Kirchenkreise unterwegs

Von Daniel Hörsch
Zukunft ist Jetzt!

Eine midi-Matrix für Wandlungsprozesse auf der mittleren Ebene am Beispiel des Kirchenkreis Hamm

Der Evangelische Kirchenkreis Hamm hat seinen Veränderungsprozess unter die Überschrift „Wegen Umbau geöffnet“ gestellt.1 In seiner Mitte steht eine Frage, die viele Reformdebatten lieber umgehen. Sie lautet, wo Menschen Evangelium heute als relevant erleben. Diese Frage ist klug und mutig zugleich. Midi hat die eigene Analyse, Deutung und Einordnung des Prozesses im Kirchenkreis Hamm zu einer Matrix verdichtet, die sich auf andere Kirchenkreise und Dekanate übertragen lässt. Der folgende Beitrag stellt dieses Instrument am Beispiel des Kirchenkreis Hamm vor.

Die Frage, die der Kirchenkreis selbst stellt

Bemerkenswert am Prozess im Kirchenkreis Hamm ist vor allem die Frage, die der Kirchenkreis sich selbst gestellt hat.

„Wo erleben Menschen Evangelium heute als relevant?“

Der Boden dafür ist gut bereitet. Der Kirchenkreis hat seinen Prozess im März 2023 einstimmig beschlossen und prüft seither jede Entscheidung an drei Maßstäben. Sie soll auftragsgemäß, lebensweltorientiert und ressourcenbewusst sein. Die Relevanzfrage ist insofern nichts Fremdes, sondern die konsequente Fortsetzung dieses Weges. Aus ihr stammt auch eine offen ausgesprochene Sorge, die rund 10 bis 15 Prozent Hochverbundenen könnten zu sehr im eigenen Saft schwimmen.

Eine Matrix für die mittlere Ebene

Midi verdichtet die Arbeit zu einer Matrix, die in drei Schritten gelesen wird. Die Analyse beschreibt den Befund, die Deutung liest ihn mit dem midi-Fundament, die Einordnung misst ihn an den Prüfsteinen. Den Rahmen bilden drei Raumebenen. Der Identitätsraum ist der Ort, an dem Menschen das Evangelium als relevant erleben. Der Gestaltungsraum ist die Region auf der mittleren Ebene. Der Strukturraum umfasst Recht, Finanzen, Gebäude und Gremien.

Drei Raumebenen kirchlicher Transformationsprozesse

Entscheidend ist die Richtung. Der Pfeil verläuft von innen nach außen, von der Identität über die Gestaltung zur Struktur. Die Struktur soll dienen und nicht führen. Wir warnen vor dem umgekehrten Gefälle, bei dem die Energie zuerst in Stellen, Gebäude und Gremien fließt und es am Ende weniger um den Auftrag der Kirche als um ihren Erhalt geht.

Mehr als eine Zukunft denken

Wenn die Relevanzfrage die richtige ist, hängt viel davon ab, mit welcher Zukunft gerechnet wird. Midi denkt „Zukunft im Plural“ und mit Blick auf das Jahr 2045. Die Zukunftsforschung unterscheidet mehrere Modi. Möglich ist alles, was prinzipiell eintreten kann. Plausibel ist, was sich aus heutigen Trends nachvollziehbar begründen lässt. Wahrscheinlich ist die Fortschreibung des Bekannten. Wünschenswert ist, was erstrebenswert erscheint, unabhängig davon, wie wahrscheinlich es ist.

Zukunftsmodi Kegel

Die meisten kirchlichen Prozesse rechnen nur mit der wahrscheinlichen Zukunft, also mit sinkenden Mitgliederzahlen, knapperen Mitteln und weniger Personal. Auch im Kirchenkreis Hamm ist sie gut dokumentiert, mit einem Rückgang der Gemeindeglieder von rund 68.000 auf etwa 48.000 bis 2035, einer Personalprognose von rund 9,5 Pfarrstellen und 6,5 weiteren Stellen und einer geplanten Halbierung des Gebäudebestands. Das Problem ist nicht, dass der Kirchenkreis mit dieser Zukunft rechnet. Es entsteht, wenn nur mit ihr gerechnet wird. midi schlägt darum das Bild von Karte und Kompass vor. Im Außen wird die plausible Zukunft mit ihren guten wie bedrohlichen Möglichkeiten ernst genommen, im Innen führt eine wünschenswerte Vision den Kurs. Sechs Entwicklungslinien bis 2045 füllen die Karte, vier Kontrastfelder im Außen und zwei wünschenswerte Linien im Innen, eine plurale, hoffnungsstarke Resonanzgemeinschaft und eine prophetisch-diakonische Mitgestalterin im Sozialraum.

