Kleiner werdende Kirche, wachsende Teilnahme
Ein Blick in die EKD-Statistik 2024
Statistiken über das kirchliche Leben werden meist als Verlustanzeige gelesen. Sinkende Mitgliederzahlen, weniger Taufen, weniger Trauungen. Der Vergleich der beiden jüngsten Erhebungen der EKD für die Jahre 2023 und 2024 erzählt jedoch eine doppelte Geschichte. Sie handelt von einer Kirche, die zahlenmäßig kleiner wird und zugleich mehr Menschen in ihren Gottesdiensten, Konzerten und Veranstaltungen versammelt als im Jahr zuvor. Wer allein auf die Mitgliederkurve blickt, übersieht diese zweite Bewegung. Und gerade sie verdient zuerst Aufmerksamkeit. Grundlage des folgenden Artikels sind die Äußerungen des kirchlichen Lebens, die die EKD jährlich im Sommer veröffentlicht, zuletzt im Juli 2026 für das Jahr 2024.1
Die versammelte Kirche wächst
Der auffälligste Befund betrifft den Heiligen Abend. An den Christvespern des Jahres 2024 nahmen rund 5,70 Millionen Menschen teil, gut 324.000 mehr als 2023 und damit ein Zuwachs von 6,0 Prozent. Damit setzt sich eine Erholung fort, die sich schon in den Vorjahren abzeichnete und für die die Schätzungen der EKD bereits über fünf Millionen Teilnehmende erwarten ließen.2
Der Weihnachtsgottesdienst bleibt der reichweitenstärkste kirchliche Anlass des Jahres, und er gewinnt gegenwärtig wieder an Zuspruch. Der Zuwachs beschränkt sich aber nicht auf die eine Nacht im Jahr. Die durchschnittliche Teilnahme an den Sonntagsgottesdiensten stieg 2024 auf gut 474.000 Menschen, ein Plus von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr.3
Bemerkenswert ist dies vor allem deshalb, weil die Zahl der gefeierten Sonntagsgottesdienste im selben Zeitraum um 3,3 Prozent zurückging. Es werden also weniger Gottesdienste gefeiert, die einzelne Feier aber ist im Schnitt besser besucht. Gemessen an der kleiner gewordenen Mitgliedschaft stieg die Gottesdienstbeteiligung von 2,4 auf 2,6 Prozent der Kirchenmitglieder. Auch das Abendmahl wird wieder häufiger geteilt. Rund 4,59 Millionen Menschen empfingen es, 4,3 Prozent mehr als im Vorjahr.
Noch deutlicher fällt der Zuwachs im Gemeindeleben aus. Die Kirchengemeinden richteten 2024 rund 141.600 Veranstaltungen und Seminare aus, 8,2 Prozent mehr als 2023, und erreichten damit gut 9,24 Millionen Teilnehmende, ein Plus von 9,3 Prozent. Besonders die Kirchenmusik zog Menschen an. An kirchenmusikalischen Veranstaltungen nahmen 5,38 Millionen Menschen teil, ein Zuwachs von 11,3 Prozent. Auch die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erreichte mit 928.000 Teilnehmenden 5,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Am kräftigsten aber wuchsen die Bildungsformate. Veranstaltungen über theologische Fragen legten bei den Teilnehmenden um 27,1 Prozent zu, Seminare über soziale Fragen um 26,4 Prozent. Wo Kirche zum Nachdenken und zum Gespräch einlädt, findet sie offenkundig wachsendes Interesse.
Stabil blieb schließlich das ehrenamtliche Engagement. Mit rund 886.000 Ehrenamtlichen bewegte sich die Zahl der freiwillig Mitarbeitenden praktisch auf dem Vorjahresniveau.4 In einer Zeit, in der die Mitgliederbasis schrumpft, ist bereits das Halten dieser Größe ein Erfolg. Und selbst bei den Kirchenaustritten deutet sich Entspannung an. Mit rund 352.600 Austritten verließen 2024 etwa 23.600 Menschen weniger die Kirche als 2023, ein Rückgang um 6,3 Prozent.
Wo die volkskirchliche Breite schwindet
So ermutigend die Teilnahmezahlen sind, so klar zeigt dieselbe Statistik die andere Bewegung. Die Kirche wird kleiner. Zum Jahresende 2024 zählte die EKD rund 17,98 Millionen Mitglieder, gut 586.000 weniger als ein Jahr zuvor, ein Rückgang um 3,2 Prozent. Getragen wird dieser Rückgang neben den Austritten vor allem von der demografischen Schere aus Sterbefällen und ausbleibenden Taufen.
