Heiligabend – Gemeinsam! Ein heiliger Abend für alle

Von Hannah Stobbe

Jedes Jahr findet in der Gemeinde Rheinau in Mannheim an Heiligabend die Veranstaltung „Heiligabend – Gemeinsam“ statt. Unter diesem Motto laden die evangelische Gemeinde Rheinau, die katholische Seelsorgeeinheit Mannheim-Süd und das Quartiermanagement Rheinau zum gemeinsamen Abendessen an Heiligabend ein. Im Interview mit midi erzählt Initiatorin Barbara Schulte davon, wie es dazu kam – und was sie an diesen besonderen Weihnachtsabenden erlebt.

Liebe Frau Schulte, wie ist die Idee zu „Heiligabend – Gemeinsam!“ entstanden – und was bewegt Sie, diesen Abend jedes Jahr zu gestalten?

Barbara Schulte: Die Idee entstand im Familienkreis. Mein Lebenspartner engagiert sich seit Jahren im Gottesdienst der katholischen Kirche an Heiligabend. Dadurch war unser eigener Abend immer stark vom kirchlichen Terminplan bestimmt: Krippenspiel, Gottesdienst, Nachtmesse. Da haben mein Sohn und ich beschlossen, wir feiern einfach mal Heiligabend in der Kirche und laden alle Menschen aus der Region dazu ein, mitzufeiern. Dazu kam, dass im Jahr 2022 Fördermittel aus dem Topf „Wärmewinter“ zur Verfügung standen. So konnten wir das geplante Angebot – Würstl und Kartoffelsalat sowie Plätzchen, Stolle und Glühpunsch – auch finanzieren. Der Diakon und seine Frau waren sofort begeistert und brachten ihre Angehörigen mit. Unterstützt wurden wir freundlicherweise auch von einem „Alleinunterhalter“, der sonst auf englischen Weihnachtsmärkten spielte, aber aufgrund der damaligen Corona-Situation kein Engagement erhalten hatte. Im Vorfeld hatten wir eine Plätzchen-Backaktion ausgeschrieben, sodass jeder Besucher – beim ersten Mal waren es rund 20 Personen – selbstgebackene Plätzchen und ein kleines Geschenk mit nach Hause nehmen konnte. Insgesamt war es ein runder Abend.

Für viele ist der 24. Dezember ein Abend mit großen Erwartungen – was verändert sich, wenn man ihn in Gemeinschaft mit Fremden verbringt?

Schulte: Es verändert sich vor allem das Gefühl von Fremdheit – und damit auch die Bereitschaft, offen aufeinander zuzugehen. Etwas gemeinsam zu feiern verbindet. Wer den Schritt wagt, Heiligabend außerhalb der eigenen vier Wände in einer Kirche zu verbringen, obwohl hierzulande traditionell im Kreis der Familie gefeiert wird, teilt sofort ein gemeinsames Thema mit den anderen. Wer im darauffolgenden Jahr wiederkommt, entwickelt nach und nach eine „neue Tradition“: das Feiern in offener Gemeinschaft. Besonders Menschen, deren Familien weit entfernt leben oder bereits verstorben sind und für die die Leere dieses Tages durch die Festtage noch verstärkt wird, schätzen die Möglichkeit neuer Rituale. Wichtig ist, dass es engagierte Helfer*innen gibt, die die Menschen am Heiligabend begrüßen und behutsam in die Gemeinschaft einführen. Auch eine „Abholhilfe“ für Menschen, die nicht gut zu Fuß sind, erleichtert die Teilnahme. So wächst über die Jahre hinweg ein Gefühl von Zugehörigkeit – und mit ihm eine neue Vorfreude auf das Fest. Grundsätzlich gilt: Gut Ding will Weile haben, und nur durch Kontinuität wird der Erfolg – der sich auch in der Anzahl der Besucher*innen äußert – sichtbar.

Das Projekt klingt so, als ließe es sich nur mit vielen helfenden Händen stemmen. Wie gelingt es Ihnen, Ehrenamtliche für den Abend zu gewinnen?

Schulte: Nicht die Anzahl der Ehrenamtlichen am Heiligabend selbst ist entscheidend für den Erfolg der Veranstaltung, sondern die Bereitschaft von zwei bis drei Personen – es müssen nicht immer dieselben sein –, die an diesem Abend Verantwortung übernehmen und den Rahmen halten: auf- und zuschließen, die Gäste begrüßen, den Ablauf ein wenig steuern und am Ende verabschieden. Alles Weitere – Kochen, Backen, Eindecken, die Organisation von Musik sowie gegebenenfalls Spielen oder Gesang – übernimmt eine Arbeitsgruppe von etwa fünf bis zehn Ehrenamtlichen bereits im Vorfeld. Viele Gäste freuen sich auch, wenn sie am Abend selbst mithelfen können, denn das verbindet und vertieft das Gefühl, nicht nur Gast zu sein, sondern dazuzugehören.

Wie schaffen Sie es, dass sich Menschen mit sehr unterschiedlichen Geschichten an einem Tisch wohlfühlen? Gibt es Herausforderungen, Konflikte?

Das Programm und die Mischung der Menschen macht es. Unsere Gäste kommen schick gekleidet und freuen sich auf stimmungsvolle Momente. Eine gewisse Vorfreude auf das, was kommt, breitet sich aus und hebt die Stimmung. Auch das Gebäude selbst trägt dazu bei: der Raum lässt wenig Platz für Spannungen. Natürlich bringen Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon mit, wie ein Heiligabend in der Kirche gestaltet sein sollte. Solche Rückmeldungen verstehen wir als wertvollen Rat fürs nächste Jahr. Außerdem nutzen wir solche Momente bewusst als Chance, denn nicht selten lassen sich Kritiker als Helfende gewinnen und können ihre Ideen beim nächsten Mal einbringen. Konflikte sind bislang die Ausnahme geblieben. In der Regel begegnen sich die Menschen mit Respekt und Neugier. Gerade, wenn gesungen und gespielt wird, treten kontroverse Themen in den Hintergrund. Sollte es doch einmal zu Meinungsverschiedenheiten kommen – was bisher nicht vorgekommen ist –, stehen die Organisatorinnen und Organisatoren als Ansprechpersonen und Vermittler bereit.

Was wünschen Sie sich, dass die Gäste aus dieser Nacht mitnehmen – für sich, für die Feiertage, vielleicht sogar für ihren Alltag?

Schulte: Einfach ein Glücksgefühl! Der einzelne Mensch wird in der Gemeinschaft wieder sichtbar und spürt, dass seine Anwesenheit an diesem Abend zählt. Glücksgefühle haben meist eine längere Wirkung auf das Allgemeinbefinden – vielleicht tragen sie manche sogar durch die ganzen Feiertage. Insgesamt wünsche ich mir, dass die am Heiligabend entstandene Offenheit bei den Menschen nachklingt und sie ermutigt, auch im Alltag offen für neue Begegnungen und Kontakte zu sein.

Vielen Dank für das anregende Gespräch und alles Gute für das bevorstehende Fest!