Nach der Pandemie? Weiter mit leichtem Gepäck.

14. Mai 2021 | Hans-Hermann Pompe

Wie geht es weiter mit Kirche und Gemeinden, mit Diakonie und innovativen Projekten, wenn die Pandemie abebbt, sich weitgehend als beherrschbar erweisen sollte, wenn sie möglicherweise eher auf lästig zurückgestuft wird wie die jährliche Grippewelle?

Ich vermute drei mögliche Reaktionen: Rücksturz, Aussetzen oder Fortsetzung.

Rücksturz

Wir machen da weiter, wo wir im März 2020 aufgehört haben. Dann überwinden wir die Unterbrechung, das war eine Versuchung der Kirche 1945: Wir machen da weiter, wo wir 1933 aufgehört haben. Wo das herrschend war, blieb man den Menschen das Schuldbekenntnis, die Umkehr und auch den von Gott angebotenen Neubeginn schuldig.

Rücksturz unterliegt der Illusion, als ob die Zeiten stehen bleiben, Entwicklung und Gewohnheiten zurückgedreht werden können.

Ich vermute z.B., der digitale Gottesdienst mit seiner Flexibilität wird für manche ein Standard sein, den sie nun erwarten. Es hat keinen Sinn, sie wieder auf eine 10 Uhr-Präsenz zu verpflichten, wenn ihr Alltag das kaum zulässt. Lieber präsent feiern und sich über die freuen, die zusätzlich übers Netz teilnehmen oder es später nachholen.

Aussetzen

Wir machen erschöpft Pause, lecken unsere Wunden. Motto: „Unsere Erschöpfung braucht Ausgleich, wir haben ein Recht, auch mal abzutauchen.“ Gemeindemäßig werden dann die Getreuen gezählt, die Verluste betrauert und die Ressourcen angepasst. Problem: Kein Aufbruch droht.

Viele Menschen werden ggf. zum Schluss kommen: Kirche, Gemeinde, Diakonie sind nun abgetaucht, also überflüssig.

Fortsetzung

Verheißungsvoller ist es, jetzt den Anschluss, das Kommende in den Blick zu nehmen. Was leiten wir jetzt ein, damit auch nach der heißen Phase der Pandemie das Evangelium neu hörbar, im Leben erfahrbar ist?

Verheißungsvoll sind Umsetzungs-Fragen; sie helfen zur Orientierung in neuen Situationen. Etwa:

  • Was haben wir im Lockdown gelernt?
  • Was ist als Gottes Geschenk neu entstanden?
  • Was vom Bisherigen darf fehlen, ohne dass irgendwer es vermisst?
  • Was soll zurückbleiben, auch wenn es mal wichtig war?
  • Wozu, wohin ruft uns das leise Reden des Geistes?
  • Was hält uns nahe bei Jesus?

Dabei bitte beachten: Wer Veränderung beginnt, Fortsetzungen angeht, gelangt fast unweigerlich auch ins Tal der Enttäuschung. Dort lassen die versprochenen Ergebnisse noch auf sich warten, während die Unannehmlichkeiten bereits begonnen haben.

Oft werden Veränderung, Reform oder Experiment deshalb verweigert oder aufgegeben, weil man vergisst, dass diese einen langen Atem brauchen, um Ergebnisse zu erzielen.

„Tote Pferde reiten“

Eine im Internet gerne den wehrlosen Dakota zugeschriebene Weisheit lautet: „Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab“.

Absteigen, beenden, loslassen?

Es sind in unserer Kirche durchaus andere Handlungs-Strategien verbreitet. Wir besorgen uns eine stärkere Peitsche. Wir wechseln die Reiter. Wir stellen fest: So wurde das Pferd doch immer geritten. Wir schreiben das noch fehlende Buch ‚Bonhoeffer und die Pferde‘. Wir gründen einen Arbeitskreis Pferde-Analyse. Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet. Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde. Wir bilden ein Kompetenz-Zentrum, um Pferde wiederzubeleben. …

Wenn Du merkst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab?

Die Reformation war auch so etwas wie ein mutiges Absteigen.

Reformatorische Kirchen müssten seitdem das Zurücklassen und den Aufbruch in den Genen haben. Das Sichten und Entscheiden ist ein zutiefst geistlicher Prozess, der verschiedene Faktoren umfasst. Er vermeidet überflüssiges Gepäck, sucht Gottes Verheißungsfelder und nutzt fröhlich alles Gute.

Ballast abwerfen

Vor einem Flug heißt es oft: 20 Kilo sind frei. Also: Was packe ich in den Koffer, auf was verzichte ich? Paulus hat sich entschieden: Ich will mich nicht von dem fesseln lassen, was hinter mir liegt, meine Energie erstreckt sich auf das, was vor mir liegt (Phil 3,12-14).

