Leitwort für ein Jahr

20. Februar 2020 | Michael Landgraf | Religionspädagogisches Zentrum, Evangelische Kirche der Pfalz

Du bist ein Gott, der mich sieht. Dieser Vers aus Genesis 16,13 (L) ist unsere Jahreslosung für 2023.

… verkündet Dr. Jutta Henner das Ergebnis der letzten Abstimmung. Die stellvertretende Vorsitzende der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen, kurz ÖAB, ergänzt erleichtert: „Wir hatten selten so eine klare Entscheidung.“

Jahreslosung 2023: Zum ersten Mal Ausspruch einer Frau

Zufrieden zeigt sich auch der neu wiedergewählte Vorsitzende der ÖAB, Wolfgang Baur. Er erinnert, dass das Wort aus dem Mund Hagars stammt, der Zweitfrau Abrahams. „Zum ersten Mal prägt der Ausspruch einer Frau ein ganzes Jahr. Sie steht für all die ausgenutzten und nicht wertgeschätzten Frauen in Gesellschaft und Religion bis heute.“

Die Erzählung spiele auch im Islam eine wichtige Rolle, denn bei der Pilgerfahrt nach Mekka besuchen Frauen symbolisch Hagars Brunnen.

Bischof Stäblein: „Jahreslosungen machen mir zu schaffen“

Begonnen hatte die Konferenz, zu der Delegierte und Beratende jährlich für drei Tage im Februar zusammenkommen, mit einem Impuls von Dr. Christian Stäblein. „Jahreslosungen machen mir zu schaffen“, bekannte der Bischof der Ev. Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz (EKBO):

„Ich habe dieses Jahr, wie viele wohl, mit der Jahreslosung schwer gerungen: Ich glaube; hilf meinem Unglauben. Die des nächsten Jahres schien mir unproblematisch: Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Doch dann traf mich das Wort in einer Situation, als ich gerade mit einem anderen unbarmherzig Klartext reden wollte.“

Bibelwort gegen Führerwort

Dass biblische Verse für das Jahr auch provozieren sollen, geht auf deren Anfänge zurück. Jahreslosungen werden seit den 1930er Jahren durch ein Gremium gewählt – im Unterschied zu Tageslosungen, die seit 1731 durch die Herrnhuter Brüdergemeinde ausgelost werden.

Den Anfang machte der württembergische Pfarrer Otto Riethmüller (1889-1938). Er war Vorsitzender vom Berliner Burckhardthaus, wo kirchliche Mitarbeitende fortgebildet wurden und seit 1918 der gleichnamige Verlag angesiedelt war. Riethmüller gab seit 1930 Bibellesepläne und Jahreslosungen heraus, 1934 ergänzt durch Monatssprüche. Diese wurden vor allem in der evangelischen Jugendarbeit eingesetzt.

Als kirchliche Jugendverbände 1937 in die NS-Strukturen eingegliedert werden sollten, hatten die Jahreslosung und die Monatssprüche auch eine politische Ausrichtung. Bibelwort stand nun gegen Führerwort …

Die Vision des Gottesreiches gegen die Realität des Dritten Reiches.

Seit 1938 wählte ein Textplanausschuss der teils im Untergrund agierenden evangelischen Jugendverbände, der Männerarbeit der Bekennenden Kirche sowie der Baptisten und Methodisten die Bibelverse aus.

Die ökumenische Ausrichtung kam 1969, durch den Einstieg des Katholischen Bibelwerks. Ein Jahr darauf wurde der Ausschuss in Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen umbenannt.

International und Ökumenisch

Inzwischen ist die ÖAB ein internationales Netzwerk

23 Institutionen gehören derzeit der Arbeitsgemeinschaft an – darunter die deutschsprachigen Bibelgesellschaften, das Katholische Bibelwerk, der CVJM, die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend, die Vereinigung Evangelischer Freikirchen, die Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) sowie die Bibelgesellschaft in Polen und ein elsässischer Vertreter.

ÖAB-Tagung 2020 im Haus der Diakonie Deutschland in Berlin. Bild: Michael Landgraf

Zusätzlich können vier Experten aus unterschiedlichen Bereichen hinzugezogen werden, um inhaltlich zu unterstützen. Neu berufen wurden dieses Jahr als Beratende für vier Jahre Mareike Witt (Bibelkabinett) und Theresa Brückner (@theresaliebt) aus Berlin sowie Michael Landgraf aus Neustadt an der Weinstraße. Sie sollen ihre Erfahrung aus der Arbeit mit jungen Menschen und sozialen Netzwerken einbringen.

Auch gibt es jährlich Fachvorträge zu relevanten Themen rund um die Bibel. Dieses Jahr referierte Dr. Dietrich Werner, Theologischer Referent für Grundsatzfragen von Brot für die Welt, zum Thema „Die Bibel in der Ökumene.“

Klartext und Verstehbarkeit

Als Grundlage für die Auswahl der Texte reichen die Gremienmitglieder im Vorfeld auf Basis des gerade aktuellen Bibelleseplans Vorschläge ein. Diesmal sind es 33 Bibeltexte für die Jahreslosung, ergänzt durch rund 30 Verse für jeden der zwölf Monatssprüche. Damit liegen etwa 400 Sprüche vor.

Der zwei Tage lange Prozess beginnt in Kleingruppen, in denen je zwei Verse für die Jahreslosung und dann je zwei für die zwölf Monatssprüche gewählt werden. Nach einer Diskussion im Plenum werden dann die einzelnen Leitworte für die Monate gewählt. Die Vorschläge für Jahreslosungen werden mehrfach diskutiert, bis am Ende zwei Texte stehen, über die abgestimmt wird.

Kriterien für die Wahl sind theologische Gesichtspunkte, ob darin Klartext gesprochen wird und ob er auch von jungen Leuten verstanden wird.

„Wir wollen, dass sich eine breite Öffentlichkeit mit dem Text auseinandersetzt“, betont Wolfgang Baur. „Der Spruch erscheint schließlich auf großformatigen Plakaten, Postkarten und Kerzen, auf Titelseiten von Gemeindebriefen und Kalendern. Egal, wo Menschen dieser Jahreslosung begegnen – sie soll zum Nachdenken anregen und Lust machen, wieder einmal in die Bibel hineinzuschauen.“

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