Nähe jenseits von 1,50

2. April 2020 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Ein Meter fünfzig ist die neue Maßeinheit für korrekten Abstand. Kein Händeschütteln mehr, keine Umarmung, kulturell tief eingewurzelte Muster werden einfach ausgesetzt. Die Enkelinnen treffen mich derzeit nur am Bildschirm, die alte Schwiegermutter im Heim dürfen wir nicht mehr besuchen, sie versteht das kaum.

Wir kommen alle schlecht zurecht mit diesem „merkwürdigen Zustand des Eingefrorenseins und des Gehorsams“ (Paul Nolte)[1]. Aus gewohnter Nähe ist räumliche Distanz geworden:

Gefährdet das, obwohl medizinisch geboten, Mitmenschlichkeit und innere Nähe?

Nähe ist ein Grundbedürfnis, lebenslang, für Kinder wie für Erwachsene. Je näher wir jemand an uns heranlassen, uns jemand nähern, um so vertrauter sind wir.

Gemeinschaft der Glaubenden gestalten

Geradezu hochaktuell ist unser vor wenigen Monaten erschienenes Buch „Gemeinschaft der Glaubenden gestalten“, denn es thematisiert Nähe und Distanz in neuen sozialen Formen.

Birgit Dierks schrieb in der Einleitung: „Nähe hat nach Bernhard Spielberg mehrere Dimensionen: eine räumliche, sachliche, zeitliche und soziale. Diese Dimensionen müssen nicht zusammenfallen. Im Zeitalter von Internet und Facebook leuchtet dies sofort ein. Auch wenn man weit entfernt lebt, kann man recht hautnah und in Realzeit am Leben von Menschen teilnehmen und auf diese Weise Nähe leben. Andererseits gibt es auch innere Distanz in räumlicher Nähe.“[2]

Derzeit wird Nähe vor allem telefonisch oder digital gelebt, unter den Grenzen, die eine E-Mail, ein Post in sozialen Netzwerken, ein Videoclip oder eine Videokonferenz naturgemäß haben. Möglicherweise werden Vielen diese reduzierten Formen von Kommunikation bald auf die Nerven gehen – die ersten Auswertungen zu schwierigen Folgen längerer Isolation stehen längst im Netz.

Und innere Distanz kann man sowieso kaum überspielen, egal ob direkt oder digital.
Plakat der Verkehrssicherheitskampagne „Liebe braucht Abstand
Gott sucht Nähe.

Eine Grundbewegung der Bibel ist: Gott sucht Nähe. Jesus spiegelt Gottes Wesen, sagt Paulus (Kol 1,15), in ihm ist Gott „gegenwärtig als schöpferische Liebe, die aus Tod Leben, aus Übel Gutes, aus Nichts Sein schafft“[3].

Es fasziniert mich, dass Jesus das gesamte Spektrum von Nähe gezeigt, erlebt, gesucht und geschenkt hat. Gleich im ersten Kapitel nennt das Markus-Evangelium die Gegenwart Jesu ‚Evangelium‘, eine gute Nachricht von der Nähe Gottes.

  • Sein Vetter Johannes tauft ihn im Jordan – dabei wird Jesus die unbedingte Liebe Gottes zugesprochen.

Ich sehe: Gottes Nähe bringt den Zuspruch seiner Liebe.

  • Danach führt ihn Gottes Geist in die Wüste, wo er sich alleine seinen Anfechtungen stellt.

Ich staune: Selbst der Sohn Gottes muss durch die Einsamkeit, um anderen Nähe schenken zu können.

  • Jesus kündigt öffentlich Gottes Nähe-Programm an: ‚Die Zeit ist erfüllt, die Herrschaft Gottes ist nahe, wagt Umkehr und vertraut dieser guten Nachricht‘.

Ich werde verlockt: In Umkehr und Vertrauen entsteht Nähe zu Gott und zu anderen.

Jesus zeigt, lebt und verkörpert Gottes Herrschaft.

