20 Jahre Fresh X: Hoffnungen, Herausforderungen und Perspektiven
Im Gespräch mit Dr. Thomas Schlegel und Dr. Sandra Bils blicken Tim Lea, Simon Goddard und Michael Moynagh zwanzig Jahre nach Veröffentlichung des Mission-Shaped Church-Berichts auf die Entwicklung von Fresh X in Großbritannien. Alle drei waren und sind noch immer eng an der Entwicklung von Fresh X beteiligt, beraten Gemeinden und teilen ihre Erfahrungen mit neuen Formen von Kirche.
Dies ist eine gekürzte Version in deutscher Übersetzung. Das Interview können Sie auch in der ungekürzten Originalfassung lesen.
Schlegel: Simon, Michael und Tim, vielen Dank, dass Ihr euch die Zeit nehmt, einige Fragen zu Fresh X in Großbritannien zu beantworten. Vor rund zwanzig Jahren wurde der Mission-Shaped Church-Bericht veröffentlicht. Wie blickt ihr heute auf Fresh X in Großbritannien?
Tim Lea: Demütig und dankbar. Graham Cray sagte einmal, er habe das Gefühl, ständig hinterherlaufen zu müssen, um mit den Entwicklungen in der Kirche Schritt zu halten. Da scheint mir etwas Wahres dran zu sein. Der Einfluss von Fresh X ist bedeutend – in Methodik, Denkweisen und Theologie. Wenn wir uns heute umsehen, sehen wir, dass nahezu jede Denomination, die Partner von Fresh X war, in irgendeiner Form versucht, deren Vision und Werte zu verankern. Dadurch fließen Millionen in Pionierarbeit, neue Kirchenformen, neue Orte für neue Menschen und neue Gottesdienstgemeinschaften.
Michael Moynagh: Ich bin wirklich erstaunt über die Entwicklung. Ich war Teil des ursprünglichen Fresh Expressions-Teams, das aufgrund des Mission-Shaped Church-Berichts gegründet wurde. Wenn man mir 2004 gesagt hätte, dass die anglikanische Kirche einmal dort stehen würde, wo sie heute ist, hätte ich das kaum für möglich gehalten. Zwanzig Jahre später hat die Church of England ein offizielles Ziel von 10.000 neuen Gottesdienstgemeinschaften bis 2030 festgelegt. Die meisten Diözesen, denen ich begegne, nehmen das zumindest teilweise ernst. Das ist ein großer Erfolg – vor zwanzig Jahren wäre das nicht denkbar gewesen. Die Herausforderung ist allerdings, dass wir zwar ambitionierte Ziele auf der Führungsebene haben und viel kreative Arbeit auf der Basis passiert, es aber eine Lücke dazwischen gibt – was es braucht ist eine Brücke, die beide Ebenen miteinander zusammenbringt.
Simon Goddard: Fresh X entstand vor zwanzig Jahren innerhalb der anglikanischen Kirche und landete irgendwann auch bei den Methodisten, daher war die Initiative zunächst in diesen beiden Traditionen verwurzelt. Mit der Zeit stiegen jedoch immer mehr Partner ein, bis schließlich alle großen Denominationen im Vereinigten Königreich beteiligt waren. Heute ist die Sprache von Fresh X in den Kirchen präsent – wobei die Umsetzung unterschiedlich gut gelingt. Als Baptist habe ich gesehen, dass die Pionierarbeit in unterschiedlichem Maße angenommen wurde. Sie ist Teil dessen geworden, was wir tun. Zugleich arbeiten unsere Strukturen noch daran, Schritt zu halten – etwa bei der Ausbildung oder in der Frage, wie wir „Kirche“ konstituieren und verstehen. Aber immerhin stellen wir nun diese Fragen! Fresh X ist mittlerweile Teil des Vokabulars und bis zu einem gewissen Grad auch Praxis der gesamten Kirche.
Lea: Die methodistische Kirche beispielsweise hat gerade eine zweite Finanzierungsrunde beschlossen, nachdem sie bereits fünf Jahre investiert hat. Sie verwenden ihr Vermögen, um neue Orte für neue Menschen zu schaffen und investieren Millionen. Das ist ein unglaublich mutiger Schritt.
