ora@labora – Coworking in der Kirche

2. November 2020 | Dr. Tobias Kirchhof | midi

Kirchliche Coworking-Spaces als Orte modernen Arbeitens und Glaubens

Nicht erst seit der Corona-Pandemie merken viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, dass mobiles Arbeiten möglich und sinnvoll ist. Die Arbeitswelt transformiert sich. Mussten bisher nur die Arbeitnehmenden flexibel und mobil sein, so sind es heute auch die Arbeitsplätze.

Homeoffice bietet dabei nur einen Teil der Lösung. Zu Hause stoßen manchmal die technischen Voraussetzungen an ihre Grenzen oder Familienangehörige beeinträchtigen die Arbeitsatmosphäre. Durch den fehlenden Austausch mit Kolleginnen und Kollegen droht bei Homeoffice die Arbeits-Vereinsamung – bei Single-Haushalten sogar existentielle Einsamkeit – einhergehend mit psychischen Erkrankungen.

Deshalb entstehen seit einigen Jahren in den Städten und auch auf dem Land Coworking-Spaces. Fabriketagen werden umgebaut oder ganze Bauernhöfe. Diese Räume reagieren auf die Zunahme der mobilen Arbeit und die Grenzen des Homeoffice. Sie bieten

  • schnelles Internet,
  • leistungsfähige Drucker,
  • eine ruhige Arbeitsumgebung,
  • kurze Arbeitswege
  • und alle den „besten Kaffee der Welt“.

Neben diesen wichtigen Details ist aber ein weiteres entscheidend, das schon im Namen steckt:

Gemeinschaft

Der wesentliche Vorteil ist das Arbeiten in einer Arbeitsgemeinschaft, in der man sich austauschen und untereinander helfen kann, wo Freundschaften geschlossen oder auch gemeinsam die Kinderbetreuung organisiert werden kann. Coworking ist die moderne Antwort auf eine sich individualisierende Form der Arbeit und Wertschöpfung.

Gemeinschaft ist auch eine Kernkompetenz der christlichen Kirche.

Nicht nur dass Gemeinschaft (griechisch: Koinonia) zu den vier Grundvollzügen der Kirche überhaupt gehört – neben Diakonie, Zeugnis und Liturgie. Kirche ist überhaupt nicht denk- und praktizierbar ohne die Gemeinschaft der Glaubenden – auch wenn sie vor Ort manchmal sehr klein ist.

Wenn sich also die Gemeinschaftsformen derzeitig verändern, so gilt dies auch für die christlichen Gemeinschaften. Die Kirchen erleben es an sich selbst unmittelbar. Eine Perspektive für Gemeinden könnte darin bestehen – Gastgeberinnen von Coworking-Spaces zu werden und sie damit zu „Kirchlichen Coworking-Spaces“ zu machen.

Geschenkter Raum

Zweitausend Jahre Christentum haben die Kirchen hierzulande mit einem großen Geschenk gesegnet. Sie besitzen Raum in Form von Immobilien. Immobilien, die selten rund um die Uhr genutzt werden, die oft zentral und gut erreichbar gelegen sind. Gemeint sind neben den Kirchen vor allem die Gemeindehäuser und Gemeindezentren.

Sie können zu „Gemeinschaftsarbeitsorten“ bzw. Coworking-Spaces werden. Manche sind sogar barrierefrei oder wenigstens barrierearm und können so Menschen mit Behinderung Arbeitsraum bieten.

Die Gemeinden wären damit nicht nur schwerpunktmäßig in der Freizeit für die Menschen relevant, sondern können mit ihren Möglichkeiten in der Arbeitszeit und im Arbeitsprozess dienstbar sein.

Ökonomie und Mission

Natürlich hat Kirche ein Eigeninteresse daran, wenn sie Coworking-Spaces in ihren Räumen einrichtet. Neben der finanziell erfolgreichen und sinnvollen Bewirtschaftung der eigenen Immobilien kann sie aber durchaus auch selbstbewusst die ihr eigene Glaubens-, Arbeits- und Lebenskultur in den Arbeitsprozess einspeisen.

