Sorry, no kisses

23. April 2020 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Viele Zeichen der Nähe und der Sympathie sind in Zeiten einer viralen Pandemie nicht mehr möglich. Hände schütteln, abklatschen, umarmen, der französische Begrüßungskuss ‚la bise‘ – all das geht nicht, es könnte ja das Corona-Virus übertragen. Freundlichkeit und Zuneigung zeigen sich – jedenfalls außerhalb der engsten Beziehungen – höchstens in Worten oder als Lächeln auf Distanz, vielleicht mit einer Herz-Geste der Hände. Sorry, no kisses.

Die Community der Nächstenliebe trifft das hart.

Für Christenmenschen ist das eine schwierige Situation: Sie gehören zu einer Gemeinschaft der Nähe, sind Teil einer Community der Nächstenliebe. Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus sucht Formen der Liebe, möchte Zuneigung und Fürsorge ausdrücken, was kulturelle Gewohnheiten oft verändert hat.

Der soziale Zusammenhalt der Christen war einer ihrer Erfolgsfaktoren in der antiken Welt: von solch einer Gemeinschaft wurden viele angezogen. Das Christentum im römischen Reich verfügte, wie der Soziologe Rodney Stark analysierte, durch seine gelebten Sozialbeziehungen „über die beste aller Marketingtechniken: die direkte, persönliche Beeinflussung“. (Rodney Stark, Der Aufstieg des Christentums, Weinheim 1997, 243.)

„Grüßt einander mit dem heiligen Kuss!“

In den Briefen des Neuen Testamentes steht mehrfach die auffällige Formulierung: „Grüßt einander mit dem heiligen Kuss!“ (1. Kor 16,20 u.ö.). Offensichtlich gab es nicht nur den Verratskuss des Judas, mit dem Jesus ausgeliefert wurde. Es gab auch dieses Zeichen der Liebe, Ausdruck der Verbundenheit in den sich neu bildenden Gemeinden.

Noch im zweiten Jahrhundert n. Chr. war dieser sogenannte heilige Kuss als liturgische Geste beim Beginn der Abendmahlsfeier bekannt. Heute entspräche ihm vielleicht der Friedensgruß in der Abendmahlsliturgie.

Küssen geboten?

Als Heranwachsender hätte ich schon gewusst, neben wen ich mich wohl gerne setzen würde und neben wen nicht, wenn es im Gottesdienst Küsse gegeben hätte.

In unserer Wuppertaler Gemeinde kam Ende der 80er Jahre ein junger Mann zum Glauben, der eifrig anfing, in der Bibel zu lesen. Ich beobachtete eines Sonntagmorgens vor der Kirche die interessante Begegnung, als er nach der Lektüre einer dieser Stellen einer älteren Dame aus der Gemeindeleitung begegnete – einer ausgesprochen feinen Kleiderfachverkäuferin, die viel auf Stil und Benehmen hielt.

Er stürzte auf sie zu und küsste sie zu ihrem Schrecken herzlich. Als sich klärte, was er da umsetzen wollte, ging sie mit großer Gelassenheit damit um. Er hatte etwas von der Herzlichkeit der Gemeinschaft in Christus verstanden. Und er lernte schnell, dass Zeichen der Liebe zu hier, zu heute und zu unserer Kultur passen müssen.

Zeichen der Liebe sind ein attraktives Kennzeichen der christlichen Gemeinde.

Der heilige Kuss als Zeichen der Liebe hat sich in der christlichen Kirche nicht durchgesetzt. Er wäre auch heute missverständlich und für viele schlicht übergriffig. Dennoch bleiben Zeichen der Liebe ein attraktives, ein auffälliges, ein unersetzbares Kennzeichen der christlichen Gemeinde.

Versöhnung durch das Kreuz ist die Wurzel des Friedensgrußes, solidarische Liebe der Ursprung der Kollekte, Reich-Gottes-Hoffnung der Anfang jedes Kampfes gegen Krankheit und Leiden, Anteilnahme an anderen und Vertrauen auf Gott spiegeln sich in konkreten Fürbitten.

Nähe und Fürsorge in Zeiten von Corona

Ich staune, wie viel Fantasie Gemeinden derzeit entwickeln, um die notwendigen Distanzen zu überbrücken, die untersagten Gottesdienste anders stattfinden zu lassen, die Alleingelassenen zu unterstützen und das Evangelium digital vernehmbar zu halten. Ich bin sicher, es wird ganz viel an Nähe und Fürsorge gelebt, von denen öffentlich kaum berichtet wird.

Was braucht mein Nächster, wenn er nichts zurückgeben kann?

Vor einiger Zeit bekam ich diesen Satz zugesandt: „Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten.“

Was braucht mein Nächster, wenn er nichts zurückgeben kann? Was braucht meine Nächste, wenn ihr Leben aus dem Tritt geraten ist? Wenn ich nichts Liebenswertes an ihm, an ihr erkennen kann? Einen Nächsten, eine Nächste brauchen sie, so wie wir alle.

Gott hat mich herausgebliebt

Genauso hat Gott mich gesucht und gefunden, hat mich herausgeliebt aus meiner Gottesferne, ist in Jesus mein Allernächster geworden, hat diese große Berufung über mein Leben gestellt: Du sollst deinen Nächsten lieben, denn er ist wie du.

Als Horst Seehofer zu Beginn der Virus-Krise Angela Merkels Hand nicht mehr schütteln wollte, – normalerweise ein gewaltiger Fauxpas –, hat CNN das zum Beginn einer neuen Etikette ausgerufen. Werden wir uns das Händeschütteln abgewöhnen?

Freundlichkeit, Zuneigung, Liebe und Solidarität haben immer Saison.

Niemand weiß, welche Formen der Nähe, welche Zeichen der Liebe sich in diesen Zeiten neu entwickeln, welche aus der Mode geraten werden. Eines aber ist sicher: Freundlichkeit, Zuneigung, Liebe und Solidarität haben immer Saison, egal wie sie sich ausdrücken mögen.

Titelbild: Shawnn Tan auf Unsplash