40 Minuten mit Gott und meiner Ankerzelle

Von Svenja Neumann und Jens Stangenberg

midi-Referentin Svenja Neumann hat das Online-Format „Ankerzellen” besucht. Es lädt dazu ein, sich im digitalen Raum zu begegnen, gemeinsam die Bibel zu lesen und Glaube zu teilen. Hier teilt sie ihre Erfahrungen. Im Interview erzählt Jens Stangenberg, Gründer der Ankerzellen, wie das Konzept funktioniert und wie man selbst Teil der Ankerzellen-Bewegung werden kann.

Gleich ist es so weit. Ich sitze vor meinem Laptop, räume noch schnell ein paar Dinge beiseite und logge mich ein. Pünktlich, denn beim kostenlosen Zoom-Account zählt jede Minute: nach 40 ist Schluss. Zwei Ankernde sind schon da und jetzt trudeln auch die anderen ein. Wie schön, alle wiederzusehen! Auch, wenn wir uns noch nie im echten Leben getroffen haben, ist schon nach wenigen Begegnungen Gemeinschaft gewachsen. Wir erzählen einander kurz, wie es uns heute geht und mit welchen Gedanken und Gefühlen wir an diesem Tag beisammen sind. Alle wissen, dass die Zeit begrenzt ist und trotzdem ist Raum für ein „Check in“, bei dem wir einander wahrnehmen und Stück für Stück, Woche für Woche, besser kennenlernen.

Das ist eine erstaunliche Erfahrung für mich: Dass 40 Minuten tatsächlich ausreichen, um Leben und Bibeltext zu teilen und Christus Raum in unserer Mitte zu geben. Und das alles nicht im Wohnzimmer oder Gemeindehaus, sondern per Zoom. Mit Menschen, die ganz zufällig hier beisammen sind, weil Tag und Uhrzeit gepasst haben oder weil noch ein Platz in einer Ankerzelle frei war.

Die 40 Minuten – ich gebe es zu – haben das Ganze für mich attraktiv gemacht. Ich war in den letzten Jahrzehnten fast immer Teil einer kleinen Gemeinschaft, die Glaube und Leben geteilt hat – meist in einem Hauskreis. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mich zunehmend erschöpft, einen ganzen Abend pro Woche zu investieren. Und doch sehnte ich mich nach dem Bibellesen in Gemeinschaft – nur vielleicht anders als bisher. Dann las ich von den Ankerzellen und staunte: 40 Minuten und nicht mehr, dazu eine klare Fokussierung auf einen Bibeltext – könnte es das sein, was ich gesucht habe?

Im Moment kann ich diese Frage klar mit „Ja“ beantworten und ich frage mich, ob die Ankerzellen auch für andere ein Weg sein könnten, mit Christus in Kontakt kommen oder zu bleiben. Auch für die, deren Leben voll und laut ist. Oder die zu Tageszeiten Bibel lesen wollen, die für die eigene Gemeinde unattraktiv sind (es gibt auch Ankerzellen um 6 oder 21 Uhr). Oder diejenigen, in deren Gemeinde es keine Haus- oder Bibelkreise gibt, die aber eine Sehnsucht nach Bibel und Austausch in sich spüren. Vielleicht sogar für Menschen, die schon einen Hauskreis haben und sich zusätzlichen Austausch wünschen oder Hauptamtliche, die mal nur ein:r unter vielen sein wollen.


Interview mit Ankerzellen-Gründer Jens Stangenberg

Lieber Jens Stangenberg, wann und wie ist die Idee der Ankerzellen entstanden?

Die erste Pilotgruppe startete im Herbst 2020 – mitten in der Corona-Pandemie. Zunächst sollte es nur eine Überbrückung sein. Doch dann zeigte sich: Dieses Format trägt weit über die Krise hinaus. Inzwischen gibt es 18 Ankerzellen, konfessionell gemischt, aus allen Teilen Deutschlands.

Wie läuft das Treffen einer Ankerzelle ab?

Ankertreffen dauern 40 Minuten und folgen einem 12-schrittigen Ablauf. Die Schritte selbst sind dabei nicht das Entscheidende. Wichtiger ist, dass die Gruppe gemeinsam verschiedene Bewusstseinshaltungen durchläuft. Ziel ist eine innere Fokussierung und Resonanzerfahrung auf der Grundlage biblischer Texte.

Was ist dir besonders wichtig im Blick auf die Ankerzellen?

Entscheidend ist, dass die Äußerungen der Teilnehmenden nicht kommentiert oder bewertet werden. Nur so entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre. Das schafft die Grundlage für ein Bibellesen aus verschiedenen Perspektiven. Durch ein „hörendes Herz" erreichen uns biblische Texte in unserer inneren Tiefe.

Was können Ankerzellen und was können sie nicht?

Ankerzellen sind eine Reduktion auf Kernelemente des christlichen Glaubens. Zu einem christlichen Leben gehört jedoch weit mehr. Deswegen ist es gut, in eine größere Gemeinschaft eingebunden zu sein. Allerdings finden nicht alle eine passende Kirchengemeinde vor Ort. Hier können Ankerzellen die Rolle einer digitalen Mini-Gemeinde übernehmen.

Gibt es die Ankerzellen nur in Bremen?

Nein, die Idee wurde zwar in der Zellgemeinde Bremen geboren, die Gruppen waren aber von Anfang an offen für alle Interessierten. Ankerzellen sind digitale Treffen. Es ist möglich, von jedem Ort mit Internetzugang daran teilzunehmen.

Kann ich auch eine Ankerzelle starten?

Ja. Alle, die sich in die Ablauflogik und die Grundwerte hineindenken und erste Erfahrungen sammeln möchten, können anschließend Ankerzellen starten. Am Dienstag, den 17. März, werden zwei Termine angeboten, um das Ankerformat kennenzulernen. Die Treffen finden um 9 Uhr und um 19 Uhr statt und dauern jeweils eine Stunde. Um den Zoom-Link zu erhalten, ist es nötig, sich einen Account auf der Website ankerzellen.de zu erstellen:

Wo finde ich weitere Informationen?

Weitere Erklärungen zum Ankerformat sind auf der Website ankerzellen.de zu finden. Druckfrisch ist gerade ein Buch zu diesem Thema erschienen: „Ankerzellen – Im Wort Gottes ankern und die Resonanz des Geistes spüren".

Erfahrungsbericht und Interview: Svenja Neumann