Corona grüßt als Murmeltier

23. Oktober 2020 | Hans-Hermann Pompe | midi / AMD

Von Anfang an schlecht gelaunt, wollte er nur ein Wetter-Ritual abhaken: Den jährlichen Auftritt des Murmeltiers in der Kleinstadt mit dem unaussprechlichen Namen Punxsutawney. Der Tag dort lässt den Wetteransager Phil Connors (fantastisch genervt: Bill Murray) die erwarteten Langeweilen und Ätzereien erleben.

Aber zu seinem Entsetzen ist es danach nicht vorbei. In einer Zeitschleife gefangen erlebt er diesen Tag erneut und in allen Einzelheiten, und das fortwährend. Immer das gleiche Lied am Morgen im Radio, die gleichen Leuten auf der Straße, der gleich tiefe Tritt in eine Pfütze. Niemand außer ihm bemerkt die ständige Wiederholung.

„Haben Sie manchmal Déjà-vus?“, fragt er die Wirtin. „Nein“, entgegnet sie, „aber ich könnte mal in der Küche nachschauen“. Auch durch Selbstmorde kann er dem täglichen Schlimmen, Banalen und Scheitern nicht entgehen: Pünktlich um sechs Uhr morgens beginnt der Alptraum erneut.

Corona bringt derzeit Wiederholungen:

verschärfte Kontaktregeln, steigende Infektionszahlen, drohende Lockdowns. Kein Wunder, dass sich Dystopien, negative Zukunftsbilder ausbreiten: die Gesellschaft spalte sich in Jung gegen Alt, Politiker agierten in Verschwörung und Lüge, Wirtschaftskrise und Verluste seien unausweichlich usw. Dystopien wirken wie ein schwarzes Loch, sie saugen Licht und Hoffnungen auf.

Die große Pianistin Hélène Grimaud, wie die meisten Künstler derzeit ohne Live-Auftritte, wird in der ZEIT gefragt: Wie sind Sie bislang durch die Krise gekommen? (Die ZEIT 38, 10.09.2020)

Hélène Grimaud: „Auch für alle, die nicht existenziell bedroht sind, ist Corona doch eine Prüfung. Mich nervt die Krise jetzt stärker als am Anfang. Vor allem die Unsicherheit finde ich schwer erträglich. Niemand hat eine Lösung, die Wissenschaft nicht, die Regierungen nicht, alle widersprechen sich permanent. Gleichzeitig werden rigide Maßnahmen verhängt. Das gefällt mir nicht.

ZEIT: Worin besteht die Prüfung?

Hélène Grimaud: Es geht um Resilienz, um unsere Widerstandskraft. Aber die Pandemie ist keine Metapher, und nicht alles im Leben hat einen Sinn. Was wir zu tun haben, ökologisch, politisch, persönlich, wussten wir vor der Krise. Insofern ist Corona für mich eine riesige Shitshow. Die Herzen und Seelen der Menschen verkümmern, und dieser Prozess lässt sich weder durch soziale Projekte noch durch Konzerte im Netz aufhalten ...“

Der Alltag nervt,

die Ungewissheit zermürbt, die Frustration sucht Sündenböcke, Ratlosigkeit flieht in Verschwörungen?

Hier wird Jesus als Licht der Welt zur Schlüsselkategorie: Er hat als Einziger das schwarze Loch des Todes überwunden. Als Auferstandener strahlt er Licht und Hoffnung aus.

Wir brauchen Kraft gegen Enttäuschung, Licht für Verbitterung, Hoffnung in Frustrationen.

Was lässt dieses Licht besonders wirken?

  • Sich Schönheit suchen

Schönheit kann uns in Staunen versetzen. Für mich waren es in den letzten Wochen u.a. ein Abendhimmel mit wunderbaren Farben, Jungs in der Innenstadt auf Trickfahrrädern mit unglaublichen Kunststücken, der Geschmack von frisch gekochter Erdbeermarmelade, eine Blueskollektion auf dem Musikkanal. Schönheit ist Erinnerung an das Paradies, ein Geschenk Gottes, das unsere Seele aufbaut und versorgt.

