Die Kunst des aktiven Wartens

29. Januar 2021 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Die erneuten Warteschleifen der Pandemie machen etwas mit uns. Die Ungeduld nimmt zu, der Ärger wächst, über vermeintliche oder echte Impfpannen, über regionale Sonderwege, über Verweigerer oder politische Profilierer.

Warten können ist offensichtlich schwer, es liegt uns nicht, v.a. wenn wir gewohnt sind, dass immer noch Möglichkeiten da sind, dass Mobilität und Kultur unser Anrecht sind, dass Türen zu Urlaub und Vergnügen offenzustehen haben.

Bei mir sagt der Kopf: Warten ist jetzt nötig, bleib geduldig. Der Bauch aber sagt: Es ist genug, ich will wieder Menschen treffen dürfen.

Die alte Frage: „Wie lange noch?“

schiebt sich immer mehr in den Vordergrund. Und die wechselnden Antworten der letzten Monate waren nicht wirklich hilfreich. „Wenn wir uns jetzt zusammenreißen, können wir wieder Weihnachten feiern“ hieß es im Oktober. Ja, Pustekuchen. Nichts war mit Weihnachtsgottesdiensten oder Freunde treffen.

Es folgte der nächste Lockdown: Wartet mal bis Mitte Januar, dann sehen wir weiter. Die folgende Verlängerung konnte man sich dann schnell ausrechnen. Und die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass das Virus oder neue Variationen uns noch lange begleiten werden: „Gekommen um zu bleiben“.

Warten können verträgt selten verwirrende Ansagen. Es braucht Verlässlichkeit, Fristen und Ziele.

Nun öffnet die Pandemie Räume für Warte-Strategien. Manche trösten sich mit dem häufigen Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“[1]

Mich tröstet das nicht wirklich, und ich vermute all jene ebenfalls nicht, die durch Corona ihren Arbeitsplatz verlieren oder sogar einen lieben Menschen. Denn das sind Endpunkte, die man nicht auf gut umetikettieren kann.

Corona als Warteraum?

Es ist hilfreich, zwischen Ab-warten und Er-warten zu unterscheiden.

Abwarten verbinde ich mit Achselzucken, Aushalten, nichts ändern können, mit Bindung, manchmal sogar Zwang. Typisch ist der verspätete Zug: du musst einfach abwarten.

Erwarten verbinde ich mit Aktivität, Hoffnung, Zielen und innerer Freiheit. Typisch ist Weihnachten für Kinder: Sie können es kaum erwarten.

Die Bibel spricht von Geduld als aktiver Kraft des Wartens, weil sie Hoffnung wachsen lässt.

„Ausdauer führt zu Erfahrung, Erfahrung wiederum stärkt die Hoffnung“ (Römer 5,4)[2]. Die Sprache des neuen Testamentes hat zwei Worte für unser Wort „Geduld“.

Das eine, hier mit Ausdauer übersetzt, meint Drunterbleiben, das Aushalten von etwas, das derzeit nicht zu ändern ist. Das andere meint großes Herz, seelische Kraft.

Beides brauchen wir in der derzeitigen Situation: Aushaltekraft für nicht zu Änderndes – und seelische Kraft, emotionale Größe für uns und andere, die an dieser Situation leiden.

Was hat der Vater in Jesu Gleichnis gedacht, dem sein Sohn weggelaufen war? Er konnte nur warten. Aber er wartete aktiv: Voller Sehnsucht, Ausschau haltend, jeden Tag voller Liebe die Rückkehr ersehnend. Und als der Sohn dann zerlumpt, beschämt, völlig abgebrannt auftauchte, konnte er ihn in die Arme schließen.

Gott ist ein Warte-Könner, seit Anbeginn der Zeit.

In seiner großartigen Auslegung dieser Geschichte anhand eines Rembrandt-Gemäldes staunt Henri Nouwen über die väterliche Seite Gottes: „Ein Vater, der niemals sich irgendeinem aufdrängt, sondern der immer wartet; der niemals seine Arme in Verzweiflung fallen lässt, sondern unentwegt hofft, dass seine Kinder heimkehren“.[3]

Und nachdem Nouwen bei Rembrandt auf die unterschiedlichen Hände dieses ebenso väterlichen wie mütterlichen Gottes hingewiesen hat, staunt er weiter: Der Sohn in diesen Armen „ruft die mütterliche Liebe Gottes wach, die gezeichnet ist von Gram, Sehnsucht, Hoffnung und endlosem Warten. ... Sie hat sich frei entschieden, von ihren Geschöpfen abhängig zu werden.“[4]

Aktives Warten vertraut

Für Gott ist immer mehr möglich als für uns. Wartezeit wie jetzt ist nicht vergeblich, sondern kann gefüllte Zeit werden. Weil Gottes Möglichkeiten nicht von unseren Grenzen abhängen. Bei Gott gilt „der Primat der Möglichkeit vor der Wirklichkeit“[5], denn:

Gottes Liebe ist eine Möglich-Macherin.

Wartezeit kann Vorbereitungszeit für Kommendes sein, Zeit zum Ausreifen unserer Persönlichkeit, Zeit zum Klären verdrängter Fragen, zum Aufnehmen loser Beziehungsfäden.

Aktives Warten kann ein Echo der Liebe Gottes werden

Es fragt nach denen, die verloren zu gehen drohen. Es hält Abwendung oder Weglaufen aus. Es rechnet Versagen oder Wegbleiben nicht nach. Es fragt nach denen, die wir im Hamsterrad der Aktivität übersehen haben.

Wartezeit kann Echozeit sein: Jesu Art in uns ausprägen lassen, so dass die Fragmente unserer Hilflosigkeit in Gottes Händen zu etwas Gutem werden.

Und daraus wächst die Hoffnung: dass diesem väterlich-mütterlichen Gott seine Welt nicht egal ist. Gott ist ein Warte-Könner, seit Jahrtausenden. Wir dürfen gerne davon etwas für uns erbitten.


[1] Angeblich Oscar Wilde oder John Lennon, vermutlich aber Fernando Sabino.

[2] Übersetzung: Klaus Haacker, der Brief des Paulus an die Römer, Leipzig 1999, 111.

[3] Henri Nouwen, Nimm sein Bild in dein Herz, Herder Freiburg 1995, 116.

[4] Nouwen 121.

[5] Ulrich Körtner, Dogmatik, Leipzig 2018, 635.