Kommt es, oder kommt es nicht?

Von Alexandra Battenberg

Alexandra Battenberg hat Wirtschaftspädagogik, Psychologie und Theologie studiert und ist Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Österreich sowie Referentin am Werk für Evangelisation und Gemeindeaufbau. 2017 und 2018 hat sie an einem Gemeindegründungsprojekt der Anglikanischen Kirche mitgearbeitet, zu dem sie derzeit promoviert. In ihrem Gastbeitrag setzt sie sich mit aktuellen Entwicklungen rund um das sogenannte „Quiet Revival” in England auseinander und reflektiert diese vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen vor Ort.

Zum „Quiet Revival” in England

Kommt es, oder kommt es nicht? Das „Quiet Revival“ nämlich – jene lang ersehnte Trendwende, die nach Jahren der religiösen Dürre endlich wieder Regen bringen soll.

Noch vor Kurzem waren es die ernüchternden Ergebnisse der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, welche die Zukunftsperspektive der Kirchen prägten.1 Doch so manches ließ in den letzten Monaten aufhorchen: In England vermeldete die Bible Society2 für das Jahr 2024 eine Vervierfachung des Gottesdienstbesuchs der 18- bis 24-Jährigen (im Vergleich zum Jahr 2018), einen Anstieg der Kirchgänger von 3,7 Millionen auf 5,8 Millionen sowie diverse andere erstaunliche Zahlen.3 In Frankreich überraschte die katholische Kirche mit einem Rekord an Erwachsenentaufen.4 In Österreich erbrachte eine Studie das Ergebnis, dass die Gruppe der 14- bis 25-Jährigen häufiger als der Durchschnitt an Gott bzw. eine göttliche Wirklichkeit glaubt, und dieser Glaube im Leben dann auch eine größere Rolle spielt.5

Gleichzeitig warnten Expert*innen vor einer Überinterpretation, kritisierten mangelnde Kontextinformationen und stellten die Frage nach methodischen Mängeln.

Für zusätzliche Verwirrung sorgte, dass die Bible Society Ende März 2026 ihren Bericht zurückzog, nachdem sie vom internationalen Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov (welches die Daten für ihre Studie bereitgestellt hatte) informiert worden war, dass es Probleme bei der Datenerhebung gegeben hätte (Details in der Endnote6 . Gleichzeitig hielt der CEO der Bible Society in einer Videobotschaft fest, dass dies nicht automatisch bedeuten würde, dass die Ergebnisse falsch seien – sondern nur, dass man nun nicht mehr mit ausreichender [wissenschaftlicher] Sicherheit sagen könne, ob sie richtig seien oder nicht.7

Ergänzend dazu betonte die Bible Society in einem neuen Bericht, dass es gewichtige Gründe gäbe, dass die Kernaussagen des (zurückgezogenen) Berichts dennoch zutreffen8 : Als Belege angeführt wurden beispielsweise gestiegene Bibelverkaufszahlen9 , ein wachsender Markt für christliche Musik10 oder auch wissenschaftliche Studien, welche in Bezug auf das Vereinigte Königreich das Interesse junger Menschen an Glaubensthemen dokumentieren.11

Dass die Zahlen des (zurückgezogenen) Berichts nicht ganz aus der Luft gegriffen waren, zeigt auch ein Vergleich mit der offiziellen Kirchenstatistik der Church of England (S. 5)12 : Diese spricht für das Jahr 2024 von einer durchschnittlichen wöchentlichen Besucherzahl von 702.000 Personen, und passt damit zum (zurückgezogenen) Bericht der Bible Society, der von 1,9 Millionen Menschen ausging, die „mindestens einmal pro Monat“ (!) einen anglikanischen Gottesdienst besuchten (S. 6 und 13 des ursprünglichen Berichts). Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Bericht der Bible Society ironischerweise genau auf Grund dieser beiden Zahlen immer wieder scharf kritisiert wurde, die Kritik dabei aber Äpfel mit Birnen (bzw. in diesem Fall wöchentliche und monatliche Besucherzahlen)13  verwechselte.14

Gleichzeitig übersieht die hier angeschnittene Diskussion einen bemerkenswerten Punkt: Denn ironischerweise deutet ja die Tatsache, DASS es diese Diskussion gibt, darauf hin, dass sich „etwas“ tut. Plötzlich hat das herrschende Narrativ vom unausweichlichen Niedergang von Religion und Kirche – auch in den öffentlichen Medien15 - Konkurrenz bekommen durch das Narrativ einer jungen Generation, die neu auf der Suche ist nach Sinn und Spiritualität.

