Glaube zwischen Trotz und trotzdem

13. Januar 2020 | Kerstin Offermann | midi

Rezension

Inspiriert durch die Jahreslosung von 2020 (Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Mk 9,24) hat Désirée Gudelius ganz unterschiedliche Menschen dazu bewegt, ihre persönliche Geschichte von Zweifel und Glauben zu erzählen. Eine Auswahl dieser Erfahrungsberichte sind nun in dem Buch „Glaube zwischen Trotz und trotzdem“ nachzulesen.

Gerth Medien: Trailer zum Buch „Glaube zwischen Trotz und trotzdem“

Die 33 Lebensgeschichten spiegeln in der Tat sehr unterschiedliche Biographien. Alle erzählen von Brüchen und Neuanfängen. Oft geht es um die Konfrontation mit Krankheit oder Tod, um berufliche und finanzielle Belastungen, um Lebenskrisen. Diese werden in allen Berichten mit Gott in Verbindung gebracht. Die Autorinnen berichten sehr ehrlich, wie es für sie zu einer Herausforderung für ihren Glauben wurde, wenn ihre Erwartungen an ihr eigenes Leben oder daran, wie Gott ist, nicht mehr mit der Realität ihrer Erfahrung übereinstimmten.

Gebet bringt nicht die erhoffte Heilung.

Oder Gott scheint ein fordernder, strenger Gott zu sein, dem das eigene Leben nicht genügen kann. Die Krise des Glaubens führt dann in die Weite neuer Erkenntnis. „Bis jetzt habe ich noch keinen Vers in der Bibel gefunden, in dem Gott mir verspricht, mich vor Schwierigkeiten, Krankheit oder Leid zu bewahren – aber unzählige Texte, in denen Gott mir verspricht, immer bei mir zu sein.“ (S.21)

Die Erkenntnis reift, dass Gott gar nicht so ist, wie gedacht, sondern liebevoll und gnädig. „Manchmal ruft Gott einen Menschen zum Unglauben, damit der Glaube neue Formen annehmen kann.“ (S.117)

Allerdings ist das sicherlich ein Spitzensatz. In den Berichten bleibt meist der wiedergefundene Glaube dem durch den Zweifel angefochtenen Glauben sehr ähnlich. Ein störendes Element wurde beseitigt, wodurch nun der Glaube klarer und reiner ist, als vorher. Dieses Wachstum des Glaubens durch Zeiten von Krisen und Zweifel wird von den Autorinnen als befreiend erlebt. Für jemanden allerdings, der sich gerade selbst mit Zweifeln herumschlägt, könnten diese Berichte über eine Rückkehr zu einem geläuterten Bewähren eher als bedrängend empfunden werden.

Das Leben, wie es sein sollte?

Oft sind es also die eigenen Erwartungen an das Leben, wie es sein sollte, die in die Krise führen. Etwas überspitzt stellt eine Autorin diesen Lebensentwurf so dar: „Nach der Schule eine theologische Ausbildung machen, einen tollen christlichen Mann heiraten und hübsche Kinder mit Engelsgeduld und einem permanenten „heiligen Lächeln“ auf den Lippen zu leidenschaftlichen Jesus-Nachfolgern erziehen, mich in der Gemeinde engagieren – und einfach den Himmel auf Erden erleben.“ (S.149)

Wenn dann das Leben dazwischen kommt und die Dinge anders laufen, dann hilft der Glaube den Autorinnen dabei, sich trotzdem wertvoll und liebenswert zu fühlen.

Hat Gott gar kein „heile Welt Christentum“ im Sinn?

Leider gehen die Berichte nur sehr selten noch einen Schritt weiter und reflektieren darüber, ob eventuell das ideale Bild selbst ein Grund zur Anfechtung ist, ob vielleicht dieses „heile Welt Christentum“ gar nicht der Lebensentwurf ist, den Gott für das Leben im Sinn hat. Hier bleibt das Buch doch weitgehend einem bestimmten christlichen Milieu verhaftet. Erwartung, Krise und Lösung der Krise durch neue Glaubensgewissheit spielen sich in einem Gemeinde-Kontext ab. Texte von Menschen, die auch daraus ausgebrochen sind, fehlen leider.

Daher ist das Buch sicherlich tröstlich für Menschen, die sich diesem Milieu zugehörig fühlen und es wird den Glauben derer stärken, die sich in einem solchen Kontext mit ihren Zweifeln auseinandersetzen wollen.

Ursachen und Lösungen für Glaubenszweifel

Wer aber an diesem Kontext selbst leidet und einen neuen Horizont für sich und sein Leben sucht, den wird dieses Buch dorthin nicht begleiten. Da es sich um jeweils persönliche Erfahrungsberichte handelt, fallen erst dem Lesenden die Parallelen der Berichte auf. Sie werden aber von der Herausgeberin nicht systematisch betrachtet. Das wäre sicherlich eine spannende Aufgabe, nach den systemimmanenten Ursachen und Lösungen für Glaubenszweifel zu forschen.

Manche Schicksale, die Frauen berichten, sind wirklich erschütternd. Es ist wunderbar zu lesen und nachzuempfinden, wie sie durch ihren Glauben Heilung und Hoffnung, Kraft und Zukunft gefunden haben. Sie beschreiben den Weg, den sie gegangen sind und können darin anderen Menschen Anregung und Hoffnung geben, wie es auch für sie einen Weg hin zu Heilung und Lebensqualität geben kann.

Fazit

Das Buch ist eine leichte, fröhlich stimmende Lektüre. Die Texte sind kurz und unterhaltsam. Auffällig ist, dass sie zum überwiegenden Teil von Frauen geschrieben sind, die großzügig Einblick in ihr Innerstes gewähren. Daher dürfte dieses Buch auch eher Frauen ansprechen. Allerdings ist es vielleicht auch eine Gelegenheit für Männer, die ihre Frauen besser verstehen wollen, unverbindlich einen Blick „hinter die Kulissen“ zu werfen.

Zum Schluss bietet das Buch noch zwei kurze theoretische Beiträge zum Thema Glauben und Zweifel – diese dann allerdings von Männern geschrieben – die allgemeinverständlich theologische Einsichten in die Logik von Glauben und Zweifel anbieten.

Die tröstliche Glaubenswahrheit, die sich durch alle Berichte zieht, ist die, dass Jesus Christus uns trägt, im Guten wie im Schweren, im Glauben wie im Unglauben.

Das Buch

Désirée Gudelius (Hg.), Glaube zwischen Trotz und trotzdem. Wahre Geschichten vom Zweifeln und Vertrauen. Gerth Medien 2019, 223 Seiten.