Neue midi-Studie "Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt." analysiert gesellschaftliche Konfliktlinien jenseits einfacher Lager
Gemeinsame Pressemitteilung von Diakonie Deutschland und midi, Berlin.
Die deutsche Gesellschaft zerfällt nicht schlicht in zwei Hälften – weder entlang der Trennlinie „links oder rechts“ noch der Trennlinie „für oder gegen die Demokratie“. Das zeigt die neue Analyse „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt.“ der evangelischen Arbeitsstelle midi. Die repräsentative Untersuchung identifiziert vier annähernd gleich große Grundhaltungen. Vor dem Hintergrund des Wahlergebnisses in Sachsen-Anhalt, wo die AfD am 6. September 2026 stärkste Fraktion wurde, liefert die Studie wichtige Erklärungsansätze für die Dynamik gesellschaftlicher Polarisierung.
Die vier Gruppen unterscheiden sich vor allem in ihren konkreten Sorgen, ihrer Haltung zu Demokratie und sozialer Gerechtigkeit sowie im Empfinden, ob die eigene Meinung gesellschaftlich gehört wird. Dennoch gibt es eine deutliche Gemeinsamkeit quer durch das Spektrum: das Gefühl, die Politik kümmere sich nicht um die Belange der Bevölkerung. In den demokratieskeptischen Gruppen sind weniger als vier Prozent der Ansicht, Politiker nähmen sich der Sorgen einfacher Bürgerinnen und Bürger an. Doch selbst in den Gruppen, die die Demokratie befürworten, teilt nur knapp ein Fünftel diesen Eindruck.
„Wir müssen anerkennen, dass viele Bürgerinnen und Bürger das Gefühl haben, von der Politik übersehen zu werden“, erklärt Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch. „Wenn Menschen auf dem Land monatelang auf Arzttermine warten, Züge unzuverlässig fahren oder die Mieten und Energiekosten das Budget sprengen, muss die Bundesregierung das ernst nehmen. Wir brauchen eine Sozialpolitik, die konkrete Lösungen für den Alltag bietet und zeigt, dass die Nöte der Menschen wahrgenommen werden. Mit Blick auf die aktuellen Reformvorhaben gibt es da spürbar Luft nach oben.“
Die vier Grundhaltungen im Überblick
- Die „Enttäuschten Ungehörten“ (24,1 Prozent): Stehen Demokratie, Migration und Islamismus kritisch gegenüber, sehen in Rechtsradikalismus keine primäre Bedrohung und stufen die Folgen des Klimawandels als gering ein. Die Gruppe ist tendenziell männlich, in Ostdeutschland überrepräsentiert und weist eine enge parteipolitische Bindung zur AfD auf.
- Die „Rundum Verunsicherten“ (23,9 Prozent): Betrachten die Demokratie ebenfalls skeptisch, sind jedoch parteipolitisch ungebunden und verorten sich politisch eher in der Mitte. Sie äußern große Sorgen über gesellschaftliche Fehlentwicklungen, sind eher weiblich und sympathisieren nur zu 11 Prozent mit der AfD.
- Die „Progressiven Gerechtigkeitskritiker“ (24,2 Prozent): Vertrauen den demokratischen Institutionen, üben jedoch deutliche Kritik an sozialer Ungleichheit. Ihre Hauptsorgen gelten dem Rechtsextremismus und der Klimakrise. Ihre parteipolitische Bindung liegt eher bei den Grünen und der SPD.
- Die „Vertrauensvoll Wachsamen“ (27,9 Prozent): Äußern eine hohe Zufriedenheit mit der Demokratie sowie mit dem eigenen Leben. Soziale Ungleichheiten bewerten sie überwiegend als leistungsgerecht und sprechen sich mehrheitlich gegen staatliche Umverteilung aus. Sie wählen tendenziell eher die CDU/CSU.
