Virus: effektiv, allgegenwärtig, entgöttert

10. Juni 2020 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Sie sind winzig und allgegenwärtig: Viren. Sie sind rätselhaft, sie können wie das Coronavirus unerwartet auftauchen. Der Naturwissenschaftler Harald Lesch ist beeindruckt: „Wir können uns nahezu perfekt vor der Natur schützen, nur den Bakterien und Viren gelingt es immer wieder, uns anzugreifen, und manchmal gewinnen sie den Kampf.“[1]

Wir Menschen bewohnen sämtliche Klimazonen der Erde, passen uns ständig an die Umwelt an. Aber wir sind nie allein: Viren gehören neben Bakterien zu den einzigen Lebewesen, die man außer Menschen in allen Zonen der Erde findet. Viren sind hocheffektive Krankheitsauslöser, sie verursachen neben Erkältungen oder Magen-Darm-Durchfall auch gefährlichere Krankheiten wie Influenza, Masern, Polio, Hepatitis, Ebola, HIV oder Tollwut.

Übrigens: Viele Virologen zählen sie gar nicht zu den Lebewesen, denn sie benötigen zur Vermehrung den Stoffwechsel einer Wirtszelle. Egal ob Lebewesen oder nur infektiöse organische Struktur – ein Virus (SARS-CoV-2) hat es geschafft, als potentieller Krankheitsverursacher innerhalb kurzer Zeit die Welt wirtschaftlich, politisch und kulturell auf den Kopf zu stellen.

Virus ist lateinisch für: Schleim, Geifer oder Gift

Irgendwie ahnte man wohl schon vor Jahrtausenden, dass z. B. Hundespeichel mit der Übertragung von Tollwut auf Menschen zu tun habe. Viren als Ursache für Krankheiten wurden aber erst ab Ende des 19. Jahrhunderts überhaupt identifiziert. Trotzdem haben Menschen schon sehr früh gespürt, dass sie hier einem Gegner gegenüberstehen, dem sie nicht gewachsen sind.

Den Betern des Psalm 91 wird deshalb der „Schirm des Höchsten“ zugesprochen, damit sie nicht erschrecken müssen „vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt“ (V. 6).

Das Unheimliche einer nicht fassbaren Krankheit zeigt die Grenzen menschlichen Vermögens radikal auf.

Das uralte Bild von der Flucht unter einen höheren Schirm wird gerade wieder für wirtschaftliche Rettungsmaßnahmen benutzt.

Was macht dieses Virus mit uns?

Der weise Theologe Fulbert Steffensky stellt fest: „Das Virus hält uns mit seiner Allgegenwart so im Bann, dass unser Denken, unsere Wahrnehmungen und unsere Wünsche verformt werden. Corona zwingt uns dazu, hauptsächlich uns selber wahrzunehmen und zu beachten.“ Und die Folge? „Corona verlangt, was alle Götzen verlangen, nämlich dass man Angst vor ihnen hat“.[2]

Wir brauchen also neben Wachsamkeit und Abwägungen auch eine Art von Götzenkritik, damit uns nicht die Angst oder die Sorge regieren, sondern Gottes guter Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.

Die Entgötterung des Virus

Für mich gehören zum Angst-Exorzismus, zur Entgötterung des Virus wie unserer Reaktionen:

  • Glaubenskraft. Das große Vertrauen, diese Welt liegt in Gottes Hand, komme, was da wolle. Wir sind nicht allein, die Zukunft dieser Welt wird Gottes neue Welt sein. Der dort auf uns wartet, ist derselbe, der für die Welt gestorben und auferstanden ist.
  • Alltagstreue. Ein Ja zu allem, was meine Aufgaben auch unter erschwerten Bedingungen sind. Ich brauche nicht vor Gefahren wegzulaufen oder mich nur noch um meine Interessen zu kümmern. Ich darf das getrost tun, was in meiner Kraft liegt.
  • Außenblick. Ein wachsamer Blick auf das, was mir mit dieser Welt und meinen lokalen wie weltweiten Nächsten anvertraut ist. Wir brauchen einander mehr denn je. Wenn die Krise dies wieder stärkte, hätte sie neben allem Chaos auch etwas Gutes.
  • Schönheitssinn. Gegen die Angst steht auch die Freude an all dem kleinen und großen Schönen, das uns in reichem Maß geschenkt wird. Blumen blühen mit enormer Farbkraft, Ausgesätes geht auf, die Sonne scheint, und es gibt Erdbeeren mit Vanille-Eis. (Hier bitte die eigenen kleinen Freuden einsetzen...)

Durch Angst verformt?

Die Gallier um Asterix in dem kleinen unbesiegbaren Dorf fürchten niemand und nichts außer dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt. Und selbst diese Furcht ist eigentlich überflüssig.

Seit Bethlehem ist der Himmel bei uns angekommen. Am Kreuz hat der Himmel unseren Platz eingenommen. Seit der Auferstehung steht der Himmel allen offen, die ihm vertrauen. Gottes Nähe hat einen Namen: Jesus Christus.

Niemand, auch kein Virus, kann uns von dieser Liebe Gottes trennen.

„Neue Worte“ – lesen Sie auch

Titelbild: Volodymyr Hryshchenko auf Unsplash


[1] Harald Lesch, Klaus Kamphausen, Die Menschheit schafft sich ab, München 2018, 73.

[2] Fulbert Steffensky in: Zeitzeichen 6/2020, 10.