Diakonie ist Kirche

Von Dr. Thomas Schlegel

Interview

Am 12. Februar 2026 wurde in der Diakonie Mitteldeutschland der Fachverband „Diakonische Kirche“ gegründet. Oberkirchenrat Christoph Stolte, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Mitteldeutschland, erläutert im Interview, warum es den neuen Fachverband braucht, welche Herausforderungen die Diakonie prägen – und was diakonische Arbeit von humanistisch begründeter Sozialarbeit unterscheidet.

Lieber Herr Stolte, Sie haben heute den Fachverband „Diakonische Kirche“ für das DW Mitteldeutschland gegründet. Warum ist dieser Fachverband notwendig und was versprechen Sie sich von ihm?

Stolte: Diakonie ist Kirche Jesu Christi aus sich heraus und nicht, weil sie der verfassten Kirche rechtlich zugeordnet ist. Sie ist dieses aber auch nur dann, wenn sie die Kommunikation des Evangeliums als ihre Aufgabe in allen Kommunikationssprachen versteht. Kommunikation des Evangeliums darf dabei nicht auf Seelsorge und Geistliches Leben eingeschränkt werden, sondern insbesondere die Art der Leistungserbringung, die gelebte Unternehmenskultur und die Kultur des Managements sind Teil der Kommunikation des Evangeliums.

Ebenso ist Diakonie eine Grundaufgabe der verfassten Kirche und in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland in der Kirchenverfassung entsprechend beschrieben. Diakonisches Tun kann nicht auf diakonische Unternehmen „übertragen“ werden, sondern muss ein fester Bestandteil des Lebens sein. Wir wollen, dass diakonisches Handeln in Kirchengemeinden und Kirchenkreisen stärker wahrgenommen wird und erleben hier in den vergangenen Jahren viele ermutigende Aufbrüche.

Sie warnen vor einer „schleichenden Säkularisierung der Diakonie“. Woran würden Sie diese konkret erkennen – und wo ist sie vielleicht längst Realität?

Stolte: Ich sehe die reale Gefahr, teilweise auch Entwicklungen, dass Kommunikation des Evangeliums auf Seelsorge und Angebote Geistlichen Lebens reduziert werden. Wenn es dann finanziell enger wird, werden diese zudem zuerst gekürzt. Außerdem besteht die Gefahr, dass die von Menschen erlebte Unternehmenskultur allein nach betriebswirtschaftlichen Aspekten gestaltet wird und dabei Wirtschaftlichkeit und Kommunikation des Evangeliums als Gegensätze und nicht als eine Gesamtaufgabe der Unternehmensleitung verstanden wird. Ich erlebe auch, dass sich die Führung diakonischer Unternehmen dadurch verändert, dass immer weniger theologisch qualifizierte Personen in den Unternehmensführungen tätig sind. Da werden die erforderlichen multirationalen und immer mehrdimensionalen Entscheidungen auf wenige Dimensionen eingeschränkt.

Wenn jedes diakonische Handeln Evangelium kommuniziert: Was unterscheidet dann diakonische Arbeit noch substanziell von guter, humanistisch begründeter Sozialarbeit?

Stolte: Wenn sie soziale Arbeit auf einzelne Verrichtungen reduzieren, dann erscheint es so, dass es keinen Unterschied zwischen konfessionellen und humanistischen Trägern gibt. Bei allen erwarte ich eine fachlich hochqualifizierte und der Würde des Menschen entsprechende soziale Arbeit. Kommunikation des Evangeliums muss sich in der Gesamtkommunikation der Diakonie zeigen, von Satzung und Leitbild, Kultur, Management, pastoralem Dienst und Personalführung. Eine ethische Reflektion dessen was und vor allem wie es getan wird, muss kontinuierlich erfolgen und fester Bestandteil der Leistungserbringung und Unternehmensführung sein. In besonderem Maße sind die Grenzbereiche des Lebens, unser Umgang mit Leid, mit Sterben und Tod dabei wesentliche Kommunikationsformen des Evangeliums. Wir müssen auch aktiv kommunizieren, warum wir von unserem diakonischen Auftrag her so handeln, wie wir es tun. Also auch ohne jede Scheu in einer säkularen Gesellschaft als Kirche Jesu Christi erkennbar sein.

Die Zuordnungsrichtlinien verlangen geistliches Leben, Gottesdienste, Seelsorge, Leitbilder. Wo endet geistliche Profilbildung – und wo beginnt funktionale Frömmigkeit zur Sicherung des kirchlichen Arbeitsrechts – Ihrer Meinung nach?