„Sie kommt hier und jetzt, nicht in ferner Zukunft, irgendwann und irgendwo. Sie kommt als barmherzige, befreiende, schöpferische Liebe, die nichts so lässt wie es ist, sondern alles neu macht. Wo sie kommt, vergeht das Alte, Üble, Ungerechte und von Gott Trennende und beginnt das Neue, Gute, Gerechte und von Gott Gewollte wirklich zu werden.“[4]

Also beginnt Markus mit 24 Stunden konzentrierter Erfahrungen der Nähe Gottes (Markus 1,16-35):

  • Am See trifft Jesus die ersten Jünger: Mehr als seine Einladung zur Nachfolge braucht es nicht, damit sie alles stehen und liegen lassen.

Es fordert mich heraus: Gottes Nähe schafft Bewegung hinter Jesus her.

  • Anschließend legt er in der Synagoge von Kapernaum die Schrift aus. Es berührt die Menschen tief.

Ich höre: Gottes Nähe begegnet uns in seinem Wort.

  • Einen erreicht das besonders, einen schwer Belasteten, dessen psychische Fesseln sich in der Nähe Jesu lösen.

Ich staune: Gottes Nähe vertreibt zerstörende Mächte.

  • Als Gast im Hause des Petrus berührt er dessen fiebernde Schwiegermutter, um sie zu heilen. Folge: Abends ist Jesus umringt von vielen Kranken und Gebundenen, die in seiner Nähe Heilung suchen.

Ich hoffe: Gottes Nähe kann heilen.

  • Und am Morgen, vor Sonnenaufgang, zieht sich Jesus zurück zum Gebet.

Ich lerne: Wer anderen Nähe anbieten will, braucht Zeit alleine mit dem Vater im Himmel.

Wie kann ich in diesen Zeiten Nähe bewahren?

Wie kann ich Nähe bewahren, was kann unsere Nähe sein in Zeiten räumlich notwendiger Distanz?

Ein paar Vorschläge

  • Oft reicht schon ein freundlicher Blick oder Gruß. Wir sind ausgehungert nach Freundlichkeit. Derzeit grüßen einander unbekannten Spaziergänger häufiger, die Viruszeit erzeugt eine Grundsolidarität.
  • Nähe kann Nachfragen sein. Die einfache Frage „Wie geht es dir?“ kann, wenn sie ernst gemeint ist, eine der nahesten Fragen überhaupt sein. Ich muss nur genügend Zeit für den Austausch mitbringen.
  • Nähe findet im Beten für andere statt: in diesen Zeiten wird an vielen Orten parallel gebetet. Die berühmte Stelle in Matthäus 18,19f über die ‚zwei oder drei in seinem Namen‘ sagt nur dass, nicht wie sie zusammen sind. Das ist erstaunlich offen auch für digitale Zeiten formuliert.
  • Nähe setzt ein, was mir möglich ist: z.B. durch Hilfeleistungen, bewusste Bestellungen bei in ihrer Existenz bedrohten Firmen oder Spenden für Organisationen, die in Flüchtlingslagern arbeiten.
  • Nähe entzieht sich nicht, wo Zuhören ersehnt wird. Wir können einander kaum etwas Besseres schenken als Zuhören – es ist der Grundklang jeder Seelsorge.

Übrigens

Im Deutschen werden das hebräische wie das griechische Wort für ‚Nachbar‘ übersetzt mit „Nächster“. Nächstenliebe ist immer kreativ, sie schafft Nähe auch bei räumlicher Distanz.

Der brasilianische Bischof Helder Camara weiß: „Bei einem steckengebliebenen Auto reicht ein kleiner Stoß von einem befreundeten Auto. Bei müden und mutlosen Seelen reicht manchmal sogar noch weniger“.[5]


[1] Interview mit Bascha Mika, Frankfurter Rundschau-Online, 27.3.2020.

[2] H.-H. Pompe / C. Oelke (Hg.), Gemeinschaft der Glaubenden gestalten. Nähe und Distanz in neuen Sozialformen, (KiA27), Leipzig 2019, 14.

[3] Ingolf U. Dalferth, Wirkendes Wort, Leipzig 2018, 56.

[4] Dalferth, aaO. 50.

[5] Helder Camara, Mach aus mir einen Regenbogen, Zürich 1989, 20.