritik gegenüber der Politik zu reagieren und die gesellschaftliche Gesprächskultur in ihrem Stadtteil wieder in Gang zu bringen. Wie schon zu DDR-Zeiten wurde dafür der Raum der Kirche für offenes Gespräch, Begegnung und gegenseitiges Erzählen und Zuhören geöffnet, wenn auch nur mit geringer Resonanz.

Im Januar 2023 entwickelte sich ein Kontakt zu Aktivist:innen der Letzten Generation, bei dem, auch aufgrund der Historie der Gethsemanekirche, der Wunsch nach Vernetzung zum Ausdruck kam. Nach einer ersten, sehr positiven Begegnung im Pfarrkonvent entschied sich die Kirchengemeinde, die Gethsemanekirche nach Ostern 2023 für ein zehntägiges Gesprächsangebot zu öffnen. Ein Banner an der Kirche mit der Aufschrift „Kirche offen für Klimafragen“ signalisierte, dass hier Menschen mit unterschiedlichen Positionen ins Gespräch kommen könnten. Im Anschluss an das seit Jahren etablierte regelmäßige politische Gebet in der Gethsemanekirche fand in dieser Zeit in kleineren Runden viel Austausch zu Klimafragen statt. Dabei fanden Begegnungen statt, durch die sich in Kopf und Herz etwas bewegen konnte. Die positiven Rückmeldungen ermutigten die Pfarrerinnen, in diese Richtung weiterzuarbeiten. Auch während der Aktionstage der Letzten Generation im September 2023 wird daher die Kirchengemeinde die Kirche für die Aktivist:innen öffnen und unter anderem einen gemeinsamen Brunch veranstalten.

Die Pfarrerinnen bieten den Klimaaktivist:innen neben Logistik und Diskursformaten auch ihre Kompetenzen als Seelsorgerinnen an. Hier musste zunächst ein Lern- und Verstehensprozess durchlaufen werden, bis beiden Seiten klar wurde, dass das, was kirchliche Seelsorge leistet, im Sprachgebrauch der Aktivist:innen als „Emo-Support“ bezeichnet wird. Die Pfarrerinnen möchten durch ihre seelsorgerliche Tätigkeit Menschen unterstützen, die an ihre Grenzen kommen, weil sie sich aktivistisch engagieren oder auf andere Weisen versuchen, Klimaschutz zu leben, und daraus zum Beispiel Konflikte mit anderen Menschen entstehen.

Als Learnings hielten Almut Bellmann und Aljona Hofmann fest:

  • Es ist wichtig, dass die Kirche in der Klimakrise wie auch in den anderen gegenwärtigen Krisen ihre Rolle und Aufgabe findet. Das wiederum ist ein Prozess, den es aktiv zu gestalten gilt.
  • Kirche sollte in diesen Prozess ihre Ressourcen einbringen: Räume öffnen, Seelsorge anbieten u. a.
  • Klimaaktivist:innen sind als Menschen wahrzunehmen, die für ihr Engagement sehr viel investieren, sich persönlich involvieren und vieles aufgeben (Zeit mit der Familie, berufliche Karriere usw.). Dieser hohe Einsatz macht die Dringlichkeit der Klimathematik bewusst und stellt an Kirche die Frage, wie lange sie guten Gewissens Teil einer sich selbst stabilisierenden zerstörerisch wirkenden Gesellschaft sein kann und will.
  • Kirchliche Akteur:innen müssen mutiger sein und sich wie die Jünger bei der Sturmstillung von Jesus fragen lassen: Warum seid ihr so furchtsam? Sie können nicht immer warten, bis ein kirchenleitendes „Go“ kommt, sondern haben den Auftrag, die Auseinandersetzung mit der Klimakrise offensiv anzugehen. Nachdem Kirche in ihrer Geschichte oft Entwicklungen hinterhergehinkt ist (etwa in Wissenschaftsfragen oder in der Durchsetzung von Frauenrechten), ist es jetzt an der Zeit, dass Kirche den Kairos aufgreift und sich an die Spitze der Entwicklung stellt.