Von Außen nach Innen denken

In seiner Reihe „Landeskirchen unterwegs“ 2 und besonders im Teil zur Frage „Transformation by design oder by desaster“ 3 benennt Steffen Bauer die Elefanten im Raum. Vier Muster ordnen das Geschehen. Das Totstellen und das bloße Optimieren führen zu einer Transformation by desaster. Das schon transformierende Muster und das Gestalten aus gemeinsamen Zukunftsbildern führen zu einer Transformation by design. Den Grundton setzt ein Wort, das Bauer vom Soziologen Davide Brocchi übernimmt: „Ein Wandel by design ist ein kultureller Wandel. Er beginnt in den Köpfen, um die Katastrophe vorzubeugen, er wird nicht durch die materielle Not erzwungen.“ Bauers nüchterner Befund lautet, dass selbst die gelobten Landeskirchen über das schon transformierende Muster nicht hinauskommen, weil ihr Wandel der Abwendung der Not geschuldet ist und noch nicht in den Köpfen begonnen hat.

Genau hier setzt das midi-Modell an. Der Wandel muss im Innen beginnen muss, und ergänzt sie um den Weg dorthin. Wo Bauer über die Landeskirchen hinweg vergleicht und diagnostiziert, liefert midi ein anwendbares Instrument für die mittlere Ebene. Das Zukunftsmodell zeigt, wie die wünschenswerte Zukunft das Innen tatsächlich führt, statt nur das Außen zu prüfen.

Das Konzept der regiolokalen Kirchenentwicklung und die beiden Toolbox „Mitglieder im Blick“ 4 und „Wir und Hier“ 5 liefern die konkrete Wahrnehmung der Menschen und des Ortes. So wird aus der Kompassnadel und der Diagnose eine Karte, ein Werkzeugkasten und ein gangbarer Weg.

Leuchttürme und Lichternetz

Das Zukunftsbild 5+X des Kirchenkreises Hamm sieht fünf thematisch orientierte Profilkirchen und eine variable Zahl sozialraumorientierter Vor-Ort-Kirchen vor. Der Schlüssel liegt in einem kleinen Wort, dem UND. Die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt, warum das wichtig ist. Rund 70 Prozent der Evangelischen halten eine Organisation in größeren Räumen für nötig, doch für etwa 64 Prozent bleibt der Referenzpunkt die Nähe vor Ort. Wer nur regionalisiert, baut Leuchttürme, und an ihrem Fuß bleibt es dunkel. midi schlägt vor, den Leuchtturm um ein Lichternetz zu ergänzen. Die Profilkirchen sind die Leuchttürme und liegen im Gestaltungsraum, die Vor-Ort-Kirchen sind das Lichternetz und sichern den Identitätsraum, die synodale Rahmenarbeit bis 2050 im Kirchenkreis gehört in den Strukturraum. So arbeitet der Kirchenkreis in allen drei Räumen, hält den Identitätsraum bewusst offen und widersteht der Strukturfalle vieler Transformationsprozesse.

Wie die fünf und das X im Kirchenkreis Hamm zusammenhalten können, beschreibt die regiolokale Kirchenentwicklung mit vier Hauptmerkmalen 6 Kooperation heißt, so viel gemeinsam wie möglich und so viel allein wie nötig. Profil meint das erkennbare Eigene jeder Kirche. Ergänzung beschreibt das freiwillige Geben und Nehmen nach Gaben. Solidarität ist die Verantwortung der Starken für die zeitweise Schwachen. Erst zusammen tragen diese vier und schützen davor, dass kleine Orte untergehen oder Profile sich verselbständigen.