Man könnte auch sagen: Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Doch selbst, wenn dort (noch?) kein Feuer sein sollte, wird allein der unbestreitbare Diskussions-Rauch Menschen in Bewegung setzen.

Einen Eindruck davon bekamen mein Mann und ich letztes Jahr: In den Jahren 2017 und 2018 waren wir im Rahmen eines Forschungsprojektes bereits Teil einer anglikanischen Gemeindegründung gewesen. Schon damals konnten wir viel Inspirierendes mitnehmen, allerdings war die Stimmung nicht vergleichbar mit dem, was wir bei unseren beiden letzten Reisen im Jahr 2025 erlebten: Wo wir auch hinkamen, erzählten unsere Bekannten von Jugendveranstaltungen, die in größere Hallen verlegt werden mussten, von Studierenden, die plötzlich in den Gottesdienst kamen, und von Jugendlichen, die aus dem Nichts mit Fragen auftauchten. Ihre Begeisterung war ansteckend – und es wäre sehr verwunderlich, wenn dieses neue Narrativ keine Auswirkungen hätte auf die Bereitschaft der aktiven ChristInnen, andere einzuladen, bzw. auch umgekehrt auf die Offenheit der Gesellschaft, sich einladen zu lassen.

Die Behauptung, dass sich in England „etwas“ tut, wird weiter – wie bereits erwähnt – unterstützt durch handfeste Fakten – wie z.B. die massiv gestiegenen Bibel-Verkaufszahlen, über welche die renommierte Tageszeitung „The Guardian“ unlängst berichtete.16

Von daher stellt sich die Frage: Was können wir als Kirche tun, angesichts der sich abzeichnenden Veränderungen?

Erstens: Wir müssen als Kirche „auffindbar“ sein.

Das ist zunächst nichts grundsätzlich Neues. Neu ist, dass sich die Sinnsuche zunehmend in die digitale Welt verlagert und Social Media gerade auch den Jüngeren als „niedrigschwellige Informationsquelle zu den verschiedenen Religionen“17 dient. Hier wäre ein Ausbau der Online-Präsenz von Pfarrpersonen wünschenswert, auch als Gegengewicht zu radikalisierenden religiösen Online-Angeboten.

Wie hoch das Potenzial von digitalen Angeboten ist, konnte ich im letzten halben Jahr selbst nachprüfen: Im September begann ich, kurze Videos zu Glaubensthemen auf Instagram zu stellen. Gehofft hatte ich auf ein paar hundert Aufrufe, geworden sind es zum Teil hunderttausende, und unzählige Anfragen zu Glaubensthemen.

Darüber hinaus ist es wichtig, es den Menschen möglichst einfach zu machen, über das Internet eine passende Kirche in ihrer Nähe zu finden. Die Website „A Church Near You” (der Name ist Programm) der anglikanischen Kirche macht vor, wie das geht - und verzeichnet stetig wachsende Aufrufzahlen.18

Zweitens: Wir müssen unsere eigenen Schätze neu entdecken.

Ein viel zu wenig beachteter Aspekt der Diskussion ist, dass offenbar nicht alle Kirchen im gleichen Ausmaß von dem gestiegenen spirituellen Interesse profitieren: So deuten die Anzeichen darauf hin, dass vor allem die katholische Kirche sowie die Pfingstkirchen Zuwachs verzeichnen19 .

