Die Kraft des Storytellings

Im Jahr 2009 kaufte der amerikanische Journalist und Autor Rob Walker 200 unterschiedliche Artikel bei eBay. Keiner von ihnen kostete mehr als einen Dollar. Dann bat er 200 Autorinnen und Autoren, ihm zu jeweils einem dieser Gegenstände eine kurze Geschichte zu schreiben. Anschließend stellte er die 200 Artikel wieder bei eBay ein und verband jeden von ihnen mit der eigens dafür verfassten kurzen Story.

Einer der ersten Artikel, die er gekauft hatte, war ein ziemlich hässlich bemalter Pferdekopf aus Gips. Walker hatte ihn für 0,99 $ ersteigert. Mit der passenden, kurzen Geschichte versehen, stellte er ihn wieder ein und war sehr gespannt, ob das einen Unterschied machen würde. Als die Auktion eine Woche später beendet wurde, traute er seinen Augen kaum.

Er hatte den Pferdekopf für sagenhafte 62,95 Dollar verkauft. Das bedeutete eine Wertsteigerung um 6258 Prozent – und dies alles wegen einer Geschichte! Rob Walker war sich sicher, dass es sich hierbei um einen einmaligen Zufall gehandelt haben musste und konnte es kaum erwarten, was mit den anderen 199 Gegenständen passieren würde.

Bevor ich Ihnen das erzähle, mache ich Ihnen kurz transparent, was hier gerade passiert. Sie haben auf der Startseite unseres Newsletters nach meinen ersten Zeilen auf „Weiterlesen“ geklickt. Ich weiß, wir haben viele treue Leserinnen und Leser. Aber ich weiß auch, dass die Klickrate diesmal noch höher sein wird als gewöhnlich. Warum?

Weil ich Ihnen eine spannende Geschichte erzähle. Eine Geschichte über das Erzählen von Geschichten. „The power of storytelling“ heißt das im Englischen: die Macht des Geschichtenerzählens. Geschichten, wenn sie gut erzählt sind, wecken Interesse, sie emotionalisieren, sie verdeutlichen Lebenswahrheiten und Lebensweisheiten, sie trösten und motivieren und geben Kraft.

Geschichten emotionalisieren, trösten, motivieren und geben Kraft.

Darum hat Jesus, wenn er mit Menschen sprach, gerne Gleichnisse erzählt. Ja, die Bibel als Ganzes ist nicht so sehr ein Geschichts-Buch als vielmehr ein Geschichten-Buch. Lange, bevor sie in schriftlicher Form vorlag, saßen die Väter und Mütter des Glaubens zusammen und erzählten sich und ihren Familien, wie alles angefangen hatte und was sie und ihre Vorfahren mit Gott erlebt hatten. Erst später kamen Gebote, Lehren und Gebete mit dazu. Auf diese Weise – durch das Erzählen von Geschichten – entwickelte sich über Jahrhunderte hinweg erst die jüdische und dann auch die christliche Kultur. Auch das gehört zur Kraft des Storytellings: Kulturen entstehen und bestehen durch gemeinsame Geschichten.

Wo sind die Geschichten hin?

Ich frage mich: Wo sind die Geschichten hin? Ist das Christentum in Europa vielleicht deshalb oft so kraft- und saftlos, weil uns die Geschichten ausgegangen sind? Weil wir die alten Geschichten nicht mehr erzählen, ja oft nicht mehr kennen, und sich das Christentum weithin verströmt in ein paar dürre moralische Äste an einem vormals kräftigen, lebendigen Stamm?

Wir erzählen aber auch keine neuen Geschichten mehr. Oder wann haben Sie in Ihrer Gemeinde oder in der Einrichtung, in der Sie arbeiten, zum letzten Mal gehört, wie Gott konkret in Ihrer Mitte gewirkt hat und wirkt?

Meine Erfahrung ist: Die wenigsten trauen sich das heute noch. Oder haben wir gar keine Geschichten mehr? Was würden Sie antworten, wenn Sie jemand fragt: „Wie war das eigentlich – wie hast du das erste Mal Gott erfahren?“ Oder: „Wie wirkt sich das in deinem Leben aus, dass du glaubst?“ – „Wo hat sich Gott in deinem Leben und Wirkungsbereich das letzte Mal als lebendig erwiesen?“

Ist das Christentum in Europa so kraft- und saftlos, weil uns die Geschichten ausgegangen sind?

Geschichten steigern die Wirkung unserer Botschaft exponentiell

Ach ja: Ich bin Ihnen noch schuldig, wie die oben erzählte Geschichte ausging. Rob Walker verkaufte seine 200 Gegenstände für sage und schreibe rund 8.000 Dollar! Ursprünglich gezahlt hatte er dafür 129 Dollar. Auch hier lag die Steigerung bei über 6000 Prozent. Der oben erwähnte Pferdekopf war also keine Ausnahme gewesen. Etwas steil formuliert: Wir können die Wirkung unserer Botschaft bzw. unserer Information um 6000 Prozent steigern, wenn wir sie mit der richtigen Geschichte verbinden.

Rob Walker zahlte übrigens allen Menschen, denen er die 200 Gegenstände verkauft hatte, ihr Geld zurück. Ihm ging es nicht darum, Menschen zu betrügen, sondern die Macht einer guten Geschichte zu dokumentieren.

Leider sind nicht alle Geschichtenerzähler so ehrlich. Zur Wahrheit gehört, dass Geschichten auch manipulativ eingesetzt werden können. Wie sollte es anders sein, wo ihnen doch eine solche Kraft innewohnt? Das Problem ist aber nie das gute Werkzeug, sondern die Person, die dieses Werkzeug benutzt. Alles Gute in dieser Welt kann leider missbraucht werden. Das spricht aber nicht gegen, sondern gerade für dessen richtigen und aufrichtigen Gebrauch.

Üben wir es also wieder ein, Geschichten zu erzählen: alte und neue Geschichten von Gott und von uns. Wie er uns berührt und angesprochen hat und wie er in unserer Mitte wirkt. Geschichten, die Menschen nicht manipulieren, sondern ihnen Lust machen, zu glauben, zu lieben und zu hoffen.