Meinungsfreiheit und Dialogräume als Schlüssel
Die tiefste Kluft zeigt sich bei der Frage nach der Redefreiheit: Während 79,5 Prozent der „Enttäuschten Ungehörten“ angeben, man könne in Deutschland seine Meinung nicht mehr ohne Sanktionen oder sozialen Druck äußern, stimmen dem bei den „Progressiven Gerechtigkeitskritikern“ lediglich 15,1 Prozent zu.
„Wer schon vor einem Gespräch befürchtet, die eigene Position nicht offen aussprechen zu können, wird Dialogangebote kaum als aufrichtig wahrnehmen“, betont Studienleiter Daniel Hörsch. Eine breite Mehrheit der Befragten knüpfe gelingende Gespräche an Vertrauen, faire Regeln und eine neutrale Moderation.
Genau hier setzten Initiativen wie die Verständigungsorte von Diakonie und Kirche an. „Ein konstruktives Gespräch beginnt nicht mit einem Konsens, sondern mit dem Vertrauen darauf, dass man ausreden darf und ernst genommen wird“, so Hörsch. „Räume für diesen Austausch offenzuhalten, ist in diesen Zeiten wichtiger denn je.“
Über die Studie
Die Untersuchung „Was uns trennt. Was uns ins Gespräch bringt“ stützt sich auf eine Forsa-Befragung unter 2.014 Personen ab 18 Jahren aus dem Jahr 2024. Auf Basis von 29 Einstellungsitems wurden drei Dimensionen gebildet, aus denen die vier Grundhaltungen hervorgehen. Diese beschreiben Werthaltungen und Dynamiken, keine starren Milieugrenzen.
Bischöfin Fehrs: Pfingsten beginnt dort, wo Menschen Gemeinschaft neu wagen
In zahlreichen Gemeinden wird Pfingsten dieses Jahr als „Fest der Verständigung“ gefeiert
In Sachsen-Anhalt wird eine komplette Landeskirche an Pfingsten zum #VerständigungsOrt
Hannover (21. Mai 2026). „Pfingsten ruft uns Menschen zu echter Verständigung und stärkerem Zusammenhalt auf.“ Daran erinnert die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Kirsten Fehrs, in ihrer Botschaft zum diesjährigen Pfingstfest. In Zeiten, in denen Menschen unter einer zunehmend rauen Debattenkultur leiden, brauche es diese verbindende Kraft, die stärker ist als alle Spaltung. Die biblische Pfingstgeschichte beinhalte damit eine hochaktuelle Botschaft für die Gegenwart.
„Pfingsten beginnt genau da, wo Menschen einander nicht mehr verstehen – und plötzlich ein Wunder passiert“, so Bischöfin Fehrs. Die Erzählung vom Heiligen Geist stehe für die Kraft, Barrieren zwischen Menschen zu überwinden: „Der Geistwind weht und wirbelt und mischt die Welt auf. Universal lösen sich die Grenzen zwischen Ländern und Menschen buchstäblich in Luft auf. Völkerverständigung in Windeseile.“
Mehr denn je brauche es heute Orte der Begegnung und des Gesprächs, meint die Ratsvorsitzende. „Und ich stelle fest, wie dankbar Menschen für solche Diskussionsräume sind. Sie wollen zusammenkommen. Reden. Lernen. Singen. Beten. Sich anvertrauen. Gemeinsam stark werden.“
Pfingsten sei ein Aufstand „gegen die Angst, damals wie heute, in unserer komplexen, schnellen und oft gewaltvollen Welt“. Das Pfingstfest feiere vielmehr den neuen Aufbruch aus der geistlosen Enge der Spalter dieser Welt. Echte Verständigung beginne dort, wo Menschen einander zuhören und Gemeinschaft suchen.
