Systemrelevant: Die Wirkung der Übersehenen

22. Mai 2020 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Plötzlich sind sie sichtbar geworden: Die Menschen im Hintergrund, die unser System, den Betrieb der Gesellschaft am Laufen halten. Geklatscht wird etwa für den Einzelhandel, für die in der Mobilität, für die in der Landwirtschaft oder die im Gesundheitswesen.

Ihre Entlohnung aber spiegelt ihre Relevanz selten wieder. Und so müsste das Klatschen für die Übersehenen auch gesellschaftliche Selbstverpflichtung werden, um ehrlich zu sein: ihre Dienstleistungen sollten uns mehr kosten dürfen als wir bisher bereit waren zu zahlen. Sonst klaffen Wert und Einfluss systemsprengend auseinander.

Wie systemrelevant ist Kirche?

Wie systemrelevant sind Gottesdienste, wie präsent sind in der Krise Verkündigung, Seelsorge, Diakonie und Gemeinschaft?

Die gelernte Pfarrerin und ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht wirft der Kirche vor, sie hätten die Menschen weitgehend allein gelassen. Für den Wiener Theologen Ulrich Körtner zeige die Nichterwähnung der Kirchen, Religion sei in der Krise nicht systemrelevant. Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, sieht es völlig anders: Die Kirche ist „im wahrsten Sinne des Wortes systemrelevant“, „ohne ihren Beistand werden viele Menschen nicht ohne Schäden durch die Krise kommen können“.

Verrückte Welt: Die Kirche wird intern heruntergemacht, extern dringend ersehnt.

Wo, für wen und wodurch sollte die Kirche Jesu relevant sein?

Die soziale Zusammensetzung der urchristlichen Gemeinde in Korinth lässt sich relativ gut rekonstruieren. In ihr traf eine enorme Spannweite der Gesellschaft zusammen, von den Sklaven und Tagelöhnern der Hafen- und Handelsstadt, den „Leuten der Cloe“ mit typischen Sklavennamen, bis hin zu den Einflussreichen der städtischen Gesellschaft wie dem wohlhabenden Krispus oder Erastus (vermutlich städtischer Finanzchef).[1]

Welche Konflikte sich aus dieser Spannweite ergaben, kann man im 1. Korintherbrief spüren. Paulus aber erkennt dahinter eine gemeinsame Grundlage: Die Botschaft vom Sterben und Auferstehen Jesu für alle Menschen („das Wort vom Kreuz“) hat Menschen zusammengebracht, die sich sonst nie näherkommen würden. Und an den Übersehenen erkennt Paulus das systemändernde Handeln Gottes:

Werte und Ansehen werden auf den Kopf gestellt, für Gott sind die im Hintergrund relevant.

Er sucht sich die Machtlosen aus, die Geringen und Verachteten, um die Welt zu erneuern und zu verändern. (1. Kor 1,18ff)

Ist Religion eine Verliererin der Corona-Krise?

Die moderne Gesellschaft wird gerne als Nebeneinander verschiedener Systeme analysiert („funktionale Differenzierung“). Der Bonner Soziologe Rudolf Stichweh stellt erstaunt fest: In der Corona-Krise werde historisch erstmals das Gesundheitssystem als Krankheitssystem das Ganze der Gesellschaft. Daneben sieht er aktuell nur noch zwei weitere Hauptrollen frei, für das Politiksystem und für das Wissenschaftssystem.

Alle anderen Systeme (Massenmedien, Wirtschaft, Sport, Kunst etc.) geraten in den Hintergrund. Das System der Religion hält Stichweh sogar für einen potentiellen Verlierer der Corona-Krise: Weil dessen verdichtete Nähe (physische Anwesenheit aller Beteiligten) sich als besonders virulenter Krisenherd erweise und v.a. weil nirgendwo religiöse Deutungsvarianten des Krisengeschehens verfügbar seien oder eine relevante Rolle spielten.[2]

Digitale Kirche schafft Kontakte zu Anderen ohne gefährdende körperliche Nähe.

Einmal abgesehen davon, dass Karneval, Tourismus oder Sportereignisse sehr viel mehr Virus-Hotspots körperlicher Nähe boten, entschärfen die Kirchen die Ansteckungsgefahr gerade durch das freiwillige Verlegen von Gottesdiensten in den digitalen Raum. Mit erstaunlichen Nebenfolgen: Noch nie waren so viele Gemeinden im Netz aktiv und dort zu finden, eine Fülle von kreativen Ideen schafft Kontakte zu Anderen ohne gefährdende körperliche Nähe.

Gott wirkt durch die Unscheinbaren und Übersehenen

Schwerer wiegt der Vorwurf der Irrelevanz mangels Deutungsangeboten. Wer allerdings Evangelium, Kirche und Glauben vor allem für Deutungslieferanten hält, übersieht, was nicht an der Oberfläche auftaucht: Dass Gott gerade durch die Unscheinbaren und Übersehenen wirken will und kann.

Deutungsangebote sind schnell und reichlich auf dem Meinungsmarkt. Das Unbedeutende und manchmal Versuchsweise der Gemeinden produziert keine Lautstärke, es bietet Bewältigungshilfe, Trost und Unterstützung als breites soziales Netz. Und das ist in Gottes Augen höchst systemrelevant.

Hat Kirche die Menschen in der Krise im Stich gelassen?

Ich habe es anders wahrgenommen: Es entstanden wunderbare Ideen, es gab Telefonate und schriftliche Grüße für Ältere, Kranke und Einsame, zu greifen waren geistliche Impulse auf Wiesen und an Straßen oder zum Mitnehmen auf Wäscheleinen, Unterstützung wurde organisiert, zu hören waren Kurzpredigten oder Choräle auf Dorfplätzen, in Innenhöfen und Quartieren.

Meines Wissens wurden keine Kolleg*innen von Trauerbegleitungen ferngehalten. Die rheinische Kirche etwa hat sehr schnell reagiert, hat zu Ostern wichtigen Zeitungen in ihren Bundesländern eine Osterbotschaft beigelegt samt einer Anleitung zu häuslichem Gottesdienst.

Die Corona-Krise bietet Chancen, Gottes Sicht als Haltung einzuüben.

Als Anfrage an unsere irrigen Selbstbilder von Selbstüberschätzung (alles dreht sich um mich) oder Selbstunterschätzung (ich bin nicht wichtig): Wie kann ich mir Wert und Funktion in Gottes Systemlogik („Reich Gottes“) zusprechen lassen?

Wer braucht mich hier und jetzt?

Als Entdeckung von Verantwortung im lokalen und regionalen Bereich: Wer braucht mich hier und jetzt? Wie stehe ich vor Ort ein für das Evangelium und für Bedürftige? Und als Offenheit für nationales und globales Denken: Wer sind die im Hintergrund, die Unterstützung brauchen? Wie kann ich Gottes Maßstäbe zur Erhaltung der Schöpfung glaubhaft leben?

Die jüdische Dichterin Mascha Kaleko sagt: „Die lob ich mir, die leise tun und beten. Doch viel zu laut sind mir, die leise treten.“[3]

Gottes systemrelevante Menschen sind keine Leisetreter, sondern Leisetuer und Leisebeter. Und beides brauchen wir gerade dringend.

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[1] Nachweise bei Gerd Theissen, Soziale Schichtungen in der korinthischen Gemeinde, ZNW 65, 1974.

[2] Rudolf Stichweh, Simplifikation des Sozialen, FAZ 7. April 2020.

[3] Mascha Kaleko, Sei klug und halte dich an Wunder, dtv 9 Aufl. München 2019, 71.

Titelbild: engin akyurt auf Unsplash