Lust, aufs Meer hinaus zu fahren?

Im Christentum haben die drei großen Werte Glaube, Liebe und Hoffnung Symbole zugeordnet bekommen, und das Symbol für Hoffnung ist der Anker.

Die klassische Vorstellung eines Ankers ist aus Metall und hat unten zwei Zacken, die nach oben zeigen.

Es gibt aber noch andere Anker, zum Beispiel den Treib- oder Seeanker.

So ein Seeanker hat Ähnlichkeit mit einem Fallschirm. Er ist an Seilen befestigt und wird vom Boot aus ins Wasser gelassen. Im Prinzip eine Art Tüte, die kaputt ist, also an beiden Enden ein Loch hat. Durch die eine Öffnung fließt ganz viel Wasser rein, durch die andere Öffnung aber nur wenig Wasser wieder raus. So sorgt der Seeanker dafür, dass das Boot sich nicht quer zu den Wellen stellt und kentert. Er stabilisiert das Boot im Sturm und bei wilder See.

Natürlich, wenn man die Kontrolle verloren hat und der Seeanker das Boot stabilisiert, dann fühlt sich das nicht gerade gemütlich an. Das Boot geht mit den Wellen auf und ab, hin und her. Aber es bleibt stabil. Es geht nicht unter.

Wenn so ein Seeanker als Symbol für Hoffnung steht, dann heißt das: Hoffnung stabilisiert. Lässt uns schwierige Zeiten aushalten und durchstehen.

Welchen Mächten vertrauen wir uns eigentlich an, wenn der Sturm tobt? Was ist unser See- oder Treibanker? Welche Hoffnungen halten uns in Balance und geben uns den inneren Halt, den wir im stürmischen Zeiten brauchen? 

Es gibt übrigens noch eine andere Möglichkeit, so einen Seeanker zu nutzen. Und die finde ich ebenso spannend.

Die „Straße von Gibraltar“ ist eine Meerenge und verbindet das Mittelmeer mit dem Atlantik. Sie ist vermutlich eine der am meisten befahrenen Wasserstraßen unserer Welt. An der Oberfläche strömt das Wasser immer von Westen nach Osten, denn das Mittelmeer liegt fast anderthalb Meter tiefer als der Atlantik. Dazu weht auch der Wind meist von Westen her. Schwierig für ein Segelschiff, da durch zu kommen. Wenn es nicht den Seeanker gäbe.

Ja, denn ganz unten, in der Tiefe des Meeres, gibt es eine Gegenströmung. Das salzhaltigere Wasser fließt in den Atlantik. Möglicherweise nutzten Schiffer schon in der Antike diese Gegenströmung: ein Seeanker wurde tief ins Meer hinuntergelassen und zog das Schiff mit sich, durch die Meerenge hindurch ins Weite.

In welchen Tiefenstrom hängen wir eigentlich unseren Hoffnungsanker, um weiter zu kommen, um trotz Gegenwind auf Kurs zu bleiben und trotz aller Engpässe unser Ziel zu erreichen?

Übrigens spricht auch der Philosoph Ernst Bloch in seinem Werk „Das Prinzip Hoffnung“ von einem Strom: Unsere Hoffnungen durchfließen, so schreibt er,  gesellschaftliche Entwicklungen und Kämpfe wie ein „Wärmestrom“ und stärken das „In-Möglichkeit-Seiende“. Unsere dringliche Hoffnung trägt also maßgeblich dazu bei, dass unsere Träume von einer besseren Welt Wirklichkeit werden. Allein darum sollten wir das Hoffen niemals aufgeben.