Stolte: Geistliche Profilbildung dient nicht der Sicherung des kirchlichen Arbeitsrechtes, sondern die Ausgestaltung des Kirchlichen Arbeitsrechtes muss Ausdruck der diakonischen Profilbildung sein. Also keine einfache Übernahme von allen Regelungen säkularer Tarifverträge, sondern wertbezogene, eigene diakonische Akzentsetzungen. Dafür zählen für mich, dass untere Entgeltgruppen so ausgestaltet werden, dass Menschen von ihrem Entgelt leben können, auch wenn höhere Entgeltgruppen dadurch niedriger ausfallen. Dazu gehört auch der Kinderzuschlag.

Für mich sind geistliches Leben und auch Arbeitsrechtssetzung zugleich Ausdruck der diakonischen Profilbildung. Solange wir rechtlich die Möglichkeit haben, selber zu gestalten, sollten wir dieses diakonisch auch tun. Wir haben in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland 2025 die Zuordnungsrichtlinie grundhaft überarbeitet. Nun wird deutlicher, welche Aufgaben und Leistungen jeder soziale Träger, der der Kirche zugeordnet werden will, zu leisten hat. Die Einhaltung der kirchlichen Rechtssetzung ist nicht hinreichend, sondern beispielsweise pastorale Dienste, diakonische Bildung, ethische Reflektionsräume und auch Beauftragte für Geistliches Leben sind zwingend erforderlich. Nun wird deutlicher, was wir unter Diakonie als Kirche Jesu Christi verstehen.

Wenn Sie 2040 auf Kirche und Diakonie blicken: Wo wird Ihrer Meinung nach das Zentrum kirchlicher Wirklichkeit liegen – im Gottesdienst, im Sozialraum oder im Unternehmen?

Stolte:
Mein Zukunftsbild ist ein großes Netzwerk verschiedener Orte kirchlichen Lebens, dezentral organisiert und verantwortet, in verschiedenen Rechts- und Organisationsformen. Dazu zählen in besonderem Maße die Kirchengemeinden, die evangelischen Schulen und diakonischen Einrichtungen und Dienste. Menschen wählen für sich, wo sie sich kirchlich beheimaten wollen. Die Vielfalt der Orte, an denen Kirche Jesu Christi gelebt wird und die je auf ihre Art der Kommunikation des Evangeliums verpflichtet sind, ist eine große Stärke.

Was es immer weniger geben wird, ist eine Form der zentralen Steuerung. Die moderne Diakonie ist seit 200 Jahren durch eigenverantwortliche Träger geprägt, ist darin beweglich und kann sich den veränderten Zeiten anpassen. Diakonische Verbände haben beratende Funktion und keine Steuerungsmacht. Dieses ist für die verfasste Kirche eher fremd, wird aber nach meinem Eindruck die Zukunft sein, der wir ohne Sorge entgegengehen können. Kurz gesagt: Vielleicht gibt es in einem kleinen Ort keine lebendige Kirchengemeinde mehr, dafür aber eine diakonische Einrichtung, in der sich Menschen beheimaten. Dann ist dort Kirche Jesu Christi lebendig. Und das ist gut so. Hier bekommen auch diakonische Einrichtungen neue Rollen mit denen wir uns im Fachverband Diakonische Kirche beschäftigen werden.

Herr Stolte, ganz persönlich gefragt: Gab es in Ihrem eigenen Weg einen Moment, in dem Sie erlebt haben: Hier ist Diakonie tatsächlich Kirche – nicht als Theorie, sondern als Erfahrung?“

Stolte: Als ich noch Vorstand des Diakonischen Werkes – Stadtmission Dresden war, habe ich mehrmals erlebt, dass das Ritual der Aussegnung von Verstorbenen in einer Pflegeeinrichtung für nicht konfessionell geprägte Pflegende hilfereich und stärkend war, dass biblische Psalmworte und Segenszuspruch sie innerlich berührt haben. Am Ende des Lebens in dieser Welt war es möglich, in ritualisierter und dann auch vertrauter Weise Abschied zu nehmen und unseren Blick in die Ewigkeit jenseits unseres Erlebens zu richten. Trauen wir doch dem Evangelium zu, dass es ermutigend wirkt. Es ist unsere Aufgabe dies situationsgemäß, freundlich und einladend zu kommunizieren. Alles andere können wir Gott überlassen.

Wir danken herzlich für das Gespräch.