Ganz ähnlich die Band Silbermond in ihrem Hit ‚Leichtes Gepäck‘: „Eines Tages fällt dir auf, dass du 99 Prozent nicht brauchst. Du nimmst all den Ballast und schmeißt ihn weg, denn es reist sich besser mit leichtem Gepäck“.

Wenn die Lockerungen greifen, wenn eine andere Normalität absehbar wird – wieviel Rückkehr zum vorher Gewohnten ist sinnvoll? Wieviel Abbruch und Aufgeben ist geboten, wieviel Neugestaltung nötig? Was nehmen wir wieder auf, was lassen wir zurück? Was ist neu entstanden und soll bleiben?

Dornen meiden, Dornen riskieren

Unterbrechung als Chance zum Neusortieren kann auch heißen: Wechseln der Arbeits- bzw. Ackerfelder, der Orte und Einsätze, der Haltungen und Gewohnheiten. Was ist überflüssig, wo bleibt Investieren auf lange Sicht sinnlos? „Pflüget ein Neues und sät nicht unter die Dornen“, rät Jeremia seinem Volk mitten im traumatischen Umbruch von Abbruch und Exil [1].

Es hat keinen Sinn, dort weiter zu säen, wo Misserfolg schon lange erkennbar ist.

Also: Was dem Evangelium nützt, weitertreiben. Wo es abgelehnt, ignoriert wird, aufgeben. Etwas aktualisiert: Offene Türen neu entdecken, sich nicht mehr an vergeblichen Möglichkeiten abarbeiten.

Aber Vorsicht: Bei Jeremia geht es um schon bekannte Dornenplätze. Gottes Verheißungen öffnen neue Felder zur Aussaat. Da weiß man vorher nicht, wo Dornen wuchern, Vögel wegpicken oder Felsen liegen könnten.[2]

Glaube sät Wort Gottes im Überfluss, auf Hoffnung. Glaube weiß, dass drei Anteile Scheitern möglich sind, aber vertraut unverdrossen, dass ein Teil Frucht das 100fach überbieten kann. Glaube macht aus Gottes Hoffnungen kein menschliches „Lohnt sich nicht“. Glaube pflügt neu, gräbt um, düngt auch manche fruchtlosen Bäume noch einmal, weil er Gottes ‚Vielleicht‘ mehr zutraut als den bisherigen Erfahrungen.[3]

Keine Berührungsangst

Mitten in dem intimen Brief an die Philipper übernimmt Paulus Ratschläge aus den in seiner Zeit weithin akzeptierten Idealen der stoischen Philosophie: „Achtet auf das, was wahr ist, würdig und gerecht, was rein ist, liebenswert und Lob verdient. Achtet darauf, dass ihr euch richtig verhaltet und Anerkennung findet.“[4]

Kein Problem, das Gute in der Gesellschaft anzustreben und zu teilen, weil es ganz eng mit Christus verbunden werden kann. „Dessen Gesinnung erfüllt die höchsten ethischen Ziele der heidnischen Umwelt“[5].

Weil Jesus Christus jeden Vergleich aushält, dürfen wir in seinem Namen Gutes nutzen und unterstützen: Es wird ja umfangen vom Frieden Gottes.

Wir können von gesellschaftlichen Experimenten der Solidarität, von Aufbrüchen zum Miteinander lernen, uns an ihnen beteiligen.

Ich vermute, nach der Pandemie zählen z.B. Nachbarschaft neu, Familie und Hausgemeinschaft, das Hinausgehen oder Veranstaltungen im Freien. Wo Gemeinden, Einrichtungen und Dienste dies mitnehmen und praktizieren, haben sie Gutes gelernt.

Tobias Petzoldt rät bei Pilgern, Wandern und Leben:

Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt. Passen Sie auf, was Sie so mit sich herumschleppen. Prüfen Sie von Zeit zu Zeit was gebunkert wurde über die Jahre in Speicher, Sack und Seele. Geben Sie acht auf sich und geben Sie ab von sich, bis es Ihnen nicht länger unter die Augen kommt. Und in die Quere.[6]

„Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt“

ist eine Standarddurchsage der Bahn. Eine gute Regel für Kirche und Diakonie im möglichen Ausklingen dieser Pandemie. Weglassen, was sich überlebt hat. Abwägen, wo auf dem kommenden Weg Einsatz sinnvoll ist. Und Gutes mitnehmen.


Titelbild: Erol Ahmed auf Unsplash

[1] Jer 4,3

[2] Vgl. Mk 4,1-9

[3] Vgl. Luk 13,6-9

[4] Phil 3,8 (BasisBibel)

[5] So der Neutestamentler Peter Wick, in: P. Wick/K. Offermann, Mit Paulus glauben, Texte zur Bibel 34, Neukirchener Verlag 2018, 103f.

[6] Gefunden in dem schönen Pilgerbegleiter: Tobias Petzoldt, Von Wegen. Ein Begleiter fürs Pilgern, Wandern, Leben, edition chrismon, Leipzig 2021, 12.