Am stärksten schrumpfen die Kasualien, also jene Amtshandlungen, die über Generationen den Rhythmus volkskirchlicher Zugehörigkeit bildeten. Die Zahl der Kindertaufen brach um 17,4 Prozent ein, von rund 124.800 auf 103.100. Kein anderer Wert der gesamten Erhebung fällt so deutlich. Die Trauungen gingen um 15,1 Prozent zurück, von knapp 28.000 auf 23.700. Auch die kirchlichen Bestattungen nahmen um 7,6 Prozent ab, und die Konfirmationen sanken um 3,3 Prozent. Selbst die Aufnahmen, Übertritte und Wiederaufnahmen, also die Wege in die Kirche hinein, verringerten sich um 10,6 Prozent.
Diese Zahlen benennen einen strukturellen Vorgang. Die Kasualien setzen ein Milieu voraus, in dem die kirchliche Begleitung von Geburt, Heirat und Tod selbstverständlich ist. Genau diese Selbstverständlichkeit schwindet. Der Rückgang der Kindertaufen ist dabei der Frühindikator, denn er entscheidet über die kirchliche Bindung der nächsten Generation. Rückläufig war 2024 zudem das digitale Gottesdienstangebot, das um 9,7 Prozent abnahm. Nach dem Schub der Pandemiejahre normalisiert sich hier ein Format, dessen Nachfrage mit der Rückkehr in die Präsenz sinkt.
Bemerkenswert ist die Gleichzeitigkeit beider Bewegungen. Während die volkskirchliche Fläche schmaler wird, verdichtet sich die versammelte Teilnahme. Die Kirche verliert an Breite und gewinnt an Beteiligungsintensität. Eben deshalb steigt die Gottesdienstquote je Mitglied, obwohl die absolute Mitgliederzahl fällt.
Regionale Eigenheiten
Der gesamtkirchliche Blick verdeckt, wie unterschiedlich sich die Lage in den vier Regionen darstellt. Die EKD-Statistik fasst ihre Gliedkirchen zu den Regionen Nord, Ost, Süd und West zusammen. Gerade hier liegen die aufschlussreichsten Auffälligkeiten.
Am dynamischsten zeigt sich der Norden, der die Landeskirchen von Bremen über Hannover und die Nordkirche bis Oldenburg umfasst. Hier fielen die Teilnahmezuwächse durchweg am höchsten aus. Die Kirchenmusik gewann 19,9 Prozent an Teilnehmenden, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen 13,2 Prozent, und der Heiligabendbesuch legte um 8,7 Prozent zu. Die Seminare über soziale Fragen erreichten im Norden fast doppelt so viele Menschen wie im Vorjahr. Zugleich fiel hier der Rückgang der Austritte mit 2,7 Prozent am schwächsten aus. Der Norden gewinnt an Beteiligung, ohne die Austrittsbewegung im selben Maße bremsen zu können wie die anderen Regionen.
Am eigenwilligsten ist das Bild im Osten mit den Kirchen in Berlin und Brandenburg, in Mitteldeutschland, Sachsen und Anhalt. Der Osten ist die einzige Region, in der die Aufnahmen und Wiederaufnahmen 2024 nicht sanken, sondern um 3,8 Prozent zunahmen, getragen vor allem von Wiederaufnahmen und von Übertritten aus der katholischen Kirche. Auch die Erwachsenentaufen stiegen hier als einzige Region leicht an. Bemerkenswert ist zudem, dass im Osten die Zahl der Christvespern um 17,3 Prozent zunahm, weit stärker als die Teilnehmendenzahl selbst. Zugleich trägt der Osten die stärksten Verluste bei den lebenszyklischen Amtshandlungen. Die Kindertaufen sanken um 20,7 Prozent und die Bestattungen um 13,7 Prozent, jeweils die höchsten Rückgänge aller Regionen. Der Osten erscheint so als Region kleiner, aber innerlich beweglicher Kerngemeinden, in denen bewusste Zuwendung zur Kirche und rascher volkskirchlicher Schwund unmittelbar nebeneinander liegen.
Der Süden mit Baden, Bayern, der Pfalz und Württemberg ist die Region des breitesten und stetigsten Zuwachses. Die durchschnittliche Gottesdienstteilnahme stieg hier um 7,4 Prozent, die Abendmahlsteilnahme um 6,3 Prozent, und die Zahl der Veranstaltungen wuchs um 14,5 Prozent. Als einzige Region verzeichnete der Süden zudem einen spürbaren Zuwachs an Ehrenamtlichen von 2,2 Prozent. Hier wird auch ein besonders hoher Anteil der Kinder noch im ersten Lebensjahr getauft, was auf eine vergleichsweise intakte kirchliche Frühbindung hindeutet.