Moynagh: Im Jahr 2004 reagierte die ältere Generation in der Kirche oft ablehnend auf Veränderungen. Heute ist die „ältere Generation“ meine eigene – wir sind die Jugendlichen der 1960er-Jahre. Wir haben unser Leben damit verbracht, den Status quo infrage zu stellen und haben nicht den Anspruch, die Kirche zu verteidigen, wie sie früher einmal war. Der Widerstand, den man in den frühen 2000er-Jahren spürte, ist weitgehend verschwunden, auch wenn es noch einige theologische Einwände gibt. Heute ist die Annahme, dass Veränderung möglich – und sogar notwendig – ist, weit verbreitet. Viele Menschen kreieren ganz intuitiv Innovationen, die man „Fresh Expressions“ oder neue Gottesdienstgemeinschaften nennen könnte: Sie wissen, dass Menschen sonntags nicht in die Kirche kommen werden, also entwickeln sie in ihrem Dorf ein Format für einen Donnerstag oder jeden anderen Wochentag. Die Stimmung ist heute ganz anders als damals.
Schlegel: Ich höre heraus, dass ihr sehr dankbar seid für das, was in den letzten zwanzig Jahren erreicht wurde und dass Fresh X Teil der kirchlichen Sprache geworden ist. Gibt es auch Enttäuschungen? Dinge, die Euch fehlen oder die sich anders hätten entwickeln können?
Goddard: Bis zu einem gewissen Grad ist Fresh X als Organisation ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Das Budget innerhalb der Denominationen wird nun intern verwendet und nicht mehr im ökumenischen Raum. Früher waren wir die Einzigen, die über diese Themen sprachen, Schulungen durchführten und darüber nachdachten – über alle Denominationen hinweg. Heute existiert dieses Wissen weitgehend innerhalb jeder Denomination. Dennoch liegt weiterhin ein großer Wert im ökumenischen Austausch – im Geschichten teilen und voneinander lernen. Unsere Aufgabe bleibt, prophetisch zu bleiben. Sobald Initiativen strukturelle Verankerung erfahren, laufen sie Gefahr, ihre ursprüngliche Dynamik und prophetische Wirkung zu verlieren. Unsere Aufgabe ist es, die Kirche dazu zu ermutigen, weiterhin an den Rändern zu schauen, prophetisch über kontextuelle Mission nachzudenken und sicherzustellen, dass diese neue Bewegung des Geistes Gottes nicht gezähmt wird.
Schlegel: Hat Fresh X also das Zentrum der Kirche erreicht, riskiert dabei aber, seinen Geist oder sein transformatorisches Potenzial zu verlieren?
Moynagh: Ja, die Institutionalisierung hat auch neue Herausforderungen mit sich gebracht. Meiner Einschätzung nach hat Fresh X nicht in dem Maße Früchte getragen, wie man es sich erhofft hatte, wenn es darum geht, Menschen zum konventionellen Glauben zu führen. In den Diözesen, die ich besuche, fragen manche: „Funktioniert das wirklich? Sehen wir Menschen, die sich bekehren?“
(Technischer Fehler – Aufnahme bricht hier ab)
Moynagh (Fortsetzung): Gleichzeitig argumentieren andere, dass dies die einzige gangbare Alternative ist. Wenn wir keine neuen Kirchenformen schaffen, tun wir nichts und riskieren Stagnation. Es gibt eine Spannung – die Spannung, neue Jünger zu gewinnen – und wir haben dies noch nicht in dem Maße erreicht, wie wir es uns vielleicht erhofft haben.
Lea: Da stimme ich Michael vollkommen zu. Ich denke, wir haben uns zu wenig auf die Förderung von Jüngerschaft konzentriert. Oft sind wir direkt von der Gemeinschaft – oder sogar vom Lieben und Dienen – zur Kirche übergegangen. Wir haben nicht wirklich hinterfragt, was es eigentlich bedeutet, Menschen zu helfen, Jesus nachzufolgen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir immer das nötige Vertrauen in unsere Hoffnung, in unsere eigene Geschichte haben – also in unser Vertrauen darauf, was es bedeutet, Jesus in unserem Kontext nachzufolgen. Wir müssen noch immer herausfinden, wie wir Menschen im 21. Jahrhundert helfen können, Jesus zu folgen.
