„Pluralität ist kein Spaziergang” – Wie viel Widerspruch verträgt die diakonische Identität, bevor sie zerbricht?

Interview

Christian Albrecht ist Professor für Praktische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Herausgeber des zuletzt erschienenen vierten Bandes der midi-Reihe „Diakonie reflektiert“: „Aufeinander hören – miteinander reden. Diakonie, Demokratie und Dialog”. Im Interview spricht er darüber, wie diakonische Einrichtungen mit rechtspopulistischen Aussagen in den eigenen Reihen umgehen können, ohne Menschen auszugrenzen – und warum demokratische Kultur und Pluralität immer wieder neu eingeübt werden müssen.

Herr Albrecht, Sie schreiben, die Diakonie habe den demokratischen Geist erst mühsam lernen müssen. Wo lagen historisch die größten Widerstände, und wie tief sitzt dieses Gelernte heute wirklich?

Albrecht: Die Diakonie kommt ja aus einer Tradition des 19. Jahrhunderts, in der christliche Fürsorge vielfach paternalistisch gedacht war, als Almosen. Erwartet wurde von den Empfängern im Gegenzug moralische Besserung, Gehorsam, Eingliederung in die hierarchischen Strukturen der diakonischen Einrichtungen. Erst ab den 1960er Jahren trat allmählich ins Bewusstsein, dass Hilfeempfänger Rechte haben: in der staatlichen Gesetzgebung verbriefte Rechte auf soziale Unterstützung, aber auch das moralische Recht auf Anerkennung, Selbstbestimmung, Mitsprache – allesamt demokratische Dimensionen. Das muss immer wieder in Erinnerung gerufen und eingeübt werden, das hat man nie ein für alle Mal.

Die Diakonie bekennt sich zur Demokratie, doch in den eigenen Reihen wachsen rechtspopulistische Ansichten. Wie viel Widerspruch verträgt die diakonische Identität, bevor sie zerbricht?

Albrecht: Die Diakonie geht (wie übrigens auch die Demokratie) nicht daran zugrunde, dass in ihr rechtspopulistische Ansichten geäußert werden. Damit muss man leben, die Diakonie hält das aus (wie übrigens auch die Demokratie…). Entscheidend für die Glaubwürdigkeit der diakonischen Identität ist aber, wie man in der Diakonie mit den Trägern solcher rechtspopulistischen Ansichten umgeht, in Treue zur eigenen Identität: man kann die Ansichten ablehnen, aber nicht die Personen, die sie äußern.

Sie schlagen die lutherische Trennung von „Person und Werk“ vor. Wie hilft uns diese theologische Unterscheidung im Alltag, eine Meinung radikal abzulehnen, ohne den Menschen dahinter zu entwürdigen?

Albrecht: Man muss in der Kommunikation diese beiden Ebenen deutlich machen, andauernd: ich lehne deine Meinung ab, aber nicht deine Person. Das ist anspruchsvoll und anstrengend. Aber ich fürchte, einfacher ist es nicht zu haben, wenn man in der Diakonie den Selbstwiderspruch vermeiden will, permanent von der Anerkennung aller Menschen ohne Vorbedingungen zu reden, es dann aber im eigenen Haus nicht schafft, diesen Vorsatz auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern differenziert umzusetzen.

Warum ist moralische Entrüstung oft eine Sackgasse? Wie schaffen wir es, nicht in das typische „Freund-Feind-Schema“ zu tappen, das Extremisten erst recht befeuert?

Albrecht: Moralische Entrüstung hat zwei Probleme: erstens unterscheidet sie ziemlich schlicht zwischen gut und böse. Ein Drittes gibt es nicht. Und zweitens verzichtet sie bei dieser schlichten Unterscheidung auf alle Argumente oder Begründungen, sondern fordert, dass man die schlichte Unterscheidung gefälligst akzeptiert. Damit betreibt sie aber, natürlich ohne es zu wollen, das Geschäft der Populisten, weil sie – spiegelbildlich – genau deren Logik akzeptiert, bedient und anheizt. Etwas Besseres kann den Populisten überhaupt nicht passieren, als dass sie auf diese ungewollte Weise recht bekommen.

Wie meistert eine Leitung den Spagat zwischen der Pflicht, Diakonie-Werte zu verteidigen, und der Fürsorge für einen Mitarbeitenden, der politisch abdriftet?

Albrecht: Ich glaube, dass Führungskräfte der Diakonie das intuitiv ganz gut machen: sie artikulieren ihre Einsprüche gegen das, was der Mitarbeiter sagt, aber sie geben den Menschen nicht verloren. In unserer Publikation geht es jetzt darum, für diese intuitive Praxis Gründe zu finden, sie methodisch ein bisschen zu verfeinern und damit das Selbstbewusstsein der Führungskräfte stärken, auf dem richtigen Weg zu sein.

Sie warnen davor, dass die Diakonie „pompös gegen sich selbst predigt“. Wie meinen Sie das?

Albrecht: Die Diakonie hat sich den Einsatz für Pluralität auf die Fahnen geschrieben und ist stolz darauf, zu Recht, wie ich finde. Aber das Ertragen von Pluralität ist kein Spaziergang, Pluralität ist anstrengend und manchmal schwer zu ertragen. Wenn man da zu früh kapituliert und, siehe oben, in die Moralfalle tappt, ist das selbstwidersprüchlich. Die Grenze ist meines Erachtens erst dort erreicht, wo Feinde der Pluralität (zum Beispiel innerhalb der Diakonie) die Freiheitsgarantien von Pluralität für Versuche nutzen wollen, eben diese Pluralität abzuschaffen und Uniformität in ihrem Sinne durchzusetzen. Das ist zwar nicht ausgeschlossen. Konzepte wie Pluralität und Demokratie sind nun mal nicht vollständig geschützt gegen Versuche der Selbstabschaffung, da bleibt ein Restrisiko. Aber das darf keine Entschuldigung dafür sein, den Einsatz für Pluralität zu früh aufzugeben und sich den Mühen zu verweigern, die sie bedeutet, auch und gerade im eigenen Haus.

Wir danken für das Gespräch.