Herdenimmunität braucht Hirtenloyalität

28. April 2020 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Kennen Sie inzwischen auch die führenden Virologen der Bundesrepublik? Den aus Berlin, die anderen aus Bonn, aus Halle, aus Freiburg, aus Hamburg? Vermutlich ja, denn sie sind seit Wochen in fast jeder Nachrichtensendung präsent.

Ich gestehe: Vor März kam ‚Virus‘ in meinem Alltag kaum vor, vielleicht als abstrakte Bedrohung meiner digitalen Kommunikation. Nun merke ich wie viele andere schmerzlich, dass Viren nicht nur eine Metapher sind, sich nicht auf den Computer beschränken lassen. Es gibt sie überall, in der Luft oder auf Kontaktpunkten, sie verursachen auch nicht nur harmlosen Schnupfen, sondern können heftige Folgen haben wie schwere Krankheit, Leiden und Tod.

Neue Worte mit uralten Wurzeln

Wir leben in stürmischen Zeiten: Wir werden von Fachleuten eingeführt in uns unbekannte Bereiche, neue Begriffe und Themen stürmen auf uns ein, die für unseren Alltag und unsere Zukunft lebenswichtig sind.

Für die neue Wirklichkeit reicht die alte Sprache nicht mehr aus.

Für die neue Wirklichkeit, in die wir hineingestolpert sind, reicht die alte Denke und Sprache nicht mehr aus. Die tiefgreifende Krise, die wir erleben, setzt ihre eigene Sprache. Und das ist vermutlich ein Signal für eine tiefgreifendere Veränderung, als es eine der häufigen Finanz- oder Konjunkturkrisen wäre.

Was mich dabei überrascht: Viele der neuen Begriffe zur Beschreibung dieser Krise haben uralte Wurzeln, berühren sich mit kulturellen Mustern, viele davon spiegeln sich in biblischen Erfahrungen.

Herdenimmunität

ist eines der neuen Worte. Als medizinischer Laie habe ich es so verstanden: Wenn ein hoher Anteil der Bevölkerung immun wird, etwa durch die überwundene Infektion oder eine mögliche Impfung, ist die Ausbreitung des Virus zu bremsen oder sogar weitgehend einzudämmen.

Der Wikipedia-Artikel benutzt ein interessantes Bild: „Der Herdeneffekt wirkt ähnlich wie eine Brandschneise bei einem Feuer, indem die Infektionskette eines Krankheitserregers mittels Impfungen unterbrochen oder mindestens verlangsamt wird.“

‚Herde‘ ist eines der ältesten biblischen Bilder für Gottes Sorge um seine Geschöpfe.

Ohne Gottes Schutz und Fürsorge sind wir Menschen wehrlos wie zerstreute Schafe. Als Herde unter einem loyalen Hirten können wir leben und gedeihen. Leitung und Verantwortung für ein Volk wurden ebenfalls als Hirtenaufgaben bezeichnet: Könige, Priester, Prophetinnen, Weise – heute würde man sagen: Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und Kultur – haben ihre Kompetenzen, ihre Mandate von Gott zum Besten für andere.

Die Nagelprobe auf ihre Verantwortung sind immer die Armen und Wehrlosen. Werden Schwache gestärkt, Kranke geheilt, Verwundete verbunden, Verirrte zurückgeholt und Verlorene gesucht?

Wenn nicht, dann weiden die Verantwortlichen nicht die Herde, sondern nur sich selbst, so der Kommentar des Propheten Ezechiel (Ez 34,2-5).

Schon Sacharja kannte die göttliche Firewall.

Kein Wunder, dass die agrarische Kultur der biblischen Schriften Begriffe aus der Landwirtschaft nutzt. Aber nicht nur Medizin, auch modernste Hochtechnologie greift auf alte Erfahrungen zurück.

  • Sacharja etwa kennt die göttliche Firewall, die die wehrlose Stadt Jerusalem schützt (Sach 2,9).
  • Psalm 23 vertraut dem göttlichen Hirten, dem Host (Gastgeber) im Angesicht der Feinde.
  • Im Netz sammeln sich Communities um gemeinsame Interessen ähnlich der ersten Gemeinde in Jerusalem (Apg 2,42) usw.

Wenn Mediziner von Herdenimmunität sprechen, greifen sie genauso auf uralte Begriffe zurück.

Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe

Die Schlüsselfiguren für die Herde sind der Hirte, die Hirtin. Wenn sie ihren Job verstehen, ihrem Auftrag loyal sind, geht es der Herde gut. Wenn sie die Herde nur als Mittel zum eigenen Vorteil sehen, werden sie sich bei der ersten Bedrohung in Sicherheit bringen und die Herde aufgeben. So wie sich reiche Magnaten angesichts der Epidemie ihre eigenen Ärzte und Beatmungsgeräte für den Rückzug auf ihre Güter gesichert haben.

Jesus bezeichnet sich dezidiert als guten Hirten: Er steht mit seinem Leben ein für die Menschen, zu deren Rettung er gekommen ist. Hirtenloyalität ist Hingabe, bei Lebensbedrohung auch bis zum Tod: „Der gute Hirte gibt sein Leben für die Schafe“. (Joh 10,11)

Jesus ist die Hirtenloyalität in Person.

Seine Heilungen sind Zeichen der guten Absichten Gottes.

Nur zur Klarheit: Wenn wir von menschlichen Hirt*innen reden, dann wirken sie im Auftrag des Schöpfers. Und sie bleiben selber Teil der Herde, brauchen ihrerseits göttliche Leitung. Deshalb ist ein entscheidendes Kriterium für alle Verantwortlichen: Setzen sie ihre Gaben, Mittel und Kompetenzen zum Besten anderer ein?

Wenn ja, dann sind sie, auch wenn sie nicht an den guten Hirten glauben, selber gute Hirt*innen. Und der Bedarf dafür ist groß.

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Titelbild: Sam Carter auf Unsplash