Kleingruppen-Diakonie

14. Mai 2020 | Birgit Dierks | midi / Fresh X Netzwerk e.V.

Zum Verhältnis von Diakonia und Koinonia

Einblick in die Fachtagung Hauskreis- und Kleingruppenarbeit 2020 in Erfurt

Es war noch eine „VOR-Corona“-Fachtagung. In Erfurt hat sich im Februar der Kreis derjenigen getroffen, die für den Bereich „Hauskreis- und Kleingruppenarbeit“ hauptsächlich in evangelischen Landeskirchen zuständig sind.

Unter der Überschrift „Wir lieben Hauskreise, weil…“ kann man hier von ihnen leidenschaftliche Statements ansehen, warum christliche Kleingruppen und Hauskreise grundlegend sind, wie sie Menschen eine geistliche Beheimatung ermöglichen, wie sie selbst davon in ihrem Christsein profitiert haben und wie in Kleingruppen das „allgemeine Priestertum aller Glaubenden“ lebt.

Man sollte meinen, dass gerade in Zeiten, in denen sich Kirchen über ihre zukünftige Gestalt und Form Gedanken machen, dieses Thema eine zentrale Rolle spielt und gefördert wird. Aber längst nicht alle evangelischen Landeskirchen haben einen hauptamtlichen Ansprechpartner für diesen Bereich und wenn, dann handelt es sich um Beauftragungen, die durchschnittlich 10-20 Prozent Stellenanteil ausmachen.

Wie kann Kleingruppenarbeit Kirche diakonisch und Diakonie geistlich profilieren?

Dieses Jahr stand die Frage im Mittelpunkt, wie Hauskreis- und Kleingruppenarbeit dazu beitragen kann, die Kirche diakonischer und die Diakonie geistlich profilierter zu gestalten.

Durch die Entwicklung einer unternehmerischen Diakonie haben sich diese Bereiche zunehmend voneinander entfernt. Für Mitarbeitende in der Diakonie ist ihre Dienstgemeinschaft nicht mehr automatisch auch Glaubensgemeinschaft und die Glaubensgemeinschaften und Kreise innerhalb der Gemeinde haben oftmals keine diakonische Außenwirkung in ihre Lebenswelt.

Wie kann es gelingen, Menschen in kleinen Gemeinschaftsformen und in der Diakonie zu motivieren, das jeweils andere zu suchen, weil es wesensmäßig zueinander gehört?

Wo „Kleingruppen-Diakonie“ schon gelebt wird

Es wurden Beispiele gesammelt, wo Ansätze für eine „Kleingruppen-Diakonie“ im doppelten Sinn zu finden sind.

Hauskreise und Kleingruppen haben eine implizite diakonische Wirkung, indem sich die Gruppenmitglieder z.B. gegenseitig helfen in persönlichen oder gesellschaftlichen Notsituationen wie der Corona-Krise, ggf. auch in der Nachbarschaft. Gerade in Bezug auf das Thema „Einsamkeit“ kann solch eine Struktur sehr hilfreich sein. Und: Eine christliche Kleingruppe kann auch als Katalysator für einen diakonischen Berufseinstieg dienen.

Die Kleingruppe kann ein Katalysator für den diakonischen Berufseinstieg sein.

Explizit gibt es Projekte und anlassbezogene diakonische Aktionen von Gruppen, Seelsorgegruppen und Dienstgruppen wie die Tafeldienste, die in der Regel mit hohem ehrenamtlichen Engagement geleistet werden oder von Hauskreisen, die sich an der Aktion www.servethecity.de beteiligen.

Im Bereich fresh expressions of church in England kann man beobachten, dass ein diakonischer Anlass gruppenbildend wirken kann. Oft brauchen Hauskreise / Kleingruppen eine größere Gruppe (sozialen Raum), um diakonisch tätig zu sein, bzw. um ein Projekt zu meistern. Andererseits kann auch eine Zweierschaft, bzw. eine Kleingruppe der Ausgangspunkt für ein diakonisches Großprojekt werden.

Das Jesus-Projekt Erfurt

Zur praktischen Anschauung wurde das Jesus Projekt-Erfurt besucht. Leidenschaftlich und lebendig erzählte der Gründer und Leiter Michael Flügge von der Entstehungsphase, in der das Hören auf Gott, das Wahrnehmen der Lebenswelt und das schrittweise Ausprobieren im Vordergrund stand. Das alles im Spannungsfeld zwischen Leichtsinn und Vertrauen. Er berichtete von aktuellen Herausforderungen und der aktuellen Arbeit.

Eine sozial-missionarische Lebens- und Dienstgemeinschaft („es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen“) kümmert sich um 20 Personen in 8 Wohngruppen und hat inzwischen 12 Angestellte. Durch die gelebte christliche Gemeinschaft der Mitarbeitenden entstehen Begegnungs- und Berührungspunkte der Besucherinnen und Besucher mit Jesus Christus.

Gefördert wird dieses diakonische Gemeinschaftsprojekt von den Erprobungsräumen der Ev. Kirche Mitteldeutschland (EKM).

Hauskreisartige Gruppen in der Diakonie?

Diakonische Gemeinschaften, in denen Lebensgemeinschaft und Diakonischer Dienst eng verbunden sind, schrumpfen und sterben aus. In manchen diakonischen Ausbildungsbereichen gibt es interne Kleingruppen / Hauskreise wie z.B. in Rummelsberg bei den Diakonen, um einen Ort für die persönliche geistliche Entwicklung zu haben.

In der unternehmerischen Diakonie, in deren Herausforderungen und Fragestellungen Dr. Tobias Kirchhof (midi) einführte, stellt sich bei der Teilnahme an solchen Kleingruppen grundsätzlich die Frage der Freistellung von der Arbeit. Oft ist im professionellen Umfeld auch keine familienähnliche Struktur möglich oder erwünscht. Geistliche Bildungsangebote hingegen nehmen stark zu.

Es gilt, Spiritualität als hilfreiche „Ressource“ im professionellen Kontext zu entdecken.

Auch befristete Projekte haben eine Chance, wenn sie an Themen der Mitarbeitenden anknüpfen wie z.B. ein Passionsprojekt „gemeinsam 40 Tage Kraft tanken“. Vielleicht wären auch „Zweierschaften“ denkbar, die sich gegenseitig geistlich stärken und begleiten. Es gilt, Spiritualität als hilfreiche „Ressource“ zu entdecken und die dahinterliegende Quelle des Lebens.

Hauskreise mit Außenwirkung

Die Teilnehmenden haben etliche Impulse mitgenommen, die sie in ihre Arbeit einfließen lassen wollen. Es bildete sich die Überschrift „Hauskreise mit Außenwirkung“. Jemand hatte unter anderem die Idee, einen Methodenkoffer zur Sozialraumanalyse zu erarbeiten. Es gab den Eindruck, dass das Thema „Resonanz“ gewinnbringend sein könnte für den Bereich „auf Gott hören“.

Eberhard Hauschild prägte noch wesentlich vor der Corona-Krise den Satz: „Der Normalfall der Sozialbeziehungen der Gegenwart ist der der Distanz.“ Wir müssen jetzt neue Wege finden, wie wir uns in angemessenem Abstand neu begegnen können.

Es gilt gerade jetzt, eine „Kleingruppen-Diakonie“ zu gestalten und zu leben: Sowohl kleine christliche Gruppen, die diakonisch wirksam sind, als auch kleine Gruppen oder Zweier-/Dreierschaften, in denen diakonisch Tätige auftanken können, um als Alltagsheldinnen und -helden ihren Dienst tun zu können.

Titelbild: Anna Earl auf Unsplash