Auch wenn hier noch weitere Untersuchungen nötig sein werden, ist offenbar zum einen das Althergebrachte und Beständige gefragt, zum anderen eine gewisse Offenheit für Mystik und spirituelle Erfahrungen. Die große Herausforderung für die Evangelische Kirche wird hier sein, nicht zu versuchen andere Konfessionen zu kopieren, sondern die eigenen Schätze in theologischer Verantwortung neu zur Sprache zu bringen – man denke beispielsweise an die Weisheit der Bekenntnisschriften, oder auch an die evangelische Mystik, wie sie etwa bei Zinzendorf und den Herrnhutern zu finden ist.

Glaubenskurse und weiterführende Kurse für Mitarbeitende werden dabei eine Schlüsselrolle spielen. Dies ist unmittelbar einsichtig, wenn man bedenkt, dass eine wachsende Anzahl von Menschen ihre religiöse Bildung von mehr oder weniger seriösen Influencern aus dem Internet bezieht. Als Evangelische haben wir hier aus unserem reformatorischen Erbe heraus viel zu geben 20 : ein Glaube, der bedingungslos allen offensteht (sola fide), der quer steht zu einer unbarmherzigen Leistungsgesellschaft (sola gratia) und gleichzeitig zur reflektierten Eigenverantwortung im Gespräch mit der Schrift einlädt (sola scriptura), und seinen Dreh- und Angelpunkt hat in Christus – Gott, der Erlöser, zum Anfassen und Staunen (solus Christus).

Ein befreundeter Pfarrer macht im Moment vor, wie die Wiederentdeckung der alten Schätze gehen könnte: Noch vor wenigen Jahren hätte ich ihn ausgelacht für seine „Lutherische Rüstzeit für junge Leute zu den Bekenntnisschriften der Evangelischen Kirche A.B.“, und ihm dringend geraten, zumindest einen moderneren Titel zu suchen. Jetzt, im Jahr 2026, war die Freizeit innerhalb weniger Tage ausgebucht.

Drittens: Wir müssen beten wie Elia.

Im Alten Testament findet sich eine bemerkenswerte Geschichte (1. Könige 18): Im Land hat es seit Jahren nicht geregnet, und der Prophet Elia betet. Immer wieder schickt er seinen Diener, um nach den ersehnten Wolken Ausschau zu halten. Immer wieder kehrt dieser mit der ernüchternden Nachricht zurück: „Es ist nichts zu sehen.“ Doch Elia betet weiter. Dann, endlich, beim siebten Mal: eine kleine Wolke am Himmel, und plötzlich ist der Regen da.

Gebet ist der Dreh- und Angelpunkt. Denn letztlich ist es der dreieinige Gott, der wirkt, und dessen Handeln wir mit Spannung erwarten dürfen. Auch bei uns.