So könnten Kirchliche Coworking-Spaces nicht nur gemeinschaftsfördernde Pausen in ihrem Konzept berücksichtigen, sondern vielleicht auch einen geistlichen Arbeitsbeginn – und sei es nur einmal im Monat oder in der Woche.

Sie sind Arbeitsplätze, wo man sich gegenseitig helfen kann und füreinander betet.

Kirchliche Mitarbeitende hätten selbstverständlich ihre Arbeitsplätze im allgemeinen Arbeitsbereich und wären so ansprechbar für Fragen des Glaubens. Überhaupt wäre die kirchliche Arbeit dadurch transparenter zumindest in der Wahrnehmung der Coworkerinnen und Coworker.

Der Satz: „Ich gehe in die Kirche.“, dürfte durch Kirchliche Coworking-Spaces häufiger fallen und gewönne eine neue Selbstverständlichkeit.

Diakonische Dimension

Coworking heißt auch, Menschen in ihrem Arbeitsalltag zu unterstützen. Gemeinsam lohnt sich bspw. der 3D-Drucker, den man sich allein nie leisten – wohl aber brauchen würde. Oder hier gibt es das ganz schnelle Internet, das auch den Transfer riesiger Daten schafft.

Gerade für diejenigen, die keinen Spitzensteuersatz zahlen, könnten Kirchliche Coworking-Spaces konzipiert sein: mit günstigen Platzmieten. Oder als Büroplatz für gemeinnützige Vereine, die sich kein eigenes Büro leisten können und sowieso als Arbeitsplatzanbieter für Diakonie und Caritas, wenn die es brauchen.

Die so oft bemühte Orientierung am Sozialraum könnte hier eine ihrer konkreten Umsetzungen erfahren und Kirche zur relevanten Größe im Kiez machen. Gerade wenn Kirche und ihre vielen Gemeinden in den kommenden Jahren durch einen Konsolidierungsprozess gehen müssen, so sollte man nicht vorschnell Immobilien aufgeben, die sich für Coworking eignen.

Immobilien zu behalten, sichert Kirche die Möglichkeit gestalterisch und kulturprägend in der Gesellschaft präsent zu bleiben und so das Evangelium in neuer Form zu verkündigen.

Was bisher geschah

In den vergangenen Jahren haben sich bereits viele Gemeinden auf den Weg gemacht, in ihren Räumlichkeiten Coworking-Spaces anzubieten. Der Trend geht von den großen Städten aus, setzt sich aber ungebrochen auf dem Land fort. Gemeindehäuser und auch Kirchen werden umgebaut und neuer Arbeitsraum wird geschaffen.

Diesen Trend aufnehmend fand sich bei dem Hackathon #glaubengemeinsam im April 2020 eine Gruppe unter dem Titel ora@labora zusammen, die gemeinsam Ideen und Konzepte zu Kirchlichen Coworking-Spaces sammelte.

Leitfaden für Kirchliche Coworking-Spaces

Daraus erwuchs der Wunsch, die EKD möge mit einem Leitfaden Gemeinden in der Transformation ihrer Räume unterstützen. Dieser Aufgabe hat sich midi angenommen und entwickelt nun zusammen mit weiteren Partnern aus Ökumene, Immobilienwirtschaft und Wissenschaft diesen Leitfaden.

Und jetzt?

Jetzt entwickeln wir diesen Leitfaden. Er soll als digitale Broschüre veröffentlicht und somit allen Gemeinden – egal welcher Konfession – zur Verfügung stehen.

Wenn Sie mitarbeiten möchten oder wichtige Erfahrungen und Hinweise haben, dann kontaktieren Sie uns bitte! Am besten direkt Tobias Kirchhof.

Titelbild: CoWomen auf Unsplash