Expedition im Alltag

30. April 2020 | Tobias Sauer | ruach.jetzt

In meinem Studium war ich, wie auch die anderen Kommiliton*innen vor und nach mir, gezwungen Exerzitien zu besuchen. Eigentlich wäre das nicht schlimm, denn die Idee hinter Exerzitien, wie sie der Begründer Ignatius von Loyola formuliert hat, finde ich ansprechend und faszinierend: Die Beziehung mit Gott suchen und ihr Zeit geben.

Leider musste ich, nicht nur bei dieser Gelegenheit, feststellen, dass es bei Exerzitien oft nicht um die Suche geht, sondern nur um das Vergewissern.

Wie kann heute über Glauben geredet werden?

Seit 2014 beschäftige ich mich mit Glaubenskommunikation. Der Frage, wie heute über Glaube geredet werden kann und ob sich das noch lohnt. Dabei stolperte ich immer wieder über eine Frage: Wo fängt jemand an, der keine Ahnung hat, was er*sie eigentlich sucht?

Wenn ich weiß, dass ich auf der Suche nach Gott bin, dann gibt es unzählige Angebote und Möglichkeiten, dies begleiten zu lassen.

Was aber, wenn ich diesen Begriff „Gott“ nicht fassen kann?

Eine Herausforderung in der heutigen Zeit besteht darin, eine Möglichkeit zu schaffen, in der das Bewusstsein für die Möglichkeit einer Transzendenz stimuliert wird. Eine offene und ehrliche Suche im Leben des Menschen. Ohne Zielvorgabe.

Gegen fromme Übungen, Hokuspokus und Automatismen

Am Anfang der Entwicklung von alles außer beten stand ich vor der Herausforderung, dass ich, wenn ich eine Reise ohne vorgegebenes Ziel gestalten möchte, nicht die Etappen mit festen Übungen beschreiben kann. Es braucht eine grobe Struktur (28 Tage), eine Art Kompass, damit man* sein Ziel nicht aus dem Auge verliert (das Heft) und einen Basicskill, aus dem alles andere entstehen kann.

Kein fester Tagesablauf, nicht die Einübung von Riten und schon gar nicht das Versprechen von Ergebnissen darf im Mittelpunkt stehen. Eine Expedition zu beginnen, bedeutet eben Bilder zu entdecken, die man* vorher nicht hatte.

Wie kann ich meinen Autopiloten ausschalten?

Im Mittelpunkt von alles außer beten steht als Basicskill das Ausschalten des Autopiloten. Statt sich im Rhythmus des eigenen Alltags zu bewegen, gilt es auf Reisen ab und an den Autopiloten auszuschalten, um bewusst den nächsten Schritt zu setzen. Wie das geht? Zähl langsam von 100 herunter. That’s it.

Das Heft alles außer beten lädt dazu ein, den Autopiloten auszuschalten, um Neues zu entdecken. Bild: Tobias Sauer / ruach.jetzt

Aus dem Alltagstrott aussteigen und bewusst die Entscheidung für den nächsten Schritt unabhängig vom eigenen Autopiloten zu treffen, ermöglicht es potenziell Neues zu entdecken und hilft Bestehendes neu zu bewerten.

Dabei geht es nicht darum, ein Ziel zu definieren, das unbedingt erreicht werden soll. Vielmehr steht das Entdecken von sich, der Welt und dem was mich umgibt im Mittelpunkt. Zu lernen, was der eigene Autopilot einem vielleicht verheimlicht. Davon profitiert jeder*, ganz unabhängig davon, ob er*sie dabei Gott entdecken.

Als Christ bin ich davon überzeugt, dass Gott immer zu jeder Zeit zu jedem Menschen spricht.

Als Christ bin ich davon überzeugt, dass Gott immer zu jeder Zeit zu jedem Menschen spricht auf eine Art und Weise, dass er oder sie es verstehen könnte. Vielleicht treffen sich Gottes Ansprache und die Aufmerksamkeit des Menschen in den 28 Tagen.

alles außer beten gelangt nicht an ein Ziel

Aber, und das ist mir super wichtig zu sagen, das ist nicht das Ziel. Denn es gibt kein Ziel auf dieser Reise. Es ist eine Möglichkeit, dass etwas passieren könnte. alles außer beten ist ein Versprechen an die*den Leser*in, dass es nicht am Ende mit einem Plottwist aufwartet. Dass am Ende der Reise ein offenes Ende steht.

alles außer beten ist eine Reise ohne Ziel, aber mit vielen Möglichkeiten. Bild: Tobias Sauer / ruach.jetzt

Wo lässt sich die Reise starten?

alles außer beten ist im Februar 2019 mit einem Heft gestartet. Das Heft umfasst 36 farbige, bebilderte Seiten und ist auf Recyclingpapier gedruckt. Es ist sowohl als Einzelheft als auch in höherer Auflage mit entsprechendem Mengenrabatt über den Store von ruach.jetzt direkt zu beziehen. Mittlerweile gibt es eine Erweiterung für die Reise in Gruppen, sowohl analog als auch digital, sowie einen Podcast mit den eingesprochenen Texten des Heftes. Erfahrungsgemäß eignen sich die Materialien gut ab 14 Jahren.

Titelbild: Tobias Sauer / ruach.jetzt