Die psychologische Dimension der Klimakrise

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Die Klimakrise in psychologischer Beratung und Psychotherapie (Ines E. Walter)

Im zweiten Impuls der Veranstaltung identifizierte Ines E. Walter die Klimakrise auch als psychologische Krise. Die Diplom-Psychologin mit eigener psychotherapeutischen Praxis in Berlin ist in ihrer Arbeit unter anderem auf klimasensible Gestalttherapie und Traumatherapie spezialisiert und arbeitet schon seit einigen Jahren auch mit Klimaaktivist:innen. Sie engagiert sich als Mitglied der Psychologists for Future.

In ihren Ausführungen beschrieb Walter die Schwierigkeit, aktivistisch zu sein und gleichzeitig Aktivist:innen im Emo-Support zu unterstützen. Aufgrund begrenzter Energien wäre hier immer wieder eine Entscheidung nötig, wo man sich gerade investieren kann und möchte.

Obwohl die Menschheit seit rund fünfzig Jahren mit dem Wissen um den menschengemachten Klimawandel konfrontiert sei, würde, so Walter, die entscheidende Transformation nach wie vor nicht geschafft. Es gebe Beharrungskräfte, die die Menschen daran hindern, falsche Entwicklungen zu bremsen und aktiv zu werden. Klimagefühle wie die Angst vor den Konsequenzen spielten dabei eine große Rolle. Vor allem aber überfordere die Klimakrise die Menschen, da sie ein „wicked problem“ ist, eine komplexe und vertrackte Krise ohne einfache Lösungen oder monokausale Antworten. Dies löse, weil die Menschen sich nicht handlungsfähig fühlen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aus.

Zusammen mit der Artensterbenkrise sei die Klimakrise somit eine Menschheitskrise der besonders perfiden Art: unsichtbar, schleichend, mit langem Verlauf, multikausal und von allen gemeinsam verursacht. Damit umzugehen sei kaum möglich. Insofern tendierten die Menschen insgesamt dazu, die Größe und Komplexität immer wieder abzuwehren. Häufige Strategien seien dabei Verdrängung („Das will ich mir lieber nicht ausmalen.“), Isolierung („Das ist so traurig mit den Eisbären / mit dem globalen Süden.“), Rationalisierung („Ich alleine kann nichts bewirken.“, „Deutschland hat nur einen so kleinen Anteil.“), Fetischisierung („Technologie wird uns retten.“), So-tun-als-ob („Ich esse bio.“ – Wirksamkeitssimulation) oder Rückzug („Das müssen die da oben lösen.“). Diese Coping-Mechanismen seien eigentlich grundsätzlich gesund und notwendig, um sich trotz Belastungen wohl zu fühlen und handlungsfähig zu bleiben. Angesichts der Klimakrise könnten sie jedoch Menschen daran hindern, aktiv zu werden und die entscheidenden Herausforderungen anzugehen. So nachvollziehbar Greta Thunbergs Satz „I want you to panic.“ im Sinne eines Aufrüttelns also auch sei, stelle sich die Frage, inwiefern Panik tatsächlich ins Handeln führt.

Es gebe verschiedene Arten, so Walter, wie Menschen auf ein identifiziertes Risiko reagieren: durch Bekämpfen der Ursache – wenn ihnen wirksames Handeln möglich erscheint; durch Verdrängen der Bedrohung – wenn ihnen die Mittel zum Handeln fehlen; oder durch Sich-Verstecken vor der Krise – wenn die Ohnmacht zu stark wird. Psychotherapie könne hier zur Selbstregulation beitragen und ermöglichen, dass Menschen einerseits die Welle der Gefühle zulassen und aushalten und andererseits eine innere Mitte finden und handlungsfähig werden können.