Modell Regio-lokale Kirchenentwicklung (RLK)

Die Toolbox „Mitglieder im Blick“ und „Wir und Hier“

Die Sorge, die Hochverbundenen könnten zu sehr im eigenen Saft schwimmen, lässt sich konstruktiv bearbeiten. Midi hat die Toolbox „Mitglieder im Blick“ mit entwickelt, die die Mitgliedertypologie der EKD in praktische Werkzeuge übersetzt. Ihr Kern ist ein Perspektivwechsel. Sie fragt nicht zuerst, wie die Kirche ihre Mitglieder erreicht, sondern wo Menschen Kirche als relevant erleben. Sechs Mitgliedstypen machen das Spektrum sichtbar. Die beiden kirchennahen Typen ergeben zusammen rund ein Drittel, zwei Drittel der Mitglieder stehen distanzierter, als es im Gemeindealltag wahrgenommen wird. Die Member Journey beschreibt in acht Phasen, wie eine Beziehung zur Kirche verläuft, und zeigt, wo sie abreißt und wo Berührungspunkte fehlen.

Diese Toolbox hat eine kleine Schwester, die Toolbox zur Sozialraumorientierung „Wir und Hier“. Mitglieder im Blick nimmt die Menschen in den Blick, die Toolbox „Wir und Hier“ nimmt den Ort in den Blick. Beide greifen ineinander und entsprechen genau den zwei Achsen des Zukunftsbildes im Kirchenkreis Hamm von Profilkirchen und Vor-Ort-Kirchen. Die Antwort auf die Sorge, die Hochverbundenen könnten zu sehr im eigenen Saft schwimmen, lautet also, den im Gemeindealltag Abwesenden einen Namen und ein Gesicht zu geben, bevor über Angebote entschieden wird.

Drei Prüfsteine

Wie die Einordnung gelingt, zeigt sich an drei Prüfsteinen, die der Kirchenkreis Hamm von Beginn an gesetzt hat. Ein Prozess ist auftragsgemäß, wenn er vom Auftrag der Kirche her gedacht ist. Er ist lebensweltorientiert, wenn er bei den Menschen vor Ort ansetzt und nicht nur bei den Hochverbundenen. Und er ist ressourcenbewusst, wenn er Finanzen, Gebäude und Personal verantwortlich einsetzt. Über allen drei Prüfsteinen steht die Richtungsfrage. Führt die wünschenswerte Zukunft das Innen und folgt die Struktur, dann gelingt Gestaltung. Bewegt der Niedergangstrend zuerst die Struktur und diktiert dann das Innen, dann droht die doppelte Engführung. Damit schließt sich der Bogen der Matrix, von der Analyse über die Deutung bis zur Einordnung.

Kleiner, aber tiefer und leuchtender

So wichtig die Strukturfrage ist, sie ist nicht die erste Frage 7 . Vor ihr steht die Frage nach dem, was eine Struktur tragen soll. midi rät zu einer Reihenfolge. Zuerst wächst Vertrauen zwischen den Orten, dann klärt sich gemeinsam, wozu Kirche in der Region da ist, und erst danach trägt die Entscheidung über Zahl, Form und Recht.

So lässt sich die Leitfrage des Kirchenkreises beantworten. Evangelium wird dort relevant, wo eine konkrete Form die Lebenswelt eines konkreten Menschen berührt. Die Aufgabe besteht darin, bewusst zu entscheiden, welche Formen welche Menschen in den Blick nehmen. Das ist zugleich eine Entlastung. Niemand muss alles für alle tun. Der Abschied vom Anspruch, ein Vollsortimenter für alle zu sein, ist nicht Verlust, sondern Voraussetzung für Relevanz.

Am Ende steht die Hoffnung. Die midi-Broschüre „Zukunft ist jetzt“ 8 erzählt von zwei Fröschen, die in einen Topf voller Milch fallen. Der eine gibt auf und ertrinkt, der andere strampelt weiter, schlägt die Milch zu Butter und springt in die Freiheit. Echte Hoffnung macht nicht passiv, sondern mobilisiert die Kräfte. Das Leitbild des Kirchenkreises Hamm hat dafür ein eigenes Wort gefunden, den Mut zur Lücke. Wer ihn hat, gibt nicht auf, sondern entscheidet sich bewusst dafür, nicht mehr alles selbst und überall tun zu wollen, damit das Wesentliche Raum bekommt. Kleiner, aber tiefer, und in diesem Sinne ist Zukunft jetzt.


Fußnoten