Seelsorge.berlin: „Wir erreichen Menschen, die wir sonst nicht erreicht hätten“

Von Dr. Tobias Kirchhof

Interview

Seit Anfang April 2026 ist die Seite seelsorge.berlin online. Hier kann man sich einen Seelsorgetermin bei einer Pfarrerin oder einem Pfarrer buchen, wie einen Friseur- oder Arzttermin. Zur Auswahl stehen ca. 20 Pfarrerinnen und Pfarrer inkl. Superintendent, bei denen man einen Spaziergang, ein Telefon-, Zoom-Gespräch oder ein Innenraumgespräch buchen kann. „Buchen“ ist die Formulierung, die für diese „Leistung“ verwendet wird. Seelsorge soll dadurch zugänglicher werden. Angeboten wird dieser Service vom Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, er richtet sich aber an alle Berliner:innen. midi hat mit drei Mitgliedern des Teams gesprochen, die das Projekt initiiert haben: Superintendent Michael Raddatz, stellv. Superintendentin Juliane Göwecke und Pfarrer Alexander Höner, Arbeits- und Forschungsstelle Theologie der Stadt.

Frau Göwecke, wie kamen Sie auf die Idee, Seelsorge auf diese Weise anzubieten?

JG: Im vergangenen Jahr haben wir uns in unserem Kirchenkreis mit dem Thema Einsamkeit beschäftigt. Wir als Kirche bieten viel für einsame Menschen an. Wie erreichen unsere Angebote aber die einsamen Menschen? Wie machen wir es so ansprechend und unkompliziert, dass sie den ersten Schritt machen und diese auch wahrnehmen? Bei meinen Recherchen bin ich zufällig darauf gestoßen, dass man im Kirchenkreis Aachen Termine bei Seelsorgenden im Internet buchen kann. Diese Idee hat in unserem Kirchenkreis Feuer entfacht: Das wollen wir auch machen! Wir haben ein Projektteam gebildet, dass seelsorge.berlin umgesetzt hat. Dabei haben wir sehr von den Erfahrungen aus Aachen profitiert.

Seelsorge als Dienstleistung im Buchungssystem – gab es bei Ihren Kolleg:innen Vorbehalte gegen diese Form der Vermarktung und wie konnten Sie diesen Vorbehalten begegnen?

MR: Als wir im Pfarrkonvent das Vorhaben vorgestellt haben, war eine Frage, ob Aufwand und Nutzen im Verhältnis zueinanderstehen. Deshalb evaluieren wir regelmäßig. Die Erfahrungen der ersten zwei Monate zeigen: Es lohnt sich: Seelsorge wird niedrigschwellig zugänglich. Wir erreichen Menschen, die wir sonst nicht erreicht hätten. Termine werden gebucht. Unser immer schon vorhandenes Seelsorgeangebot wird neu wahrgenommen.

Im Pfarrkonvent haben wir abgefragt, wer mitmachen möchte – wir haben niemanden dazu verpflichtet. Die Begeisterung für die Idee hat getragen: Alle Spezialseelsorgenden und viele Pfarrpersonen aus unserem Kirchenkreis machen mit.

Der Regeltermin dauert bei Ihnen 60 Minuten. Bei einer Therapie sind es oft nur 45 Minuten oder weniger? Wie sind Sie auf 60 Minuten gekommen?

AHö: Es zeigt sich, dass 60 Minuten eine gute Richtschnur sind: Oft kennen wir die Personen gar nicht, die zu uns kommen: Es braucht im Gespräch den Moment des Kennenlernens, des Zuhörens, des Mithineinnehmens in die Lebenssituation. Und dann Zeit auf Spurensuche zu gehen. Länger als 60 Minuten wäre anstrengend. Natürlich sind die 60 Minuten nicht statisch: Gespräche dürfen auch eher enden. Wenn ein Gedanke noch Zeit braucht, darf diese sein. Folgetermine können gebucht werden, je nach Bedarf.

Die Seite ist jetzt seit 8 Wochen online. Welche Erfahrungen konnten Sie machen? Wie wurde die Seite angenommen? Haben Sie bzw. Ihre Kolleg:innen überhaupt noch freie Termine?

JG: Es werden kontinuierlich Termine gebucht, immer wieder finden neue Menschen den Weg zu uns. Wir sind sehr zufrieden, wie das Angebot angenommen wird. Da die Kolleg*innen regelmäßig freie Termine einstellen, sind also meistens freie Kapazitäten für Gespräche vorhanden.

Gab es auch Überlegungen, weitere Berufsgruppen oder Ehrenamtliche an der Arbeit zu beteiligen?

MR: Wichtig ist uns, qualifizierte Seelsorge anzubieten. Deshalb bieten bei uns hauptberuflich Seelsorgende Termine an, die eine entsprechende Ausbildung haben und Erfahrung in der Seelsorge mitbringen.  In der zweiten Jahreshälfte wollen wir dann im Team diskutieren, ob wir den Kreis erweitern – natürlich immer mit demselben qualitativen Anspruch.

Welche Reaktionen erleben Sie seitens der Kirchenmitglieder und Gesprächssuchenden auf diese Form der Terminvergabe?