Fußnoten

  1. Vgl. 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung. Zur Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft - https://kmu.ekd.de/
  2. Vgl. The Quiet Revival: Gen Z leads rise in church attendance. Der Bericht ist nun leider nicht mehr online verfügbar.
  3. Einen Überblick zu den Ergebnissen der Studie gibt Michael Herbst im IMK-Newsletter No. 15 (Oktober 2025) - https://www.i-m-k.org/wp-content/uploads/2025/10/Newsletter-IMK-015-250908-Kolumne-MH-Quiet-Revival-1.pdf
  4. Vgl. Frankreichs Kirche verzeichnet neuen Rekord bei Erwachsenentaufen - https://katholisch.de/artikel/60772-frankreichs-kirche-verzeichnet-neuen-rekord-bei-erwachsenentaufen?utm_source=ig&utm_medium=social&utm_content=link_in_bio#:~:text=Wie%20die%20Franz%C3%B6sische%20Bischofskonferenz%20am,des%20christlichen%20Lebens
  5. Vgl. Was glaubt Österreich? Ein interdisziplinäres Mixed-Methods-Projekt zu Sinn-, Wert- und Glaubensvorstellungen. Die Studie der Universität Wien (erschienen im Jahr 2025) ist abrufbar unter:  https://wasglaubtoe.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_wasglaubtoe/Was_glaubt_OEsterreich_Endbericht_Quantitativer_Teil.pdf?utm_source=ig&utm_medium=social&utm_content=link_in_bio
  6. Normalerweise gibt es Qualitätskontrollsysteme, die sicherstellen, dass die Teilnehmenden ihren Wohnsitz auch tatsächlich im Vereinigten Königreich haben und dass die Umfrage auch nicht öfters als einmal ausgefüllt werden kann. Außerdem werden Teilnehmende aussortiert, welche unaufmerksame oder willkürliche Antworten geben. Teile dieser Kontrollsysteme funktionierten während der Umfrage 2024 offenbar nicht ordnungsgemäß. Vgl. https://www.biblesociety.org.uk/quiet-revival-faqs)
  7. Vgl. A Message from our CEO, Paul Williams - https://www.biblesociety.org.uk/the-quiet-revival
  8. Vgl. The Quiet Revival report one year on – what’s the story? - https://bible-society.directus.app/assets/4e08929c-6148-49f6-9269-757f6ba3d87d
  9. Vgl. Review of the Year: Genres – Non-fiction slips again, but religion and memoir shine - https://www.thebookseller.com/features/features/review-of-the-year-genres-non-fiction-slips-again-but-religion-and-memoir-shine
  10. Vgl. Official Charts Company launches new Official UK Christian & Gospel Singles Chart - https://www.officialcharts.com/chart-news/official-charts-company-launches-new-official-uk-christian-gospel-singles-chart/
  11. Vgl. GLOBAL RELIGION 2023. Religious Beliefs across the World. A 26-country Global Advisor survey (S. 11, 16 und 18) - https://www.ipsos.com/sites/default/files/ct/news/documents/2023-05/Ipsos%20Global%20Advisor%20-%20Religion%202023%20Report%20-%2026%20countries.pdf
  12. Vgl. Church attendance statistics - https://www.churchofengland.org/about/data-services
  13. Originalton der Kritik: “You don’t have to have a PhD in mathematics to spot that 702,000, the number actually counted by vicars attending parish churches last year, is an awful lot smaller than the 1.9m the Quiet Revival claimed.” – Das stimmt. Aber erstes ist der durchschnittliche wöchentliche Besuch, zweiteres die Anzahl der Kirchgänger, die „mindestens einmal pro Monat“ einen Gottesdienst besuchen. Vgl. CofE attendance is up - but it’s no quiet revival - https://www.premierchristianity.com/opinion/cofe-attendance-is-up-but-its-no-quiet-revival/20463.article
  14. Eine Tatsache, auf welche einer der Studienautoren mit aller Deutlichkeit hinweist: I am a Quiet Revival researcher. Here's what the critics are missing - https://www.premierchristianity.com/opinion/im-a-quiet-revival-researcher-heres-what-the-critics-are-missing/20493.article?adredir=1
  15. So zum Beispiel unlängst in der NZZ: Eine Sehnsucht nach Transzendenz und Tradition: Warum immer mehr junge Franzosen in die katholische Kirche eintreten - https://www.nzz.ch/international/warum-immer-mehr-junge-franzosen-sich-der-katholischen-kirche-zuwenden-ld.1916592?utm_source=ig&utm_medium=social&utm_content=link_in_bio
  16. Vgl. ‘It’s younger people seeking some sort of spirituality’: UK Bible sales reach record high - https://www.theguardian.com/world/2026/jan/10/its-younger-people-seeking-some-sort-of-spirituality-the-rise-of-uk-bible-sales
  17. Calmbach, M. u.a. (2024): Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland. Eine SINUS-Studie.
  18. Vgl. Church of England attendance rises for fourth year - https://www.churchofengland.org/media/press-releases/church-england-attendance-rises-fourth-year?utm_source=chatgpt.com
  19. Sowohl der zurückgezogene Bericht der Bible Society (S. 18) als auch der aktuelle Bericht (ab S. 39) enthalten Anzeichen in diese Richtung. Vgl. dazu auch den Artikel in Fußnote 18.
  20. Vgl. Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 2017. Ein Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 2014 (4. Auflage, 2015)