Wenn Hoffnung zur Notwendigkeit wird

Von Hannah Stobbe

Liebe Hannah Stobbe, seit Mitte August bist du Teil des Kommunikationsteams bei midi. Was führt dich zu uns?

Hannah: Die Auseinandersetzung mit Glauben, Religion und Kirche ziehen sich wie ein roter Faden durch meine Biografie. Ich bin die Tochter eines Pfarrers und einer Pfarrerin, die sich in ihrer Arbeit immer auch der Frage gewidmet haben, welche strukturellen Veränderungen es braucht, um Kirche in der Welt zu verankern und mit Leben zu füllen. Ihr Wirken und Denken haben mich tief geprägt.

Ich habe Religionswissenschaft und Jüdische Studien in Heidelberg und Jerusalem studiert, später noch drei Jahre evangelische Theologie in Berlin, Kiel und Beirut.

Schon früh hat mich die Frage beschäftigt, was Glaube und Kirche für mich, aber auch für unsere Gesellschaft bedeuten. Geschrieben und gestaltet habe ich schon immer gerne, Alltagsmomente in Geschichten zu verpacken ist meine Leidenschaft. So bin ich über Umwege in der Öffentlichkeitsarbeit gelandet.

Bei midi kann ich beides miteinander verbinden: ich kann mich theologischen Inhalten widmen, die mir eine Herzensangelegenheit sind und meiner Freude an Text und Sprache nachgehen. Darauf freue ich mich sehr!

Was wünscht du dir von Kirche und Diakonie – jetzt und in der Zukunft?

Hannah: Eine meiner Dozentinnen an der Near East School of Theology in Beirut bezeichnete die protestantische Minderheit im Land oft schmunzelnd als „the frozen chosen“. Stark in gedanklichen Verrenkungen und theoretischen Analysen, aber etwas steif und ungelenk, wenn es darum geht, Körper und Herz sprechen zu lassen. Ich wünsche mir eine Kirche, die den Kopf auch mal ausschalten kann. Die Emotionen zulässt und sich verletzlich zeigt. Die es schafft, ihre gute Botschaft mit Liebe und Leben zu füllen. Ich glaube, dass das nur geht, wenn auch Raum für vermeintlich „negative Gefühle“ verfügbar ist – wenn Trauer, Schmerz und Ernüchterung auch ihren Platz finden, gehört und gesehen werden.

Die kommenden Monate stehen bei midi unter dem Motto „Hoffnungsherbst“. Was schenkt dir in diesen Zeiten Hoffnung?

Hannah: Tatsächlich gibt es gerade vieles, das mich eher hoffnungslos stimmt. Vieles, das mich lähmt und ohnmächtig fühlen lässt. Der Krieg in Gaza, wachsender Antisemitismus in Deutschland, globale Krisen wie der alles überschattende Klimawandel. Ich finde es wichtig, das erstmal anzuerkennen: Da ist Hilflosigkeit und Überforderung – und gar nicht mal so viel Hoffnung.

Wenn die Ohnmacht überhandnimmt, finde ich oft Trost in einfachen, teils kitschigen Worship-Songs. Solche, die man als landeskirchlich geprägte Protestantin eigentlich nur mit einem ironischen Augenzwinkern oder heimlich hören darf, weil sie aus einer evangelikalen Ecke kommen. Ich höre sie unironisch. In den Songs klingt alles oft sehr simpel – auf Gott vertrauen, alles abgeben, loslassen. Ich kann nicht immer glauben, dass es so einfach ist. Aber ich kann darauf hoffen. Dass ich Vertrauen haben darf und den Weltschmerz nicht allein tragen muss. Das gibt mir Kraft. Manchmal wird Hoffnung auch zur Notwendigkeit. Wenn ich mit meiner kleinen Tochter Sandkuchen im Buddelkasten backe, kann ich nicht anders, als zu hoffen, dass sie auch in den kommenden Jahren behütet und in Sicherheit aufwachsen darf.

Vielen Dank für das Gespräch.