Wie wollen wir miteinander Kirche sein?

Von Tabea Fischer

Interview

Tabea Fischer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle Missionale Kirchen- und Gemeindeentwicklung (MKG) am Center for Empowerment Studies. In ihrer Arbeit bewegt sie sich an der Schnittstelle von Empirie und theologischer Praxis. Im Interview erzählt sie, wie Kirche das Feld der Wirkungsorientierung auf vielfältige Weise gewinnbringend für sich nutzen kann. Am 21. April 2026 ist Tabea Fischer mit einem Workshop bei der diesjährigen midi-Frühjahrstagung dabei – eine Gelegenheit, konkrete Impulse aus der Forschung für eine Kirche mit Wirkung kennenzulernen.


Liebe Frau Fischer, was heißt für Sie Wirkung? 

Tabea Fischer: Der Begriff Wirkung bezeichnet eine Veränderung, die in Folge einer bestimmten Ursache eintritt.

Kirche will sich verändern und muss zugleich beachten, welche Kräfte ihr zur Verfügung stehen. Wie nähert sie sich dem Thema Wirkungsorientierung am besten an? 

Tabea Fischer: Indem sie sich neu fragt, welchen Unterschied sie für wen machen will und wie sie sich dieser Zielidee am besten nähert. Dabei stellt sich vielleicht auch heraus, dass Kirche einige Ziele mit anderen Akteur:innen ihres Sozialraums teilt. In dieser Anschlussfähigkeit liegt großes Potential!

Kann man die Wirksamkeit von Gottes Reich messen?

Tabea Fischer: Die Psychologin in mir sagt: Man kann alles messen, was klar definiert ist. Da hakt dann die Theologin ein und sagt: Genau hier liegt das Problem! Wir können nur erfassen, was wir meinen von Gottes Reich verstanden zu haben. Und wer hat hier die Deutungshoheit? Mein aktueller Ansatz damit umzugehen ist, mit einer konkreten „Gemeinschaft der Heiligen“ an diesen Fragen zu arbeiten.

Das heißt, kirchliche Wirksam- und Selbstwirksamkeit ist dort messbar, wo man auf die Gemeinschaft vor Ort schaut? 

Tabea Fischer: Es braucht eine konkrete Gemeinschaft, ob sie nun durch eine Gemeinde, ein Projekt oder ein Innovationsprogramm wie die Erprobungsräume zusammengehalten wird, um sich erst einmal darüber zu verständigen, welche Wirkungen angestrebt werden. Spannender als das Messen finde ich es dann, den impliziten „Wirkannahmen“ der Engagierten auf die Schliche zu kommen: In welchen Zusammenhang setzen sie ihr Handeln und die Wirkung?

Dazu forschen Sie am CES. Kann man es so zusammenfassen, dass Sie individuelle Erfahrungen missionarischer Gemeinden evaluieren und daraus allgemeinere Wirksamkeitskriterien ableiten?

Tabea Fischer: Nein, eben nicht. Der bisher skizzierte Zugang ist einer, der nach konkreten, kontextspezifischen „Theorien des Wandels“ fragt und auf Partizipation setzt. Es gibt aber auch andere Ansätze, wie z.B. das Vitalitäts-Modell des ZAP oder das Flourishing-Modell vom IMK, die versuchen, mögliche Wirkziele von Kirche auf einer allgemeineren Ebene zu operationalisieren. Das hängt sehr vom jeweiligen Erkenntnisinteresse ab.

Sie plädieren dafür, sozusagen die „Wirkungswirkung“ in den Blick zu nehmen, und implizite Wirkannahmen durch Praxiserfahrungen immer wieder neu scharfzustellen? 

Tabea Fischer: Ja. Das Thema Wirkung ist genuin praxisnah. Gemeinsam zu reflektieren, sich über handlungsleitende Annahmen auszutauschen und sie durch Erfahrungen und Feedback zu validieren, wären erste niedrigschwellige Schritte Richtung Wirkungsorientierung. So vorzugehen hinterfragt das eigene Handeln, aber es bringt auch näher zueinander, motiviert und setzt Selbstwirksamkeit frei – so berichten es einige Engagierte.

Dagegenzuhalten wäre, dass die Landeskirchen zugleich wirtschaftlich handlungsfähig bleiben müssen.

Tabea Fischer: Das widerspricht sich nicht unbedingt. Mir ist es aber wichtig zu zeigen, dass das Thema mehr zu bieten hat als ökonomische Optimierung und Ressourcensteuerung. Diese Vorbehalte bringen uns nämlich um die Chance, die darin liegt uns der Wirkungsfrage zu stellen. Sie lädt uns dazu ein, uns neu darüber verständigen, wie wir Kirche sein wollen und lässt uns nach guten Wegen suchen, diese Aushandlungsprozesse zu gestalten.