Um den Beharrungskräften zu begegnen und nicht in Flucht, Kampf oder Erstarrung zu verfallen, sei es wichtig, dass sich Menschen gut und sicher fühlen. Nur dann seien sie fähig zu Kommunikation, Liebe und Empathie. Kirchliche Seelsorge könne zu solcher emotionalen Sicherheit beitragen, indem sie unter anderem die Bildung von Gemeinschaft fördert (nicht nur Gemeinschaft der Gläubigen, sondern darüber hinaus zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteur:innen) sowie Rituale zur Verfügung stellt. Letztlich sei Liebe, wie sie schon Jesus vor zweitausend Jahren gepredigt hat, der Schlüssel und die Grundlage, um sich der Welt zu öffnen und aktiv zu werden.

Die lokale Konkretion der globalen Perspektive

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Klimakrise und Seelsorge – Lokale Herausforderungen im globalen Kontext (Dr. Dominiek Lootens)

Dominiek Lootens ist promovierter Theologe mit Lehrauftrag an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Der gebürtige Belgier arbeitete zwanzig Jahre als Krankenhausseelsorger, ist Vorstandsvorsitzender der Society for Intercultural Pastoral Care and Counselling (SIPCC) und arbeitet am Centre for Dialogue am Campus Riedberg in Frankfurt am Main.

In seinem Beitrag zur Veranstaltung am 7. September berichtete Lootens von der interkulturellen, interreligiösen und interdisziplinären Arbeit der SIPCC seit 28 Jahren und mit Mitgliedern aus dreißig Ländern. Die SIPCC entwickelt Seminare, Kurse und Publikationen, oft zusammen mit internationalen Partnerorganisationen. Die Arbeit erfolgt auf der Grundlage der Klinischen Seelsorgeausbildung (KSA) und ist entsprechend stark vom gemeinsamen Austausch in Reflexionsgruppen geprägt.

2023 veranstaltete die SIPCC in Limburg ein hybrides Seminar zu „Ökofeminismus und interkultureller Seelsorge“. Das Konzept des Seminars beleuchtete drei Perspektiven, nach denen im Zusammenhang von Seelsorge und pastoraler Arbeit in Bezug auf ökologische Fragen gehandelt wird:

  • Nachhaltigkeit: Wie kriegen wir die Solaranlage auf unser Dach? Welche technischen Lösungen können wir beantragen? usw.
  • Ökospiritualität: Was sind meine Quellen? Wie kann ich eine Herzensverbindung herstellen? Hier bot das Seminar unter anderem islamische, orthodoxe und indigene Impulse.
  • Soziale Gerechtigkeit: Welche Perspektiven bringt der globale Süden ein? Welche Rolle spielen die Tradition der Befreiungstheologie sowie sozialer Aktivismus? Wie können das System durch aktivistisches Handeln infrage gestellt und marginalisierte Stimmen gehört werden?

Ökofeminismus spielt in all diesen Bereichen eine Rolle und hinterfragt sie jeweils kritisch: Inwieweit ist der Nachhaltigkeitsansatz systemkritisch? Inwieweit ist Befreiungstheologie z. B. in Südafrika noch immer patriarchal? Inwieweit werden in Ökospiritualität indigene Perspektiven ernstgenommen? usw.

Die sechs Referentinnen des Seminars gaben Impulse zu Themen wie

  • Umweltrassismus und Essentialismus: Sind Frauen näher an der Natur dran und damit besser fähig, die Klimakrise zu verstehen?
  • unverdientes Privileg: Sind Seelsorger:innen teils privilegiert? Und wie gehen sie in der Seelsorge z. B. mit Menschen, die in Armut leben, mit diesem Privileg verantwortet um?
  • dekoloniale Bildung: Was hat die Klimakrise mit Kolonialismus zu tun?
  • Ökotherapie und feministische Therapie im Kontext des Islams
  • indigene praktische Theologie und Seelsorge
  • die grüne Moschee
  • Befreiungstheologie und prophetisches Handeln aus indigener Perspektive.