  • Beziehungen lebendig halten

Sie verbinden uns mit anderen in Zuwendung. Wir Menschen leben als Beziehungswesen, sind angewiesen auf Ansprache, Kontakte, Ermutigung und Korrektur, wir können Zeichen der Liebe verschenken. Nichts kann uns mehr tragen in Ungewissheiten als gute und liebevolle Beziehungen. Sie erwachsen aus Gottes Liebe, sie erneuern sich, wo Gott sich mit uns verbindet.

  • Aus der Gnade leben

Im Alten und im Neuen Testament umfasst das Wortfeld ‚Gnade‘ auch Freundlichkeit, Schönheit und Anmut, Dank und Geschenk. Als geschenktes Leben wirkt Gnade gerade in Scheitern und Zerbrechen. Deshalb ist Gottes unverdiente Zuwendung so notwendig wie Lebensmittel.

  • Dankbarkeit üben

Danken ist staunendes Echo auf geschenktes Leben. Uns hier in Deutschland geht es im weltweiten Vergleich unglaublich gut. Lobe Gott dafür und vergiss es nicht, sagt Psalm 103. Und dann teile, was dir möglich ist, mit denen, die weniger haben.

Veränderung ist möglich

Der Tag des Murmeltiers bleibt eine Vorhölle, wenn man die Banalitäten und Abgründe des Lebens ohne Änderung durchleben muss. Aber Veränderung ist möglich.

Im Lauf des Filmes kommt es zu läuternden Erfahrungen der Gnade, als Connors beginnt, in Einzelheiten anders zu reagieren, freundlich, gewinnend, hilfreich. Dabei verliebt er sich in seine Aufnahmeleiterin Rita. Aber um sie zu gewinnen, muss er täglich um sie werben, lernt die Ausdauer und Kreativität der Liebe.

Durch kleine Veränderungen des Alltags-Skriptes tut er anderen Menschen in dieser Zeitschleife Gutes. So wird aus dem unverträglich Genervten nach und nach ein charmanter und liebenswerter Kerl.

Das hatten wir doch schon mal?

Die Coronakrise als Tag des Murmeltiers, mit zweiter Welle?

Das Leben mutet uns gelegentlich Wiederholungen zu, bis wir etwas gelernt haben.

Die Alltage werden damit zu geistlichen Herausforderungen, zu Gottes Werkstatt, um uns in Menschen nach dem Bild Jesu zu verwandeln.

Ich sehe drei geistliche Herausforderungen:

Mit dem Unberechenbaren der Pandemie umgehen

Infektions-Zahlen zeigen verspätet an, was 14 Tage vorher stattgefunden hat. Eine Ansteckung ist in einer vernetzten Gesellschaft trotz aller Vorsicht möglich. Vieles bleibt unplanbar, die Ereignisse brauchen dennoch angemessene Reaktion. Fahren auf Sicht und weise Vorplanung gehen Hand in Hand, werden zu einer gemeinsamen Herausforderung: Bewusst das Heute zu leben und sich zugleich in Gottes Zukunft zu verankern.

Trotz Dauer und Umfang der Einschränkungen leben

Bleibe ich im Unfrieden mit den Einschränkungen, im Protest und Frust? Oder nutze ich das, was ich ändern kann, um anderen Gutes zu tun? Freiheit ist in der Sicht der Bibel Freiheit zum Guten, nicht Freiheit vom Nervenden.

In Ungewissheit hoffen können

Die meisten ahnen, dass die Zukunft anders wird als vermutet. Aber niemand weiß, was genau sich durch Corona für diese Welt, für unsere Gesellschaft hier, für Kirche und Gemeinden, für uns einzelne ändern wird. Nichts aber setzt Gottes Zukunft außer Kraft, seine kommende neue Welt ohne Tränen, Gewalt, Tod und Leiden.

Für Phil und Rita gibt es – schließlich ist es ein Hollywoodfilm – zuletzt ein Happy End: Als Rita seine Liebe schließlich erwidert, endet der Alptraum. Und darin klingt sogar eine Zentralaussage der Bibel an: Nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes.