Warten! Und hoffen.

Von Dr. Thomas Schlegel

Der traditionelle Advent ist ein Kontrastprogramm. Ganz anders als die vorweihnachtlichen Wochen unserer säkularen Zeit. Und dabei denke ich nicht an die süßlich säuselnden Weihnachtsmärkte, den Konsum, auch nicht an die Stille, die Adventslieder oder das Fasten. Sondern an das Warten selbst. Worauf gehen wir zu? Was erwarte ich? Und Du?

Rede ich mit meinen Söhnen über die Zukunft, höre ich von Ängsten. Auch von ihren Peers; so um die 20. Sorgenvoll schauen sie drein, schweigen betreten oder lenken ab. Ohnmacht spüre ich. Hoffnung hat es schwer in diesen Tagen. Auf einem Demo-Pappschild war zu lesen: „Zukunft wäre schon geil!“1 Aufgeschnappt von Walter Lechner. 75% der Kinder und Jugendlichen – so ergab eine globale Umfrage in zehn Ländern2 – empfinden furchteinflößend, was da auf sie zurollt. Und dabei ging es „nur“ um die Klimaaspekte. Die multiplen Apokalypsen fassen uns an; sie machen dünnhäutig – da geht es mir nicht anders als den Jungen.

Ein Pfarrkollege erzählte mir letzte Woche von einem Experiment. Sie feierten im thüringischen Schönbrunn einen Weltuntergangsgottesdienst. Vom Ablauf ähnelte Vieles dem Gewohnten, inhaltlich kreiste alles um das Weltenende. Am wirkungsvollsten war eine große Uhr im Altarraum. Ein Countdown, der sekundengenau herunterzählte. Für alle sichtbar, groß, auf Leinwand projiziert. Bei 30:40 interessierte das noch Wenige. Allerdings verschob sich der Fokus, berichtete Pfarrer Boelter. Bei 8:08 war schon Nervosität spürbar, die Stimmen beim Singen leiser. Die Besucher gingen „in Deckung“ – mit jeder Sekunde mehr, erzählt er weiter. Seine Stimme dringt kaum noch durch. Angst? Eher Unbehagen, das sich ausbreitet. Es kriecht den Rücken hoch. Manche halten sich die Ohren zu! Und als es 0:00 ist, passiert… NICHTS. Aufatmen, der Blick zum Nachbarn, die Spannung löst sich. Und dann kam jemand in Arbeitshose mit Schubkarre und Apfelbaum in die Kirche - und später pflanzten alle gemeinsam einen Apfelbaum.

Natürlich war dies ein fiktiver Countdown. Und doch konnten die Besucher spüren, was Schreckensszenarien auslösen. Obwohl sie selbst warm saßen, nicht allein waren und einen vollen Bauch hatten: Sie starrten auf das Herunterticken der Uhr. Paralysiert, jede für sich, mit mulmigem Gefühl. Es ist die Angst vor der Angst, die oftmals lähmt, sagt der Pfarrer. Auch wenn gar nichts Schreckliches passiert. Es reicht die Angst, dass der Nullpunkt droht.

midi hat sich im Herbst der Hoffnung zugewandt – als Zeichen gegen scheinbar alternativlose Untergangsszenarien; auch in Kirche und Diakonie. Es ist wichtig, sich von der Angst nicht bannen zu lassen. Nicht immer auf die sinkenden Kurven zu schauen und die Narrative des Abbruchs zu pflegen. Ja, es wird weniger Geld geben; weniger Einfluss und weniger Christinnen – aber das ist nicht das Ende. Und es ist nicht das Einzige, was zählt! Ob wir vertrauensvoll sind, ob wir fröhlich bleiben, am Glauben festhalten, ist viel entscheidender. Hoffnung ist ein Zeichen gegen Pessimismus.

Hoffnung ist aber auch kein Optimismus – so viel habe ich gelernt. Markant sagt der Philosoph Byung-Chul Han:

Im Gegensatz zur Hoffnung fehlt dem Optimismus jede Negativität. Er kennt weder Zweifel noch Verzweiflung. Er ist davon überzeugt, dass die Dinge sich zum Guten wenden. Für den Optimisten ist die Zeit geschlossen [wie für den Pessimisten (TS)]. Nichts ereignet sich. Nichts überrascht ihn. Die Zukunft erscheint ihm verfügbar. Der eigentlichen Zukunft aber wohnt die Unverfügbarkeit inne. Im Gegensatz zum Optimismus, dem nichts fehlt, der nicht unterwegs ist, stellt die Hoffnung eine Suchbewegung dar. Sie ist ein Versuch, Halt und Richtung zu gewinnen. Dabei stößt sie auch ins Unbekannte, ins Unbegangene, ins Offene vor. Sie hält auf das Ungeborene zu.

In diesem Sinne ist Adventszeit eine Hoffnungszeit! Wir erwarten die Wiederkunft Christi – wahrlich keine Verlängerung des ewig Gleichen. Unverfügbar und unberechenbar. Ein Aufreißen des Himmels, Licht im Dunkel, Gottes Innovation. Unrealistisch und naiv ist eine solche Hoffnung nicht. Sie ist bei den Glaubenseltern in die Schule gegangen: Gott hat sich manches Mal abgewendet, gestraft und scheinbar ein Ende gesetzt. Oft genug war das ein Anfang. Er hat neue Horizonte erschlossen und sein Volk befreit. Und ist als Kind in eine zerrissene Welt gekommen – als Zeichen, dass es weiter geht und er noch viel mit ihr vor hat!

Eine hoffnungsvolle Adventszeit wünscht Ihnen

Thomas Schlegel


Fußnoten

  1. Auf einem Klimastreik am 25.03.2022 in Dresden.
  2. Hickman, Caroline, Elizabeth Marks, Panu Pihkala, Susan Clayton, R. Eric Lewandowski, Elouise E. Mayall, Britt Wray, Catriona Mellor, and Lise van Susteren. 2021. Climate Anxiety in Children and Young People and Their Beliefs about Government Responses to Climate Change: A Global Survey. The Lancet Planetary Health 5: e863–73.
    https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(21)00278-3/fulltext?ref=gerardmazza.com