Moynagh: Womöglich liegen wir völlig falsch und die traditionelle Kirche wird eines Tages wiederbelebt – dann wären unsere Bemühungen unnötig gewesen. Aber wenn wir richtig damit liegen, dass neue Kirchenformen notwendig sind und Kirche sich in den kommenden Jahrhunderten grundlegend verändern muss, dann ist dies ein entscheidender Moment – vergleichbar mit der Reformation, aber in einem völlig anderen missionarischen Kontext. Es ist nicht überraschend, dass es Zeit braucht zu lernen, wie man dies richtig angeht. Was wir in zwanzig Jahren gelernt haben, ist großartig, aber es gibt noch viel zu lernen – zum Beispiel, wie man Menschen wirklich zu Jüngern macht. Beispielsweise wissen wir noch nicht ausreichend, was es bedeutet Jesus auch im Kontext der sozialen Medien zu folgen – und so gibt es viele weitere theologische Fragen, über die wir nachdenken müssen.
Goddard: Während es noch viel zu lernen gibt, gibt es auch Dinge, die die Kirche verlernen muss. Denken Sie an den langen Schatten des Christentums: Selbst innerhalb von Fresh X werden manche Gemeinden so geführt, dass der Pionier im Mittelpunkt steht. Idealerweise sollte ein Pionier jedoch weiterziehen können, während sich die „Fresh Expression“ innerhalb der Gemeinde selbständig weiterentwickelt – und das passiert nicht immer. Manche Gewohnheiten und Modelle aus dem Christentum haben den Weg beeinflusst, wie wir Pionierarbeit leisten. Ein Teil des Weges besteht also darin, nicht nur Neues zu lernen, sondern auch Altes zu verlernen.
Lea: Wir haben Fresh X als technische Lösung für ein eigentlich adaptives Problem, eine kulturelle Frage gebraucht. Kulturelle Probleme brauchen immer länger, um gelöst zu werden. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn die Heizung ein Leck hat, wird das Leck repariert. Dann tritt plötzlich ein neues Leck auf und irgendwann erkennt man, dass die chemische Reaktion zwischen Wasser und Kupfer die eigentliche Ursache ist – etwas, das gar nicht bedacht wurde. Genauso sind auch wir häufig die eigentlichen Probleme zu wenig angegangen. Wir haben an mancher Stelle auf technische Lösungen gesetzt, um Teilnehmendenzahlen zu erhöhen – was jedoch wirklich nötig ist, ist eine tiefgreifende kulturelle Veränderung dessen, wie Kirche gelebt wird. Das ist ein langfristiges Projekt, zu dem Führung, Jüngerschaft und andere Faktoren gehören. Walter Brueggemann weist darauf hin, dass Israel 40 Jahre in der Wüste wanderte, um Ägypten aus sich zu bekommen. Wie lange wird es dauern, bis wir Christendom, also die historisch gewachsene, institutionell geprägte westliche Kirche aus uns bekommen? Das scheint mir eine sehr spannende Frage zu sein.
Goddard: Wenn wir beim Heizkörper-Beispiel bleiben: Wir bewegen uns von fossilen Heizungen hin zu Wärmepumpen und Solaranlagen. Manche betrachten Fresh X als die Antwort, um die Kirche zu retten. Ich denke, es ist eine Antwort, aber nicht die einzige, wie sich Kirche neu ausdrücken kann. Die Kirche zu retten, bedeutet nicht, sie so zu behalten, wie sie war. Fresh X will über den Tellerrand blicken – auf der Suche nach einem Paradigmenwechsel. Die Veränderung wird nicht eintreten, wenn man Fresh X lediglich als Mittel zur Bewahrung des Bestehenden betrachtet, statt als Grundstein für eine langfristige Entwicklung neuer Wege.
Lea: Es ist auch für uns unbekanntes Terrain. Ob es uns gefällt oder nicht, dies ist ein neuer Ort. Wir sind diesen Weg bisher gegangen – wir sind in vielerlei Hinsicht post-alles. Und doch gibt es in unserem Land noch Menschen, die prächristlich sind; sie haben nichts zu verlernen. Wie erreichen wir sie?
Moynagh: Wir tun dies in einem missionarischen Kontext, der oft sehr herausfordernd ist. Es ist keine offene Feindseligkeit – die meisten Menschen wissen nur wenig über das Christentum – doch die Zeit, die ihnen im Alltag zur Verfügung steht, ist stark umkämpft. Selbst engagierte Christen kämpfen darum, Gott die Zeit zu geben, die er verdient. Für Neueinsteiger kann die Idee, sich regelmäßig zu treffen oder eine geistliche Routine aufrechtzuerhalten, eine echte Herausforderung sein. Wir erfinden diese Routinen ständig neu, aber sie erfordern trotzdem Opfer. Bei so vielen konkurrierenden Anforderungen im Alltag – psychische Belastungen, soziale Zwänge und andere Verpflichtungen – ist die Pionierarbeit neuer Kirchenformen nicht einfach.