„Die Menschen wollen Gemeinschaft“, ist Bischöfin Fehrs überzeugt. „Pfingsten ist die große Einladung, sie neu zu wagen.“
Mit der Initiative #VerständigungsOrte setzen evangelische Kirche und Diakonie Deutschland seit der Europawahl 2024 bundesweit Zeichen für mehr Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gemeinden und Einrichtungen schaffen dabei Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Überzeugungen miteinander ins Gespräch kommen können. In vielen Gemeinden wird das diesjährige Pfingstfest im Rahmen der Initiative als „Fest der Verständigung“ gefeiert. Die Evangelische Landeskirche Anhalts hat angekündigt, zum größten Verständigungsort Deutschlands zu werden. Dort sind alle Kirchengemeinden aufgerufen, eine besondere Aktion oder einen Gottesdienst zu gestalten.
Informationen zu den Verständigungsorten erteilt in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Pressesprecherin Susanne Reh, Telefon 0340/2526-101, susanne.reh-krause@kircheanhalt.de.
Kirche und Diakonie verlängern das Projekt und gehen 2026 in die Breite
Startbox erleichtert Umsetzung von #VerständigungsOrten
Berlin/Hannover. Mit der Fortführung ihrer gemeinsamen Demokratieinitiative #VerständigungsOrte setzen die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Diakonie Deutschland und die evangelische Zukunftswerkstatt midi ihr Engagement für den demokratischen Dialog im Superwahljahr 2026 fort. Neu ist eine Startbox, mit der Gemeinden, Initiativen und Einrichtungen niedrigschwellige Gesprächsformate vor Ort umsetzen können.
Mehr als 200 #VerständigungsOrte wurden allein im letzten Jahr auf der interaktiven Karte unter verständigungsorte.de registriert – viele von ihnen als wiederkehrende Formate. Menschen kamen dort zusammen, um über Themen zu sprechen, die die Gesellschaft bewegen und spalten: soziale Gerechtigkeit, Migration, Krieg und Frieden, Klima oder die Folgen der Corona-Pandemie. Über soziale, kulturelle und politische Grenzen hinweg wurde diskutiert, gestritten und zugehört.
Gerade angesichts der zahlreichen Wahlkämpfe in diesem Jahr, in denen zugespitzt um politische Mehrheiten und Mandate gerungen wird, brauche es Orte, an denen Menschen einander zuhören und miteinander ins Gespräch kommen, so Kirche und Diakonie. „Unsere Gesellschaft steht unter Druck. Viele Menschen fühlen sich verunsichert durch Krisen, soziale Ungleichheit und große Veränderungen. Mit #VerständigungsOrte schaffen wir Räume, in denen man einander zuhört, sich austauscht und dadurch Vertrauen in die Gesellschaft gewinnt“, so Diakonie-Präsident Rüdiger Schuch.
Auch Bischöfin Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der EKD, betonte die Bedeutung des Dialogs im Wahljahr: „Unsere Demokratie lebt nicht nur von Mehrheiten, sondern von Verständigung. Als Kirche bieten wir Räume, in denen Menschen reden, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.“ Das gehöre zum kirchlichen Glaubenskern. „Die Bibel erzählt immer wieder davon, wie Menschen mit Gott und miteinander um Worte ringen, einander widersprechen und dennoch neu zueinander finden.“ Dass dieses Angebot gebraucht werde, zeige die hohe Beteiligung im vergangenen Jahr.
„Die mehr als 200 Verständigungsorte im vergangenen Jahr machen deutlich: Menschen wollen ins Gespräch kommen. Das macht Hoffnung – für unsere Demokratie und für unsere Gesellschaft“, betonen EKD-Ratsvorsitzende Fehrs und Diakonie-Präsident Schuch gemeinsam.
Die neue #VerständigungsOrte-Startbox enthält Materialien und Anregungen für die Organisation von Dialogformaten und ist ab sofort über den Diakonie-Shop erhältlich. https://shop.diakonie.de/VerstaendigungsOrte/
Am 10.3. um 12.00 Uhr können Interessierte die Startbox bei einem kurzen digitalen Workshop persönlich kennenlernen. Alle Infos und Anmeldung: mi-di.de/termine/startbox