Sichtbarkeit von Kirche in Corona-Zeiten

8. Dezember 2020 | Claudia Kusch | EKD

In den vielen Austausch-Runden über Erfahrungen, die wir in der Corona-Pandemie machen und was wir lernen, wird immer wieder gesagt: Die Corona-Pandemie ist wie ein Brandbeschleuniger und Katalysator. Herausforderungen in unserer Kirche treten jetzt noch deutlicher zutage.

Die Frage ist, wie präsent ist die Kirche und dies in doppelter Weise: wie präsent ist sie im Leben ihrer Mitglieder und wie sichtbar ist Kirche in unserer Gesellschaft?

Wie sehr dringt sie mit ihren Themen durch und kann sich Gehör verschaffen und Orientierung geben? Welche Deutungen zum Leben und Glauben bietet sie? Und sind diese verständlich und relevant für das eigene Leben?

Wie kann Kirche öffentlich wirksam sein?

Und dies nicht nur in ethischen Debatten um Sozialpolitik, sondern auch in Fragen von Seelsorge und Umgang mit Sterbenden und Mitarbeitenden in Einrichtungen. Wie selbstverständlich redet sie von dem, was sie selbst trägt und weicht nicht immer in Struktur- und Finanzdebatten aus.

Zugegeben, Kirche hat es schwer, in den Medien mit ihren Themen vorzukommen. Alles, was jenseits von Skandal und sexualisiertem Missbrauch und dessen schleppender Aufarbeitung liegt, dringt kaum durch.

Hinzu kommt, dass die ev. Kirche vielstimmig redet. Wir sind eben alle Papst.

Die Kirche sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, gerade am Anfang der Pandemie-Zeit geschwiegen zu haben und Menschen allein gelassen zu haben. Kirche sei schlicht abgetaucht.

Hier wird sie sich ehrlich machen müssen und anerkennen, wo wirklich Versagen geschehen ist, wo Menschen allein gelassen wurden, seien es Bewohner von Einrichtungen, seien es Mitarbeitende.

Diese Kritik ist immer wieder zu hören. Und nachvollziehbarerweise je nach Betroffenenlage mehr oder weniger laut.

Wie ist Kirche präsent gewesen?

Kirchen haben sich hinter die Maßnahmen der Bundesregierung gestellt. Und gezeigt: Glaube und Wissenschaft können zusammengehen.

Und doch fiel auf, wie wenig theologische Deutung zutage gefördert wurde. Abgesehen davon, dass immer und immer wiederholt wurde: Corona sei keine Strafe Gottes.

Vieles war am Anfang wirklich improvisiert. Geschwiegen hat die Kirche aber nicht. Was Gemeinden tun und getan haben, das entzieht sich in der Regel medialer Aufmerksamkeit. Die organisierte Nachbarschaftshilfe, die vielen Briefe und Telefonate, das taucht nicht auf in den Schlagzeilen. Kreativität zeigte sich nicht nur in den digitalen Formen.

Was fehlte, war ein gemeinsames öffentliches Signal aller Landeskirchen.

Was aber doch fehlte: war ein bundesweites – EKD-weites gemeinsames öffentliches Signal aller Landeskirchen gemeinsam. Es gab viele Aktionen in allen Landeskirchen und Kirchenkreisen und Gemeinden und diakonischen Einrichtungen, aber ein gemeinsames bundesweites öffentliches Signal aller gab es nicht. Die Struktur und Organisation der evangelischen Kirche scheinen dies geradezu zu verhindern. Wie kampagnenfähig ist die evangelische Kirche? Und wer spricht für sie?

Kirche muss etwas für ihre Sichtbarkeit tun

Insgesamt ist aber das Bewusstsein dafür gewachsen, dass Kirche etwas für ihre Sichtbarkeit tun muss und dass sie dabei einen radikalen Perspektivwechsel vollziehen muss. Weg von der Angebotsperspektive hin zu der Nutzer*innenperspektive.

Es kommt auf überregionale Kommunikationsfähigkeit an, bei der Landeskirchen- und Gemeindegrenzen, vermutlich noch nicht einmal Konfessionsgrenzen eine Rolle spielen.

Jenseits aller Grenzen tun sich Kreative, Innovative und Suchende zusammen.

Dabei kommt es nicht nur auf eine Kommunikation an, die sich an Mitgliedern orientiert. Theologische Rede, kirchliche Rede versteckt sich oft hinter organisationaler Rede. Selbstverständlich reden von dem, was im Leben und Sterben trägt, so dass es auch im säkularen Raum verständlich ist, dies braucht eine Kirche, die sichtbar und hörbar sein will.

Für mehr Sichtbarkeit von Kirche in der Öffentlichkeit

wird es darauf ankommen, dass verfasste Kirche und verfasste Diakonie mehr zusammenarbeiten und als gemeinsam evangelisch wahrgenommen werden, nicht nur im Kiez vor Ort, sondern auch auf Bundesebene – gerade an den Bruchkanten der Gesellschaft.

Die theologische Deutung der Corona-Pandemie verdient mehr Nachdenklichkeit und eine Weitung des Themenspektrums. Was verlangt sie uns Menschen auch ab, jenseits von Aufrufen zu Zuversicht.

Kirche lernt immer wieder dazu.