Mitmachen statt Selbermachen

Sozialraumorientierung als Zukunftshaltung für Diakonie und Kirche

„Für wen sind Kirche und Diakonie da?“ Diese suggestiv anmutende Frage wird schnell zu einer wirklichen, wenn man sie konkret beantwortet bzw. auf ihre konkrete Umsetzung schaut. „Für die Menschen.“, wäre wohl die erwartbar erste Antwort, aus den Mündern der Gemeindemitglieder, kirchlich Hauptamtlichen und diakonischen Mitarbeitenden. „Wirklich?“

Mit „die Menschen“ sind doch meistens sehr bestimmte Gruppierungen gemeint. In den Kirchengemeinden klagt man seit Jahrzehnten über eine bürgerliche Milieuverengung der Mitglieder und Kerngemeinden. Eine Zielgruppenerweiterung gelingt nur an wenigen Stellen. Die Diakonie wiederum versteht in der Regel unter „die Menschen“ die Hilfeberechtigten, deren Unterstützung von den Sozialkassen bzw. dem Staat refinanziert wird.

Beide kirchliche Wirkbereiche sind in der Praxis damit auf sehr enge Personengruppen hin orientiert. Diese ergänzen sich zwar, doch bilden sie bei weitem nicht die Gesellschaft, geschweige denn „die Menschen“ ab.

Beide aber – und das finde ich sehr sympathisch – geben sich damit nicht zufrieden. Sie bleiben bei dem jesuanischen bzw. urchristlichen Ideal, dass Kirche – so wie Gott – für alle Menschen da sein will. Aus dieser eigenen Unzufriedenheit heraus entstand die Idee, das eher sozialwissenschaftliche Konzept der „Sozialraumorientierung“ in Kirche und Diakonie zu übertragen.

„Sozialraumorientierung bezieht sich auf den unmittelbaren Lebensraum von Menschen und setzt auf Eigeninitiative, Ressourcen, Vernetzung und Kooperation vor Ort. Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen, die sich an ihrem Sozialraum orientieren, sind extrovertiert und neugierig. Sie fragen nach dem, was Menschen vor Ort bewegt, und setzen sich zusammen mit anderen lokalen Akteuren für das Gemeinwesen und bessere Lebensverhältnisse in Dorf, Stadtteil und Quartier ein. Ausdrucksformen von Sozialraumorientierung können Dorfvernetzungsrunden, Begegnungscafés, offene Stadtteilzentren, Inklusions- und Integrationsprojekte, Vesperkirchen, gemeinsame Feste und Aktionen und vieles mehr sein – je nachdem, was vor Ort dran ist.“ (Walter Lechner)

Sozialraumorientierung bezieht sich auf den unmittelbaren Lebensraum von Menschen und setzt auf Eigeninitiative, Ressourcen, Vernetzung und Kooperation vor Ort. (Walter Lechner)

Mit diesem Konzept wird der Blick geweitet auf „die Menschen“, die bisher nicht im Sichtfeld von Diakonie und Kirche sind, um sie in ihrem jeweiligen Lebensraum zu unterstützen.

Eine grundlegende Erfahrung dabei ist, dass Kirche und Diakonie nicht die Impulsgebenden sind oder sein müssen, und unter den Bedingungen des Mitgliederschwunds und knappen Ressourcen auch oft nicht sein können. Sie werden zu Mitmachenden, indem sie sich in Initiativen einbringen, Bürgerbewegungen unterstützen oder einfach nur in kommunalen Ausschüssen u. a. präsent sind und sich einbringen. Diese neue Rolle muss oft erst eingeübt werden, denn sie unterscheidet sich von der einer Volkskirche, die Diskurs und Gesellschaft dominiert oder zumindest automatisch gehört wird. Das ändert sich.

Deshalb ist Sozialraumorientierung derzeit in aller Munde. Die EKD und die Diakonie Deutschland haben dazu 2021 einen großen Kongress gestaltet, 12 Thesen zur Sozialraumorientierung entwickelt und unterstützen mit Projekten Kirchengemeinden und diakonische Einrichtungen.

Auch midi (www.mi-di.de) leistet dazu seinen Beitrag. Mit der am 12. Januar 2023 veröffentlichten App bzw. „Wir & Hier Toolbox für Sozialraumorientierung“ werden erste Schritte bei der Sozialraumorientierung aufgezeigt und unterstützt. Jede Frau und jeder Mann bzw. auch wer sich nicht binär identifiziert kann sie sich auf sein Smartphone laden und sofort in Kirchengemeinde und Diakonie beginnen. Wir wünschen Ihnen dabei gute Erfahrungen und spannende Entdeckungen und freuen uns über Ihre Rückmeldungen zur App oder zur sozialräumlichen Entwicklung Ihrer Gemeinde oder Einrichtung. Diese bitte an info@midi.de