Effekte der Corona-Krise für die Kirchenbilder

30. September 2020 | Daniel Hörsch, Philipp Elhaus, Tobias Kirchhof, Juliane Kleemann, Claudia Kusch

Innovationsbeschleuniger, Brennglas und Katalysator für Abbruchkanten

Der Lockdown hat eine Fülle von Phänomenen sichtbar gemacht, in denen im Blick auf Kirchenbilder aktuelle Tendenzen, Ambivalenzen, Widersprüche und Konfliktlinien wie im Brennglas sichtbar wurden.

Auffällig war beim Austausch die ökumenische Konsonanz der Beiträge. Auch wenn Ökumenizität als Kategorie bei der Wahrnehmung der Kirchenbilder nicht explizit benannt wurde, zog sie sich auf Beobachtungsebene implizit durch.

Die Frage nach der Wahrnehmung von Kirchenbildern ist immer von der jeweiligen Perspektive geprägt. Schon was wir wahrnehmen, ist Resultat eigener Voreinstellungen und Dispositionen, geprägt u.a. auch von den eigenen Wunschvorstellungen. Wahrnehmung ist eine relationale Kategorie. Je nachdem, wohin man den Spot richtet, werden Phänomene ins Licht gestellt und andere geraten in den Schatten.

Die Stunde des Pfarramtes oder das Ende des betreuten Glaubens

Dominant wirkte in der Zeit des Lockdowns das klassisch geprägte pastor*innenzentrierte, auf den Gottesdienst als zentrale Veranstaltung konzentrierte Kirchenbild.

Gestreamte Gottesdienste in leeren Kirchen, in denen die Amtsperson den Gottesdienst hält, dominierten das Bild. Schon die feiernde Gemeinde musste sich zwangsweise in die unkenntlichen Weiten des www verflüchtigen.

Mit Corona schlug die Stunde des Pfarramtes. Die bestehende pfarramtliche Infrastruktur mit Stellenverteilung und Zuständigkeiten trug entscheidend zur Krisenbewältigung bei.

Andere Berufsgruppen gerieten dagegen in den Schatten. Auch analoge Formate wie Predigten to go unterstrichen die Bedeutung des klassischen Verkündigungsformates. Im katholischen Raum dominierten ebenso traditionelle Kirchen- und Rollenbilder der Amtskirche.

Die digitale Präsenz von Kirche machte deutlich, dass die Regie des religiösen Lebens längst bei den Kirchenmitgliedern liegt.

Die digitale Präsenz von Kirche erhöhte andererseits die Wahlmöglichkeiten und machte deutlich, dass die Regie des eigenen religiösen Lebens längst bei den Kirchenmitgliedern liegt und in großer Freiheit wahrgenommen wird.

Der digitale Demokratisierungseffekt wird auch in der Kirche spürbar. Das Ende von betreutem Glauben gerät in Sicht.

Ehrenamtliche waren engagiert vor Ort präsent, durch Sänger- und Bläser*innen Flashmobs und zahlreiche Aktionen wie Nachbarschaftshilfe, Alltagsseelsorge, Telefonaktionen u.a.

In Sozial-, Privat und digitalen Räumen lebte das Priestertum der Gläubigen auf, ebenso spirituell wie diakonisch. Die Corona-Krise wurde als Chance für Empowerment zur religiösen Selbstbetätigung genutzt.

Verörtlichung oder Verflüssigung von Gemeinde

Trotz größerer Wahlmöglichkeiten nahmen zahlreiche Kirchenmitglieder vor allem die digitale Präsenz ihrer eigenen Kirchengemeinde wahr. Ortspastor*in und das eigene Kirchengebäude bildeten religiöse Identitätsmarker. Viele der Engagementsformen fanden in den lokalen Sozialräumen statt.

Zugleich verdichteten und weiteten sich die sozialen Gemeinschaftsvollzüge in einer paradox wirkenden Doppelbewegung über die Parochie als zentralen Bezugspunkt hinaus.

Der Nahraum mit Freundschaften, Familien und Nachbarschaft und der digitale Raum mit Möglichkeiten von intimer und distanzierter Interaktion zugleich wurden zu wichtigen sozialen Räumen.

Gemeinde ist mehr als nur Gottesdienst- oder Ortsgemeinde.

Agile Organisation oder Zombie-Strukturen

Zahlreiche Gemeinden, Einrichtungen und Dienste sowie Kirchenleitungen reagierten sehr agil auf die massiven Einschränkungen aufgrund der Hygienemaßnahmen.

Entscheidungswege wurden beschleunigt, Kompetenzen delegiert und Vertrauen investiert. Im Freiraum entstand ein Klima der Kreativität, der Experimentierfreude und Fehlerfreundlichkeit, das seitens der kirchenleitenden Ebenen unterstützt wurde.

Auf der anderen Seite zeigten sich auch zahlreiche Akteur*innen überfordert. Wo Routinen zusammenbrachen und Strukturen nicht mehr griffen, traten Lähmungserscheinungen ein.

So offenbarte Corona auch, wie groß an manchen Orten der Gap zu postbürokratischen Kulturen innerhalb der kirchlichen Organisation und ihrer Funktionsträger*innen ist.