In einem konkreten Erfahrungsbeispiel erzählte Lootens von einem Seelsorger, welcher in Asien im Rahmen eines Forschungsprojekts für seine Doktorarbeit als Seelsorger mit einer indigenen Dorfgemeinschaft zusammenlebt und -arbeitet. Bei seinem Wirken wurde er mit Landraub und ausgesprochen schwierigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen vor Ort konfrontiert.  Ein internationaler Konzern hatte sich in dem Gebiet des Dorfes angesiedelt, große ökologische Schäden verursacht und die agrarische Arbeit der indigenen Bevölkerung unmöglich gemacht. Die Bewohner:innen waren faktisch gezwungen, für den Konzern zu arbeiten.

In dieser Situation registrierte der Seelsorger in der Dorfgemeinschaft ein starkes Gemeinschaftsbewusstsein sowie eine tiefe Spiritualität, die sich hybrid aus christlichen und indigenen spirituellen Traditionen speiste. Auf dieser Grundlage leisteten die Menschen gewaltfrei Widerstand gegen die Aktivitäten des Konzerns. Der Seelsorger, der der privilegierten Mittelschicht entstammte und über eine KSA-Ausbildung verfügte, wusste: Er hatte die Möglichkeit, in diese Dorfgemeinschaft einzutauchen – und auch jederzeit wieder auszusteigen. Nun musste er reflektieren, was sein unverdientes Privileg für sein Wirken bedeutete, wie er damit umgehen wollte und wie er die indigene Bevölkerung unterstützen konnte. Konnte Seelsorge in diesem Kontext überhaupt funktionieren? Auch sah er sich angesichts seines evangelikalen Herkunftskontextes mit der Frage konfrontiert, wie er als christlicher Seelsorger mit den Elementen indigener Spiritualität umgehen sollte. Letzten Endes sah er keine andere Möglichkeit für sich, als sich mit der indigenen Bevölkerung zu solidarisieren, sich mit ihnen im gewaltfreien Widerstand und im Aktionismus zu engagieren und die Elemente indigener Spiritualität als Quelle der Stärke für die Menschen, mit denen er zusammenlebte, anzuerkennen.

Ausblick

Die drei Impulse waren Ausgangspunkt für weiterführende Fragen und Gespräche im Plenum sowie in Breakoutgruppen – und machten, ebenso wie das Feedback im Nachgang, deutlich, dass die Veranstaltung am 7. September nicht mehr sein konnte als ein erstes Kratzen an der Oberfläche sowie der Startpunkt für eine umfang- und facettenreiche Suchbewegung, die in Zukunft auf jeden Fall neue Perspektiven auf die Aufgabe und Praxis von Seelsorge eröffnen wird. Die VRK-Akademie und midi werden sich dieser Suchbewegung in den nächsten Monaten gemeinsam mit anderen Partner:innen sowie unterschiedlichen Formaten stellen: mit einem digitalen Aktivist:innen-Café am 7. Dezember sowie einer Fachtagung zu Klima und Seelsorge am 6. und 7. Juni 2024 in Bamberg.


[1] Wobei selbstverständlich physische und psychische Auswirkungen der Klimaerwärmung oft miteinander einhergehen können, etwa wenn klimawandelbedingte Naturkatastrophen Menschen in Stress versetzen, traumatisieren usw. Zu diesen Zusammenhängen siehe z. B. Walinski, Annika u. a., 2023: Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit. in: Deutsches Ärzteblatt 8/2023 (www.aerzteblatt.de/archiv/229915/Auswirkungen-des-Klimawandels-auf-die-psychische-Gesundheit  – abgerufen am 14.8.2023)

[2] Walinski u. a. 2023

[3] Pihkala, Panu, 2022: Eco-Anxiety and Pastoral Care: Theoretical Considerations and Practical Suggestions. Religions 13: 192, S. 163 (doi.org/10.3390/rel13030192 – abgerufen am 14.8.2023) und Umweltbundesamt, 2021: Klimawandel und psychische Gesundheit (www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/klimawandel-gesundheit/klimawandel-psychische-gesundheit#belastung-durch-die-bedrohung – abgerufen am 14.8.2023)

[4] Pihkala 2022

[5] Siehe die weiter oben erwähnte Studie bei Pihkala 2022.