Schlegel: Was gibt Euch Hoffnung? Was hält Euch optimistisch genug, um diese lange Reise – vierzig Jahre – fortzusetzen?
Lea: Für mich ist es ein bisschen wie eine Sonntagsschulstunde. Wenn man fragt: „Was steht im Mittelpunkt?“, ist meine Antwort immer noch Jesus. Etwas an der Person Jesu fasziniert mich vollkommen – wie er gelebt hat, die Geschichten, die er erzählte und wie er den Heiligen Geist zu leiten vermochte. Es fühlt sich an, als hätte er mich gefunden, und er lässt nicht los. Ich hoffe, das klingt nicht abgedroschen, aber meine Hoffnung liegt in Christus.
Goddard: Meine Hoffnung kommt daher, dass ich sehe, wie Gottes Geist wirkt. Menschen begegnen Gottes Ruf auf Weisen, die sie zunächst nicht unbedingt als „Fresh Expressions“ bezeichnet hätten – doch wenn sie von Fresh X erfahren, sagen sie plötzlich: „Genau das tue ich!“ Das ist nichts, was wir erschaffen; es ist etwas, das Gott tut, und wir dürfen daran teilhaben. Daraus schöpfe ich meine Hoffnung – der Geist wirkt. In Psalm 23 ist die Rede davon, dass wir uns auf grünen Auen niederlegen. Das klingt manchmal so, als könnten wir selbst entscheiden, uns auszuruhen – aber im Text heißt es, dass Gott uns weidet. Im Griechischen impliziert das Verb, dass Gott letztlich seinen Willen durchsetzt. Auch wenn wir nicht folgen, wird die Veränderung so oder so geschehen. Der Geist wird Gottes Werk vollenden, und wir können daran teilnehmen oder es ablehnen. Was Gott in der Kirche tut, wird zur Vollendung gelangen.
Für uns Beteiligte ist es ein ermutigender und hoffnungsvoller Weg. Aber aus den kirchlichen Strukturen höre ich auch die Sorge: „Das klingt schrecklich – so viele Menschen ohne Kirchenbezug; wir haben keine Kontrolle, wir können damit nicht gut umgehen.“ Was den einen Hoffnung gibt, löst bei anderen Unsicherheit aus.
Moynagh: Keine Kontrolle zu haben ist nicht dasselbe wie abgekoppelt, nicht verbunden zu sein. Diese Gemeinschaften können sich vernetzen und sie tun es auch, weil wir in einer vernetzten Welt leben. Bischöfe in der Anglikanischen Kirche wissen, dass sie keine Kontrolle haben – was mitunter frustrierend ist. Oft spielt das Thema Kontrolle eher auf mittlerer Ebene eine Rolle, wenn Priester versuchen, sie auszuüben, und das kann zu Problemen führen.
Lea: Es hängt auch damit zusammen, dass wir alle diesen Weg vorher noch nicht gegangen sind. Wir befinden uns an einer Schwelle – an einem Ort des Nichtwissens. Die Frage ist, ob wir das akzeptieren und annehmen können, um uns dann der Unsicherheit zu stellen.
Moynagh: Für manche ist das aufregend, für andere beängstigend.
Goddard: Wann immer wir Veränderungen erleben, neigen einige dazu, sich darauf einzulassen und ein Abenteuer zu wagen, während andere sich nach Sicherheit sehnen. In diesem liminalen Raum bewegt man sich entweder vorwärts oder schaut zurück.
Moynagh: Wenn man die beiden Gruppen zusammenbringt – die Zögerlichen und die Begeisterten – entsteht etwas dazwischen, ein sicherer Raum für Veränderung. Ignoriert man die Vorsichtigen, wirkt der Raum unsicher; ignoriert man die Abenteuerlustigen, ist er zu sicher. Jeder hat eine Rolle im Prozess der Veränderung, solange wir einander zuhören.
Schlegel: Vielen Dank für das spannende und aufschlussreiche Gespräch.