Der Westen schließlich, der von Hessen und Nassau über das Rheinland bis nach Westfalen reicht, zeigt ein gemischtes Bild. Hier ging die Zahl der Austritte mit 8,3 Prozent am stärksten zurück, ein deutliches Zeichen nachlassender Abwendung. Gleichzeitig verzeichnete der Westen mit 14,3 Prozent den kräftigsten Rückgang bei den Aufnahmen. Die Teilnahmezuwächse fielen moderater aus als im Norden und im Süden. Der Westen stabilisiert sich also eher an seinen Rändern, ohne die Beteiligungsdynamik der beiden anderen Regionen zu erreichen.
Fazit
In der Zusammenschau ergibt sich ein klares Bild. Die evangelische Kirche verliert dort, wo Zugehörigkeit lange selbstverständlich war, und sie gewinnt dort, wo Teilnahme zur Entscheidung wird. Die schrumpfende Zahl der Kindertaufen und Trauungen markiert das Ende einer volkskirchlichen Fläche, die sich über Amtshandlungen von Generation zu Generation reproduzierte. Die wachsende Teilnahme an Gottesdiensten, Konzerten und Seminaren markiert die Kontur einer Kirche, die stärker über Beteiligung und weniger über die stille Zugehörigkeit vieler lebt.
Diese Verschiebung deckt sich mit dem, was sich am Heiligen Abend seit Jahren beobachten lässt. Der Weg führt weg von der maximalen Breite und hin zu größerer Affinität. Wer heute kommt, kommt bewusster. Für die kirchliche Praxis liegt darin beides, eine Verheißung und eine Zumutung. Die Verheißung besteht darin, dass Kirche als Ort der Versammlung, der Musik und des Gesprächs offenkundig gefragt bleibt. Die Zumutung besteht darin, dass sich niemand mehr auf die stille Bindung der vielen verlassen kann.
Für die kirchliche Praxis bedeutet die Entwicklung, dass dort, wo die Beteiligung wächst, es gilt, aus Anlässen dauerhafte Beziehungen werden zu lassen. Wo die Kasualien wegbrechen, darf kirchliche Nähe an den biografischen Wenden von Geburt, Heirat und Tod neu erfahrbar gemacht werden, wie dies mit den Tauffesten und Segenshochzeiten bereits passiert. Die Statistik der Jahre 2023 und 2024 beschreibt keinen bloßen Niedergang. Sie beschreibt einen Formwandel, dessen Ausgang offen ist. Die Kirche wird kleiner, und sie versammelt wieder mehr. Beides gehört zusammen, und beides will verstanden werden.
Fußnoten
- Grundlage der folgenden Angaben sind eigene Berechnungen aus den Zusammenfassungen der beiden Statistikbände. Vgl. Evangelische Kirche in Deutschland, Die Äußerungen des kirchlichen Lebens im Jahr 2024, Hannover 2026, sowie dieselbe, Die Äußerungen des kirchlichen Lebens im Jahr 2023, revidierte Fassung, Hannover. Alle Prozentangaben beziehen sich auf den Vergleich der Jahre 2023 und 2024. ↩
- Vgl. Daniel Hörsch, „Wie sich der Besuch evangelischer Gottesdienste am Heiligen Abend verändert“, midi-Magazin, 12. Januar 2026, https://www.mi-di.de/magazin/gottesdienstbesuch-an-heiligabend (abgerufen am 27.8.26) ↩
- Im Band 2023 enthält das Zusammenfassungsblatt zu Gottesdienst und Abendmahl in den mit Nord, Ost, Süd und West überschriebenen Spalten keine Regionalwerte, sondern Zeitreihenwerte früherer Jahre. Die hier verwendeten Regionalwerte 2023 dieses Themenfeldes wurden deshalb aus den Gliedkirchentabellen eigenständig aggregiert und gegen den im Quellblatt ausgewiesenen EKD-Wert geprüft. ↩
- Die Gesamtzahl der Ehrenamtlichen wird jährlich erhoben und ist zwischen beiden Jahren unmittelbar vergleichbar. Die Aufgliederung nach Arbeitsfeldern wird nur in geraden Jahren erhoben und lag für das Jahr 2023 nicht vor. ↩