Was sind eigentlich Erprobungsräume?

21. November 2019 | Juliane Kleemann | midi

Neues entsteht nur durch den Mut und die Lust, Experimente zu wagen und nicht zu wissen, ob und wie das klappt, was da versucht wird. Sicher ist nur, dass das Wissen hinterher breiter ist als vorher und das gilt: alles, was funktioniert, haben wir vorher einmal ausprobiert, aber nicht alles, was wir ausprobieren, funktioniert auch.

Kirchliche Experimente

Die Erprobungsräume, die Stück für Stück in den Landeskirchen „erlaubt“ werden, sind Experimentierräume, in denen Gemeinden, Gruppen, Initiativen versuchen, neben die bekannten und so oder so bewährten Formen christlich gemeinschaftlichen Lebens anderes zu setzen.

Freie Gemeindewahl vs. Wohnortprinzip

Der Anlass ist nahezu immer erst einmal der gleiche. Es ist die Erkenntnis, dass die über viele Jahre, Jahrzehnte bewährte Form einer zumeist parochial geprägten Kirche mit ihren konkreten Zuständigkeiten nach dem Wohnortprinzip ins Wanken geraten ist.

Aus dem lange geltenden Schicksal, aufgrund des Wohnortes und der Prägung im Elternhaus zu einer bestimmten Gemeinde zu gehören ist zunehmend die Wahl geworden. Wir nähern uns mit diesem Befund wieder dem urchristlichen Zustand. Menschen entscheiden sich wie in vielen anderen Lebensbereichen auch, ob und wenn ja wo sie sich zu einer Gemeinde zugehörig wissen.

Erprobungsräume verändern Kirche auf allen Ebenen

Die Erprobungsräume sind dabei aber nicht nur ein Experimentierfeld auf der Ebene von Gemeinden oder Kirchenkreisen bzw. Dekanaten. Langfristig werden sie Auswirkungen auf die Gesamtstruktur und die Gesamtorganisation Kirche haben.

Berufs- und Rollenbilder werden sich verändern, also weiterentwickeln, das Finanzierungssystem wird sich verändern, die Gremienstruktur und -zuständigkeit – kurz: die gesamte Kirche auf allen Ebenen wird sich verändern.

Villa Wertvoll – Erprobungsraum der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Erlaubnis für leicht chaotische Zustände

Die Erprobungsräume bieten für alle Kirchen die Chance, aus dem Gelingen wie aus dem Scheitern Schlussfolgerungen zu ziehen. Sie sind ein riesiges Lernfeld für alle.

Um das Lernen so umfänglich wie möglich zu „erlauben“, brauchen die Erprobungsräume viel Freiheit, auch die „Erlaubnis“ von leicht chaotischen Zuständen. Denn eines ist klar: im Regelkreislauf hat Aufbruch, Innovation, Neues keine Chance.

Lernraum für missionarische Kirchenentwicklung

Für midi sind die Erprobungsräume ein sehr guter Lernraum für die Frage nach einer missionarischen Kirchenentwicklung – auch weil die Landeskirchen hier sehr unterschiedliche Wege gehen und zum Teil schon von den Erfahrungen der anderen gelernt haben. Denn eines haben alle Erprobungsräume gemein: Die Strukturherausforderung war der Anlass, aber die Sehnsucht nach einem erfahrbaren und relevanten lebendigen Evangelium ist der Grund aller Erprobungsräume.

Die Beymeister – Erprobungsraum der Evangelischen Kirche im Rheinland

Erprobungsräume in den evangelischen Landeskirchen