AHö: Wir bekommen viele positive Reaktionen. Menschen sind froh, sich nicht am Telefon erklären zu müssen, warum sie einen Termin haben wollen. Einige sagen, dass sie schon lange über ein Seelsorgegespräch nachgedacht haben und seelsorge.berlin dann den entscheidenden Impuls gegeben hat, es auch wirklich umzusetzen. Andere schauen gezielt, mit wem von uns sie ins Gespräch kommen wollen und sind dankbar für die Wahlmöglichkeit. Krankenhausseelsorgende machen auf unser Angebot aufmerksam: es wird geschätzt, dass das Seelsorgeangebot so niedrigschwellig erreichbar ist.

Die Buchung eines Termins steht allen Bürger:innen Berlins offen. Können Sie etwas über das Verhältnis sagen, wie viele außerhalb Ihres Kirchenbezirkes das Angebot angenommen haben? Haben Sie neue Zielgruppen erreicht?

JG: Zahlen dazu haben wir nicht erhoben. Es sind einige, die nicht aus Tempelhof-Schöneberg kommen. Ich hatte z.B. eine Videokonferenz mit einer Deutschen, die im Ausland lebt. Mit den Zielgruppen ist es verschieden. Eine Kollegin berichtet, dass sie mit Leuten spricht, die sie vorher schon kannte. Ich habe Gespräche mit Menschen, denen ich sonst nicht begegnet wäre.

Sie bieten Seelsorgegespräche an, egal ob jemand Mitglied der Evangelischen Kirche ist oder nicht. Kostenfrei. Bieten Sie an, eine Spende für das Gespräch zu hinterlassen? Werde ich als Kirchenmitglied bevorzugt behandelt – wie ein Privatpatient beim Arzt?

MR: Tatsächlich fragen manche Menschen am Ende des Gesprächs, ob sie uns etwas schuldig sind. Unser Angebot ist grundsätzlich kostenfrei. Wir fragen nicht nach Kirchenzugehörigkeit und machen keine Unterschiede. Als Kirche in Berlin haben wir einen Auftrag nicht nur für unsere Gemeindeglieder, sondern für alle in dieser Stadt. Wenn Menschen Kirche und unser Angebot als hilfreich empfinden, haben wir etwas wichtiges erreicht.

Können Sie sagen, welche Themen besonders oft besprochen werden möchten? Wo drückt den Berliner:innen der Schuh?

AHö: Einsamkeit ist spürbar. Menschen müssen Krisen allein bewältigen, haben Frust mit Behörden. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Trauer ist ebenfalls immer wieder Thema ebenso wie Konflikte in der Familie. Auch Überlastung im Job oder im Alltäglichen. Einige fragen nach Begleitung bei der Neusortierung ihres Lebens. 

Wie und auf welchen Kanälen bewerben Sie Ihr Angebot und welche Zielgruppen erreichen Sie damit? Wie hoch ist Ihr Werbeetat?

JG: Wir haben unsere Öffentlichkeitsarbeit wellenförmig aufgebaut, um immer wieder neu auf uns aufmerksam zu machen. Wichtig waren zu Anfang die Berichte über uns in den Kiezzeitungen. Jetzt erscheinen gerade Berichte in den Gemeindebriefen. Verschiedene Newsletter (berlin-evangelisch, ekbo) berichten über unser Angebot. Kontinuierlich bespielen wir einen Kanal auf Instagram, hier haben wir von Andere Zeiten e.V. eine Förderung für die ersten drei Monate bekommen. Über den Sommer wird es Werbekarten geben, die wir im Bezirk auslegen werden. Wichtig sind Netzwerkpartner wie die Telefon- oder Krankenhausseelsorge, die auf uns verweisen. Wir haben ein sehr kleines Werbebudget. Wir haben Fördermittel beantragt und können damit größere Werbeaktionen starten, wie zum Beispiel große Banner an Bauzäunen.

Für nachahmende Kirchenkreise: Was würden Sie anderen Kirchenkreisen empfehlen, die selbst ein solches System einrichten wollen? Welche Learnings mussten Sie machen?

AHö: Wir haben uns entschieden, eine eigene Webseite aufzubauen und unser Angebot nicht in das Design der Kirchenkreisseite zu integrieren. Das war eine gute Entscheidung, denn dies hat uns Gestaltungsfreiheit gegeben. Seelsorge.Berlin hat nicht den typischen Kirchensprech und nicht die typische Kirchenästhetik. Das kommt bei den Menschen gut an.

Zu Beginn kosten Detailfragen rund um das Terminbuchungstool viel Zeit: bei 20 Seelsorger*innen entstehen ganz unterschiedliche Fragen – diese zu beantworten, braucht Zeit, das muss man personell einplanen.

Wir haben sehr von den Aachener Erfahrungen profitiert – man muss das Rad nicht neu erfinden. Wir geben gerne unsere Erfahrungen weiter.

Wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen seelsorge.berlin Gottes Segen (und viel Unterstützung) für die segensreiche Arbeit.

Mehr erfahren: seelsorge.berlin