Auf der Suche nach einem Gegenüber

Von Fabian Mederacke

Interview

Fabian Mederacke ist evangelischer Pfarrer in Wittenberg. Zuletzt beobachtet er, dass mehr junge Menschen den Weg in seine Gottesdienste finden. Im Interview mit midi berichtet er, mit welchen Fragen, Themen und Erwartungen sie in die Kirche kommen.

Lieber Fabian, Du berichtest von einem verstärkten Interesse junger Menschen an Glaube, Kirche, Gott… Bibel? Ja, woran eigentlich?

Die Stadtkirchengemeinde Wittenberg ist zwischen April und Oktober sehr touristisch geprägt. Im Winterhalbjahr fiel uns auf, dass zunehmend junge Menschen in unsere Gottesdienste kommen.

Viele von ihnen sind auf TikTok und Instagram auf christliche Influencer gestoßen, die in den sozialen Medien ihren Glauben teilen – ob orthodoxe Priester, deutsche Katholiken oder amerikanische Pfingstler. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben sich mit den Inhalten befasst und angefangen, Fragen zu stellen.

Mit diesen Eindrücken im Gepäck sind sie meist über Freund*innen in unsere Gottesdienste gekommen. Nach einiger Zeit suchten sie das Gespräch mit mir. Erste Fragen waren: „Ist Gott eine Person?“ „Darf ich zweifeln?“ Ein Jugendlicher berichtete, dass er im Urlaub in einem Gottesdienst war und ihn dort ein bisher unbekannter Friede überkam. Eine andere litt unter Angstzuständen, die nach einem Gottesdienst für drei Tage ausblieben. Ein anderer junger Erwachsener wiederum hatte durch Corona beide Eltern verloren und wandte sich mit völlig neuen Lebensfragen an mich. Alle eint, dass sie ein Gegenüber suchen, mit dem sie über ihre spirituellen Erfahrungen sprechen können.

Wir hören in letzter Zeit Berichte aus anderen Teilen Europas, die von einem zunehmenden Gottesdienstbesuch und steigenden Taufzahlen berichten – vor allem junger Männer. Sie würden vor allem in der katholischen Kirche Halt finden: Ihre Riten, Moral und der ganze Kultus wirken in unsicheren Zeiten anziehend. Beobachtest Du ähnliches in Wittenberg?

Eine leichte Tendenz dazu kann ich auch ausmachen. Die lutherische Liturgie wirkt in manchem mystisch – im Sinne eines Geheimnisses, das entdeckt werden möchte. Das wirkt am Anfang anziehend. Bald darauf kommen aber auch Fragen nach der Bedeutung der Liturgie. Die alten Melodien bleiben ihnen oft fremd, doch Texte von Luther, Gerhardt oder Neander sprechen viele an – besonders dort, wo Hoffnung im Leid formuliert wird.

Wie geht Ihr als Gemeinde damit um? Wie stellst Du Dich in Deiner pastoralen Praxis darauf ein?

Die Antwort ist etwas bitter: Neben dem laufenden Betrieb bleibt kaum Zeit für individuelle Begleitung – obwohl sie essenziell ist. Ich nehme sie mir dennoch und lasse dafür anderes liegen. Dies versuche ich, in der Gemeinde zu kommunizieren und die Wichtigkeit deutlich zu machen. Gleichzeitig baue ich ein kleines Team auf, das Menschen mit gebrochenen Biografien begleiten kann. Dafür braucht es die Fähigkeit, Schmerz und Scheitern zu benennen und auszuhalten – ebenso wie die Hoffnung des Evangeliums in das Leben eines Menschen hineinzusprechen.

Haben sich schon Menschen taufen lassen – wie tief geht das Interesse der GenZ?

Ja, einige haben sich taufen lassen. Vor der Covid-Pandemie hatten wir circa 15 Taufen pro Jahr. Im Jahr 2023 waren es 30 Taufen. Ganz so viele sind es heute nicht mehr, aber die Taufzahlen haben sich auf einem höheren Level stabilisiert. Auffällig ist: Kindertaufen und Erwachsenentaufen halten sich die Waage. Dies liegt an einer geringeren Anzahl von Kindertaufen und einer höheren Anzahl von Erwachsenentaufen.

Nicht alle jungen Menschen, die zu uns gekommen sind, sind geblieben. Manche von ihnen fanden auf ihre ernsthaften Fragen bei uns keine zufriedenstellenden Antworten. So konnten wir etwa nicht gut erklären, warum die Beichte heute kaum eine Rolle spielt, obwohl sie früher wichtig war. Die Spiritualität und Glaubensintensität dieser neuen Generation von Christ*innen passt leider nicht immer zu einer jahrhundertealten und in manchem gesetzten Kirche. Mir kommt das Jesuswort in den Sinn: „Gießt man neuen Wein in alte Schläuche?“ Doch möchte ich in meinem Dienst diese Herausforderung angehen, jungen Christ*innen einen Platz in einer alten Kirche zu bereiten.

Was suchen die jungen Menschen, mit denen Du im Austausch bist in der Kirche – und was wünschen sie sich ganz konkret von ihr?

Verallgemeinern kann ich es kaum und doch würde ich sagen: Gemeinschaft und Zugehörigkeit, Hoffnung und eine positive Perspektive auf das eigene Leben. Dabei ist der Kontakt zur Kirche meist nicht der Anfang ihrer spirituellen Suche. Manche erzählen, dass sie spirituelle Erfahrungen auch im Kontakt mit Okkultismus, Drogen und Pornographie gemacht haben. Diese hinterließen aber meist ein Gefühl von Angst und Einsamkeit.

Ihre Erwartungen an Kirche sind vielfältig: Sie wollen spirituell berührt werden und zugleich verstehen. Mystik und Apologetik gehören für sie zusammen. Das Wichtigste ist wohl, ein Gegenüber für ihre spirituellen Fragen zu finden. Sie fragen: Bilde ich mir meine spirituellen Erfahrungen nur ein, oder kann ich in Kirche auf einen großen Schatz von Lebenssinn, Weisheit und Bedeutung zugreifen? Hier gilt es, Räume der Begegnung zu öffnen, in denen Sinnsuche, Zweifel und Hoffnung ihren Platz haben.

Vielen Dank für die wertvollen Einblicke.