Die schweigende Kirche und das Reden der Lämmer

An mehreren Stellen wurde das Schweigen der Kirche in der breiten medialen Öffentlichkeit als Lücke empfunden – sowohl im Blick auf kirchenleitende wie auf spezifisch theologische Stimmen.

Haben Kirche und Theologie keinerlei Orientierungsfunktion mehr in der Krise?

Verstummen sie angesichts der ihnen sonst von außen zugeschriebenen Funktion der Kontingenzbewältigung? Andererseits kann man auch hier die Rückfrage nach dem zugrunde liegenden Kirchenbild stellen.

Spiegelt die Fülle der christlichen Stimmen in Lokalzeitungen, auf Internetseiten und in den sozialen Medien inklusive dem Läuten der Glocken in ihrer Vielstimmigkeit nicht präziser Kirche als Volk Gottes wider als einsame Repräsentanten der Hierarchie und der Wissenschaft? Wird Kirche mit Sologesang oder gemischtem Chor verbunden?

Mehr als systemrelevant?

Die Tatsache, dass der Beitrag der Kirche nicht als systemrelevant zur Krisenbewältigung eingeschätzt wurde, zeigt den Verlust des gesellschaftlichen Stellenwertes.

Die einen sehen darin einen deutlichen Hinweis, dass sich der Mehrwert der Kirche in der Krise nicht nur funktionalistischen Logiken beugen darf, sondern auf ihren eigenen, spezifisch theologischen Eigensinn zurückgeworfen wird.

Andere betonen die Notwendigkeit, gerade diesen Eigensinn in der Logik anderer Systeme plausibel zu machen. Besonders deutlich wurde diese Debatte bei der hermeneutischen Frage nach dem Handeln Gottes in der Corona-Krise zwischen Allmacht und Ohnmacht.

Broadcast church oder online church

Der Aufbruch der Kirche in den digitalen Raum war ohne Zweifel bemerkenswert und stellt einen Entwicklungsschub dar. Primär jedoch duplizierte er die bisherigen analogen, traditionellen Formen und Praktiken in den digitalen Raum („broadcast chruch“).

Nur in geringerem Maße waren die Versuche zu beobachten, sich in der Kommunikation auf die Möglichkeiten des digitalen Raumes einzulassen und sich entsprechend zu transformieren („online church“).

Partizipation sowie die Einbindung von prosumer-Strukturen prägten nur ansatzweise die digitale Präsenz – und die verwandelnden Rückwirkungen auf Form und Inhalte blieben überschaubar.

Kirche und/als Diakonie?

In den öffentlichen Debatten geriet die Kirche primär über ihre institutionelle Sichtbarkeit in den Blick, konzentriert auf Pastor*innen und gottesdienstliche Verkündigung.

Kirche als Diakonie lag gänzlich im Schatten der Wahrnehmung und wurde nur als Defizit im Blick auf Protest gegenüber den Besuchsverbotsregeln in Altenpflegeeinrichtungen und der Ausgrenzung von Menschen als Risikogruppen angemahnt.

Das Diakonie nicht nur eine Handlungsdimension von Kirche, sondern eine selbstständige Organisationsgestalt darstellt, wurde nicht thematisiert.

Schärfere Konturen in unübersichtlicher Kirchenlandschaft

Die Corona-Krise hat im Spiegel der in ihr wahrnehmbaren Kirchenbilder die Kirchenlandschaft nicht eindeutiger gemacht. Aber sie hat die ihr innewohnenden Widersprüchlichkeiten und Debattenlagen ebenso profiliert wie vitalisiert.

Mitten in der bleibenden Unsicherheit und der Notwendigkeit, sich permanent neu zu erfinden, werden die Konturen der kirchlichen Umbruchslandschaft mit ihren Ungleichzeitigkeiten, ihren Ab- und Aufbrüchen schärfer.

Wer die divergenten Facetten nur als Bestätigung der eigenen, idealisierten Kirchenbilder deuten will, greift zu kurz – egal ob er oder sie damit das Arsenal von Argumenten für eine traditionelle oder innovative Kirche füllen möchte.

Wichtiger wäre die gemeinsame Suche nach Theoriezugängen, die die Ambiguität nicht auflösen, aber in sinnvolle Verstehens-Zusammenhänge bringen und auf Zukunftsgestaltung ausrichten können.

Das Hybridmodell mit den überlappenden Dimensionen von Institution, Organisation, Gruppe und Bewegung kann dafür eine Möglichkeit sein – ebenso wie das Kirchenbild eines Netzwerkes, in dem sich plurale Räume, Formen und Beteiligungsstrukturen abbilden lassen.

Digitaler Erfahrungsaustausch von midi

midi versucht seit dem Beginn der Corona-Krise, den Corona-bedingten Innovationsschüben in Kirche und Diakonie auf die Spur zu kommen.

Dafür organisiert die Arbeitsstelle Erfahrungsaustausche via Zoom mit einem Mix aus Personen, die sich sonst in dieser Zusammensetzung nicht treffen würden.

Dieser Text gibt die wesentlichen Diskurslinien des Erfahrungsaustausches vom September 2020 wieder.

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